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Goethe-Universität Frankfurt Frankfurter Wissenschaftsskandal Vorlage für Roman

Der Wissenschaftsskandal um den Frankfurter Anthropologen Reiner Protsch ist zu einem Roman geworden.

Frankfurter Universität
Ein Blick ins frühere Institut für Anthropologie. Foto: davidson black

In der Geschichte der Frankfurter Universität war er gewiss eine der schrillsten Persönlichkeiten. Wer Reiner Protsch – ab 1991 nannte er sich Protsch von Zieten – je erlebt hat, dem dürfte das exzentrische Auftreten des Anthropologieprofessors, der Siegelring trug und sich in edlem Zwirn ebenso gerne wie in kernigem Indiana-Jones-Look präsentierte, auch nach Jahren noch vor Augen stehen. Viele Studenten und Kollegen werden sich über ihn amüsiert, den Kopf geschüttelt oder hinter seinem Rücken gelästert haben über seine Eitelkeit, seine Selbstverliebtheit und sein aufschneiderisches Getue. Etliche werden sich auch gedacht haben, dass er arg dick aufträgt, wenn er mit durchdringender, nicht sehr tiefer Stimme von seinen hochrangigen Doktorvätern sprach, sich mit eigenen bahnbrechenden Erkenntnissen brüstete und als Koryphäe von Weltruf darstellte. Und,  ja auch das, nicht wenige werden diesen bunten Vogel auch als unterhaltsame Abwechslung im zuweilen trockenen Lehrbetrieb empfunden haben.

Aber dass Protsch tatsächlich Fälschungen beging, manipulierte, immer wieder, und einen der größten Wissenschaftsskandale in der Nachkriegszeit verursachen würde? Manchmal blitzten Verdachtsmomente auf, erstmals bereits 1973, bei seiner Berufung als hochdotierter Professor und Leiter des Franz Weidenreich-Instituts für Anthropologie an der Frankfurter Universität, als Experten Ungereimtheiten in seinen Bewerbungsunterlagen auffielen. Später, in den 1980er Jahren, gab es Zweifel an der Korrektheit seiner Datierungen von Fossilien.

Wertvolle Instituts-Sammlung als Eigentum ausgegeben

Doch ernsthaft verfolgt wurde nichts davon. Erst kurz vor dem Erreichen des Pensionsalters flog Protsch auf, als er eine wertvolle Sammlung von 278 Schimpansenschädeln aus dem Besitz des Instituts als sein Eigentum ausgab und für 70 000 Dollar in die USA verkaufen wollte. Die Frankfurter Universität erfuhr davon, erteilte Protsch Hausverbot und stellte Strafanzeige. In der Folge kam es zu einer wahren Flut an Vorwürfen: So soll Protsch unter anderem Fossilien aus der menschlichen Vorgeschichte in seinem Labor Institut absichtlich älter datiert haben, um Sensationsfunde präsentieren zu können. Auch bei seinem zweiten Doktortitel soll er es nicht so genau genommen haben – und andere sollen wiederum nicht so genau hingeschaut haben. Denn Protsch erwarb sich den Dr. der Paläontologie (die Wissenschaft der vorzeitlichen Lebewesen und der Geschichte des Lebens auf der Erde) mit der Beschreibung einer angeblich bislang unentdeckten fossilen Halbaffenart, die aber tatsächlich auf einem gekauften Schädel neuerem Datums basiert haben soll. 

Auch seine Ausbildung als Paläoanthropologe samt zahlreicher von ihm angegebener akademischer Grade wurde nun in Frage gestellt, sogar sein Abitur. 2005 versetzte man Reiner Protsch, damals 64, vorzeitig in den Ruhestand, das Institut für Anthropologie und Humangenetik für Biologen, an dem er mehr als 30 Jahre gewirkt hatte, wurde geschlossen.

Am Frankfurter Landgericht kam es 2009 zum Prozess gegen den Wissenschaftler, unter anderem wurden ihm Urkundenfälschung, Unterschlagung, versuchter Betrug, Untreue und ein Verstoß gegen das Bundesnaturschutzgesetz vorgeworfen, insgesamt 17 Straftaten. Protsch räumte alle Anklagepunkte ein und wurde zu eineinhalb Jahren auf Bewährung verurteilt.
Diese Geschichte hat jemand, der den tief gefallenen Anthropologen offenbar selbst aus dem Studium oder wissenschaftlichen Betrieb kennt, literarisch verarbeitet: „Schädelfall“ heißt sein Roman, Untertitel: „Ein Frankfurter Universitäts-Skandal“ und ist im Mainbook-Verlag erschienen. Der Autor, der unbedingt anonym bleiben möchte, hat das Buch unter dem Pseudonym Davidson Black verfasst, angelehnt an den Namen eines bedeutenden kanadischen Paläoanthropologen.

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