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Goethe-Uni in Frankfurt Adorno ist schon lange weg

Vom Erbe Adornos sei an der Frankfurter Goethe-Universität kaum etwas übrig geblieben, sagen Studierende. Sie fordern eine reguläre Professur und eine dauerhafte Gastprofessur für kritische Gesellschaftstheorie.

Adornos Schreibtisch
Wie viel ist vom Image geblieben? Der Schreibtisch von Theodor W. Adorno auf dem Campus Westend. Foto: Peter Jülich

Die Frankfurter Goethe-Universität gilt als Heimathafen der Kritischen Theorie. Doch von Adornos Erbe ist kaum mehr geblieben als der nach ihm benannte Platz am Campus Westend. Diesen Eindruck haben zumindest einige Studierende vom Fachbereich für Gesellschaftswissenschaften. „Es wird zwar gerne mit dem kritischen Image und dem Schreibtisch von Adorno geworben, aber nichts unternommen, um dieser Werbung auch Substanz zu verleihen“, lautet der Vorwurf „Beziehungsweise Kritik“. Sie ist eine von mehreren studentischen Organisationen, die sich für die kritische Gesellschaftstheorie an der Frankfurter Universität einsetzen.

Die Studierenden fordern eine reguläre Professur und eine dauerhafte Gastprofessur für kritische Gesellschaftstheorie. Denn Erstgenanntes gibt es in Frankfurt zurzeit gar nicht. Die Gastprofessur läuft im Sommer 2019 aus. Zurzeit besetzt sie Daniel Loick. Seine Seminare sind mehr als gut besucht: Bis zu 250 Studierende quetschen sich in die Räume, wenn Loick lehrt. „Das Lehrangebot ist auf keinen Fall ausreichend“, kommentiert er die Verhältnisse. „Die Situation ist dramatisch. Für viele Leute ist das kritische Angebot in Frankfurt der Grund, für ihr Studium hierher zu kommen. Und dann sind sie bitter enttäuscht.“

Geforscht wird im Bereich der kritischen Gesellschaftstheorie in Frankfurt seit 1923 – mit einer Unterbrechung durch den Nationalsozialismus – vor allem am Institut für Sozialforschung. Dort ist die „Kritische Theorie der Frankfurter Schule“ in den 1960er Jahren entstanden. „Die Studenten halten immer an dieser ‚Kritischen Theorie‘ fest, aber heute gibt es moderne Weiterentwicklungen davon“, sagt Dekanin Sigrid Roßteutscher.

„Beziehungsweise Kritik“ betont auf der eigenen Facebook-Seite, dass sie sich auch für neuere kritische Gesellschaftstheorien einsetzten, doch auch mit einem weiten Verständnis der kritischen Theorien sei die Lehrsituation „fatal“. Roßteutscher sieht die Problematik an anderer Stelle: „Einige Dozenten sind sehr angesagt, während andere Seminare gar nicht überlaufen sind. Das ist ein Verteilungsproblem.“ Die Dekanin sieht keine Möglichkeit etwas dagegen zu unternehmen: „Das Problem haben alle Disziplinen. Man kann nicht alle Wünsche erfüllen.“

Gastprofessor Loick betont die Relevanz der kritischen Gesellschaftstheorien und ihrer Lehre heute: „Wir haben weltweit eine erschreckende politische Entwicklung: Rechtsruck und Attacken auf demokratische Institutionen. Da ist es kein Luxus, die grundlegenden Herrschaftsverhältnisse kritisch zu hinterfragen, sondern überlebenswichtig.“

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