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Zecken Mehr Blutsauger in den Städten

FSME-Expertin Meyding-Lamadé über die wachsende Verbreitung von Zecken auch in städtischen Gebieten und das Risiko, sich zu infizieren.

Sommer in Dresden
Einen Zeckenstich kann man sich immer öfter auch in der Stadt holen. Foto: dpa

Sie sitzen im Gras, in Sträuchern, im Unterholz – und fühlen sich bei den jetzt herrschenden warmen Temperaturen wohl: Zecken leben zu Milliarden überall in Deutschland und machen sich auch in Großstädten zunehmend breit. Damit steigt dort ebenfalls das Risiko, sich mit einer der Krankheiten zu infizieren, die von den Spinnentieren übertragen werden: mit Borreliose oder Frühsommer-Meningoenzephalitis, kurz FSME. Im Interview mit der Frankfurter Rundschau spricht die Neurologin und FSME-Expertin Uta Meyding-Lamadé vom Krankenhaus Nordwest in Frankfurt über die wachsenden Zecken-Populationen in Europa, die Gründe dafür und die potenziellen Gefahren, die von einem Zeckenstich ausgehen.

Frau Meyding-Lamadé, es gibt Meldungen, dass Zecken nun auch verstärkt in Großstädten vorkommen. Hieß es bislang nicht immer, dass man sich vor allem in der freien Natur, im Wald und auf Wiesen, vor ihnen in Acht nehmen muss?
Tatsächlich sind mit der wachsenden Begrünung der Städte – was ja eine sehr schöne Entwicklung ist – Zecken zunehmend auch dort zu finden. Die vielen Parks und Grünanlagen ziehen sie an. Dort fühlen sie sich wohl und können auch gut überleben, selbst wenn sie einmal längere Zeit keine Blutmahlzeit bekommen. Denn Zecken sind sehr genügsame Tiere und passen sich bestens an ihre Umwelt an. Das adulte Weibchen nimmt sogar nur eine Blutmahlzeit zu sich; sie überleben sogar, wenn sie in der Waschmaschine geschleudert werden. Eine ganz neue Erkenntnis ist es zudem, dass neben dem Gemeinen Holzbock noch eine weitere Zeckenart, die Auwaldzecke, FSME übertragen kann. Das haben Wissenschaftler der Universität Hohenheim im April 2017 beschrieben. Eine spektakuläre Entdeckung, ging man doch bislang davon aus, dass die Gefahr nur vom Gemeinen Holzbock ausgeht. Das alles bedeutet: Man sollte nicht nur im Wald damit rechnen, von einer Zecke gestochen zu werden, das kann einem leicht auch passieren, wenn man in der Stadt in einem Café an einem Gebüsch sitzt und eine schöne Tasse Kaffee trinkt.

Sind große Müllmengen und die von ihnen angezogenen Ratten auch ein Faktor für die Zunahme in den Städten?
Das glaube ich nicht. Eher schon dürfte die größer werdende Zahl der Kaninchen in den Grünanlagen der Großstädte eine Rolle spielen.

Wie kommen die Erreger denn eigentlich zur Zecke?
Zecken nehmen sie durch ihre Blutmahlzeiten auf. Rehe und Igel etwa tragen viele Zecken mit FSME-Viren, aber auch Vögel können Wirte sein. Bei den Zecken halten sich die Viren im Magen-Darm-Trakt auf und kommen bei der nächsten Blutmahlzeit von einem Tier zum anderen – oder eben auch zum Mensch. Allerdings muss man sagen: Die Übertragung des Erregers bedeutet noch lange nicht, dass jemand auch erkrankt, in den meisten Fällen kommt es nicht dazu.

In welchen Gebieten in Deutschland ist das Risiko einer FSME-Infektion besonders hoch?
Das Risiko ist vor allem in Baden-Württemberg, Hessen, am Bodensee und ganz besonders im Bayerischen Wald im Verhältnis hoch. Letzten Endes ist man aber in ganz Deutschland nicht vor einer durch Zecken übertragenen FSME gefeit. Ich würde mich auch nicht auf die Angaben zu Risikogebieten verlassen. Nordhessen etwa ist nicht als solches ausgewiesen, Südhessen dagegen schon. Aber Zecken kennen keine Kreisgrenzen. In Kassel kann man sich durch einen Zeckenstich ebenso mit FSME infizieren wie im Landkreis Darmstadt-Dieburg. Die Krankenkassen übernehmen deshalb auch überall bereitwillig die Kosten für eine Impfung.

Stimmt es, dass Zecken auch immer weiter Richtung Norden wandern?
Ja, das hängt zu einem großen Teil mit der Klimaerwärmung zusammen. Zecken haben sich inzwischen fast über ganz Europa ausgebreitet, sind jetzt zum Beispiel schon im Norden von Schweden zu finden. Auch in Großbritannien gibt es viele Zecken.

Ein Ende dieser Entwicklung ist nicht in Sicht?
Durch die Klimaerwärmung wird es für die Zecken immer angenehmer, deshalb werden sie weiter zunehmen. Sie können Trockenheit gut verkraften und werden bereits ab einer Außentemperatur zwischen sechs bis acht Grad aktiv. Das kann damit schon im Dezember an einem warmen Weihnachtstag der Fall sein. Und auch dann kann man sich infizieren, wie ich auch aus meiner klinischen Erfahrung weiß. Wir hatten schon im November Patienten mit FSME. Früher dachte man zudem, ab 800 Metern Höhe gibt es keine Zecken mehr. Das ist vermutlich falsch. Wenn es weiter oben entsprechend warm wird, können sie auch dort überleben.

Haben Zecken eigentlich schon immer Krankheiten übertragen oder ist das erst eine Entwicklung vergangener Jahrzehnte?
Zecken sind ein Erfolgsmodell der Evolution. Sie haben sich seit fünf Millionen Jahren genetisch überhaupt nicht verändert. Deshalb kann man auch fest davon ausgehen, dass sie schon immer diese Krankheiten übertragen haben. In Deutschland hat das Infektionsschutzgesetz von 2001 dazu geführt, dass mehr FSME-Fälle bekannt werden. Denn heute müssen die Labore sie melden, früher waren die Hausärzte zuständig – und die haben es oft vergessen.

Wie häufig kommt FSME in Deutschland vor?
Wir hatten zuletzt viele Fälle. 2016 waren es 348, im Jahr davor 219. In diesem Jahr wurden bisher 23 Fälle gemeldet, aber die FSME-Saison hat ja auch gerade erst begonnen, sie hat ihre Hoch-Zeit in den Monaten Mai bis September. Hinzu kommt, dass die Verläufe meist sehr schwer sind, weil vor allem Erwachsene erkranken, die Zeit haben, ins Freie zu gehen. Und leider sind gerade diese Menschen selten geimpft. Vor allem die über 50-Jährigen erkranken oft schwer. Bei Kindern entwickelt sich oft nur eine Meningitis, eine vergleichsweise harmlose Hirnhautentzündung, von der sie wieder vollständig gesunden; außerdem sind viele Kinder geimpft. Erwachsenen hingegen droht eine Enzephalitis, eine richtige Gehirnentzündung, bei der auch das Rückenmark mit einer Myelitis betroffen sein kann. Bei den über 60-Jährigen kommt es bei fast 70 Prozent dazu. Ist das Rückenmark beteiligt, dann bleibt bei 40 Prozent der Patienten eine anhaltende Funktionsstörung zurück, die Sterblichkeit steigt auf zehn Prozent. Insgesamt liegt sie bei der FSME bei ein bis zwei Prozent.

Empfehlen Sie grundsätzlich eine Impfung gegen FSME?
In Bayern, Baden-Württemberg und Hessen würde ich sie allen Menschen empfehlen, die gerne im Garten arbeiten, in den Wald gehen und häufig im Schwimmbad sind.

Warum verhält es sich eigentlich so, dass die FSME nur regional vorkommt, während Borreliose überall von Zecken übertragen wird?
Die Durchseuchung der Zecken mit Borreliose ist viel größer. Borreliose ist eine bakterielle Erkrankung, die mit Antibiotika gut zu behandeln ist, aber gegen die man nicht impfen kann, weshalb sie niemals aussterben wird. FSME dagegen könnte man durch eine durchgeimpfte Bevölkerung fast auf null drücken.

Können Zecken noch andere Krankheiten übertragen? Oder besteht die Gefahr, dass sie das in Zukunft noch tun werden?
Zecken können noch andere Bakterien als Borrelien übertragen, aber diese sind nicht sehr gefährlich. Ich gehe nicht davon aus, dass es bei den Zecken zu ähnlichen Entwicklungen kommen wird wie bei den Stechmücken, wo in unseren Breiten immer mehr Asiatische Tigermücken zu finden sind und damit auch Erkrankungen auftreten könnten, die es bislang bei uns nicht gab. Aber was ich im Zusammenhang mit der Zecke so schade finde, ist die Tatsache, dass wir hier wirklich eine Krankheit verhindern könnten. Deutschland hat im Hinblick auf mangelnde Impfungen eine unrühmliche Geschichte, auch bei den Masern haben wir uns Tausende Fälle angezüchtet. Bei der FSME ist Österreich ein gutes Beispiel. Dort gibt es durch Serienimpfungen, die in der Bevölkerung akzeptiert sind, nur noch eine Handvoll FSME-Fälle. Völlig ausrotten wird man diese Viren allerdings nicht können, weil das Virus – anders als Polio – nicht nur Menschen, sondern auch Tiere als Wirte nutzt. Deshalb ist die Erkrankung auch nur durch stetige Impfungen in den Griff zu kriegen. In dem Moment, wo man damit aufhört, hat man die Erkrankung wieder.

Schützt eine Impfung lebenslang?
Wenn eine Impfung vollständig durchgeführt wird, haben Erwachsene einen Schutz von fünf Jahren, dann ist eine Auffrischung fällig. Über 50-Jährige und Kinder sollten alle drei Jahre geimpft werden. Das heißt: Das Bewusstsein muss immer da sein.

Wenn ich bereits gestochen wurde, nutzt die Impfung aber nichts mehr, oder?
Sehr wahrscheinlich nicht, weil es ein bis zwei Wochen dauert, bis die Impfung ihre volle Schutzwirkung entfaltet. Aber man sollte nach einem Stich Ruhe bewahren und sich so schnell wie möglich von der Zecke befreien und sie am besten mit einer chirurgischen Pinzette entfernen – samt Kopf, denn die Erreger befinden sich in den Speicheldrüsen. Weshalb man davon ausgehen muss, dass es sofort nach dem Stich zur Übertragung kommen kann. Mit einem energischen Ruck zieht man die Zecke dann aus der Haut. Das kann jeder, der auch in der Lage ist, einen Nagel aus der Wand zu ziehen.

Interview: Pamela Dörhöfer

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