Lade Inhalte...

Zusatzbehandlungen Die meisten „Igel“ schaden eher

Kosten teils hoch, Nutzen umstritten: Der Medizinische Dienst der Krankenkassen warnt vor kostenpflichtigen Zusatzbehandlungen, die Ärzte anbieten.

Igel
Nicht alle individuellen Gesundheitsleistungen sind hilfreich. Ihr Nutzen ist höchst umstritten. Foto: imago

Durchblutungsfördernde Infusionen sollen Hörsturzsymptome lindern, Augeninnendruckmessungen auf Glaukome hinweisen, Eigenblutspritzen gegen Kniebeschwerden helfen und Darmspülungen Verdauungsbeschwerden beheben. Individuelle Gesundheitsleistungen, kurz Igel, versprechen gesundheitlichen Mehrwert jenseits des Leistungsangebots der Krankenkassen.

Ihr tatsächlicher Nutzen ist indessen höchst umstritten. Dem aktuellen Igel-Monitor des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen (MDS) zufolge waren im vorigen Jahr 25 von 49 untersuchten Igel der Gesundheit der Patienten sogar eher abträglich: Vier erhielten die Benotung „negativ“, 21 weitere wurden als „tendenziell negativ“ eingestuft. Für 20 Igel war die Datenlage für eine Bewertung nicht ausreichend, bei nur drei Angeboten erkannten die MDS-Wissenschaftler eine „tendenziell positive“ Wirkung.

Offenbar gehe es bei den Igel-Angeboten nicht zuvörderst um nachweisbaren medizinischen Nutzen, sondern um „Vorlieben einzelner Arztgruppen und Umsatzinteressen von Praxen“, meint MDS-Geschäftsführer Peter Pick.

Unzweifelhaft sind Igel für die niedergelassene Ärzteschaft ein gutes Geschäft. Das wissenschaftliche Institut der AOK beziffert den Igel-Jahresumsatz in Deutschland mit rund einer Milliarde Euro – eine Schätzung, die auch der MDS für plausibel hält. Für wirtschaftliche Interessen der Praxen spricht dabei auch die Tatsache, dass der Anstoß für eine Igel fast immer vom Arzt ausgeht: In einer repräsentativen Umfrage für den Igel-Monitor nannten 96 Prozent der Patienten den Arzt als Initiator, nur vier Prozent hatten von sich aus nach den Leistungen gefragt. Knapp der Hälfte der Befragten war in den vorangegangenen drei Jahren mindestens einmal eine Igel angeboten worden, rund ein Drittel hatte eine Igel auch in Anspruch genommen.

Igel kosten zwischen fünf und einigen Hundert Euro

Dabei gehen manche Mediziner offenbar über bloße Beratung weit hinaus, denn 39 Prozent der Umfrageteilnehmer gaben an, sich durch Igel-Angebote „bedrängt“ gefühlt zu haben. Mitunter werde den Patienten mit möglicherweise unerkannten Krebserkrankungen regelrecht gedroht, weiß Michaela Eikermann, die den Bereich „Evidenzbasierte Medizin“ im MDS leitet. Klar ist: Die Verunsicherung der Patienten zahlt sich für die Praxen aus, denn sie können für Igel die gleichen hohen Honorarsätze erheben wie bei Privatpatienten. Der Unterschied ist: Igel zahlen Kassenpatienten vollständig aus eigener Tasche. Die Kosten liegen je nach Leistung zwischen fünf und einigen Hundert Euro.

Dabei sind die Ausgaben ärgerlich, gravierender aber sind gesundheitliche Folgeschäden mancher Maßnahmen. Ausgerechnet die am häufigsten angebotene Igel – Messung des Augeninnendrucks – hat laut MDS eher negative als heilsame Effekte. Die Leistung, die 22 Prozent aller Igel-Angebote ausmacht, führt laut Pick in neun von zehn Fällen zum Fehlbefund.

Ebenfalls hart fällt das Urteil zur Nummer zwei auf der Igel-Liste aus: Die Ultraschalluntersuchung der Eierstöcke zur Krebsfrüherkennung, die jeder dritten Umfrageteilnehmerin in den letzten drei Jahren angeboten wurde, richtet laut MDS mehr Schaden als Nutzen an. Bei 99 Prozent aller dabei festgestellten Auffälligkeiten handele es sich um falschen Alarm. Umgekehrt bleibe ein Drittel der Tumore unentdeckt.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen