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Weihnachten allein Wenn Einsamkeit krank macht

Mehr als jeder zehnte Deutsche leidet unter dem Gefühl des Alleinseins. Das kann schwere Folgen für die Gesundheit haben.

24.12.2017 13:00
Valentin Frimmer, dpa
Einsamkeit
Manche graut es vor dem Fest der Liebe – wenn keiner für einen da ist Foto: dpa

Dieses Jahr trifft es mich besonders hart“, sagt Uwe Michalzik aus Hannover, wenn er auf das anstehende Weihnachtsfest angesprochen wird. Eigentlich wollte er das Fest der Liebe zusammen mit seiner neuen Freundin feiern. Doch daraus wird nichts, die Beziehung ging vor Kurzem in die Brüche.

Auf seine Familie kann der 63-jährige Verkäufer einer Straßenzeitung an Heiligabend nicht bauen. „Ich lebe seit vielen Jahren alleine.“ Zuvor war er wohnungslos. Zu seinen Söhnen habe er schon lange keinen Kontakt mehr, sagt Michalzik. Deshalb wird er auch in diesem Jahr an Heiligabend eine Weihnachtsstube – eine Art öffentliche Weihnachtsfeier – an seinem Wohnort Hannover besuchen. „Oder soll ich etwa zu Hause rumhocken?“

Zu der Weihnachtsstube des Diakonischen Werks in Hannover kommen rund 100 Menschen, sagt Diakoniepastor Rainer Müller-Brandes. Das Publikum bei Kartoffelsalat, Bockwürsten und Weihnachtsgeschichte sei gemischt: 70 Prozent seien Wohnungslose oder Armutsbevölkerung. 30 Prozent der Besucher seien aus dem eher bürgerlichen Milieu. „Es gibt ein gemeinsames Interesse, nämlich an Heiligabend nicht alleine zu sein.“

Alleine an Weihnachten – für viele Menschen ist das ein besonders beklemmender Gedanke. „Dieses emotional aufgeladene Fest führt dazu, dass man sich noch einsamer fühlt“, sagt der Direktor der Klinik für Psychosomatische Medizin am Universitätsklinikum Mainz, Manfred Beutel. Und ergänzt: „Weihnachten ist emotional überfrachtet.“

Mediziner wie Beutel sind der Ansicht, dass gerade das Alleinesein an Weihnachten ein Hinweis auf generelle Isolation, Einsamkeit und Ausgeschlossenheit ist. Weihnachten alleine zu sein zähle zu den belastenden Lebensereignissen. Bei einer Umfrage des Marktforschungsunternehmens GfK aus dem Jahr 2012 gaben drei Prozent der Menschen an, Weihnachten alleine zu verbringen.

Beutel hat kürzlich untersucht, wie viele einsame Menschen es in Deutschland gibt und welche gesundheitlichen Folgen das hat. Mehr als jeder zehnte Befragte gab an, häufig einsam zu sein, wenig Kontakte zu haben und darunter zu leiden. Je nach nach Staat und Herangehensweise erhalte man sogar Werte von bis zu 40 Prozent.

Für die im März dieses Jahres im Fachjournal „BMC Psychiatry“ erschienene Untersuchung hatte Beutel mit Kollegen Daten der Gutenberg-Gesundheitsstudie ausgewertet, für die 15.000 Rheinland-Pfälzer befragt und untersucht worden waren.

Einsamkeit bleibt nicht ohne Folgen. Betroffene seien wesentlich häufiger depressiv, entwickelten Ängste und hegten Suizidgedanken, sagt Beutel. Zudem rauchten sie mehr und gingen öfter zum Arzt. „Einsame gehen ungesünder mit sich und ihrem Körper um.“

Das beobachtet auch Professor Sonia Lippke, die die Abteilung Gesundheitspsychologie und Verhaltensmedizin an der Jacobs University Bremen leitet. Schlechtere Ernährung, mehr Tabak, mehr Alkohol, weniger Bewegung – Einsamkeit führe oft zu einem ungesunden Lebensstil, sagt Lippke.

Die Folge könnten unter anderem Herz-Kreislauferkrankungen, aber auch Auswirkungen auf die kognitiven Fähigkeiten sein. „Man kann sich beispielsweise Sachen nicht mehr so gut merken, auch die Aufmerksamkeitsspanne nimmt ab“, sagt Lippke. Zudem litten Einsame häufiger an Schlafstörungen, die sich langfristig auf die Gesundheit auswirken.

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