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Wach-Operation „Mein Gehirn hat Licht gesehen“

Hartwig Partmann muss wegen eines Tumors am Kopf operiert werden. Und das bei vollem Bewusstsein, damit der Arzt das Sprachzentrum nicht zerstört. Zwei Reporter haben den Patienten bei seiner „schlimmsten Erfahrung“ begleitet.

30.05.2011 15:52
Christian Trutschel (Text) und Rainer Pregla (Fotos)
Präzisionsarbeit: Prof. Mehdorn operiert mehr als drei Stunden am Kopf des Patienten. Dabei unterhält er sich mit ihm, findet beruhigende Worte. Foto: Foto Rainer Pregla, Kiel

Diesen Mittwoch, den Nachmittag und den Abend, den wünsche ich meinem schlimmsten Feind nicht. Für mich war es ein Gefühl, wie am Grand Canyon zu stehen, in diesen Abgrund zu blicken, von hinten gestoßen zu werden und den Halt zu verlieren.“

DIE ENTDECKUNG

„Etwas später telefonierte ich mit einem meiner besten Freunde wegen unseres Flugzeuges. Er ist Neurochirurg. Plötzlich, während des Telefonats, hatte ich etwa 15 Sekunden lang Sprachstörungen. Ich lallte. Mein Freund hörte das natürlich und schärfte mir ein: „Du gehst jetzt sofort zu deinem Hausarzt und lässt dich in die Neurologie einweisen!“ So kam ich in die Stroke-Unit (Schlaganfall-Spezialambulanz). Ich fühlte mich fit und gut. Keine Kopfschmerzen, kein Schwindel. Ich habe dort zwei Tage gelegen. Zur Absicherung sollte eine MRT-Untersuchung gemacht werden (MRT = Magnetresonanz-Tomographie, auch Kernspin-Tomographie genannt). Am 1. Dezember.“ An jenem Mittwoch.

Morgens kümmerte sich der erfolgreiche Unternehmer Partmann noch um sein Geschäft – Verkaufskommunikationstraining für Vertriebsmitarbeiter und deren Führungskräfte. Dann brachte er sein Auto zur Werkstatt, schaute noch einmal auf dem Flugplatz vorbei. Früher hatte er als Jet-Pilot in den Fliegerischen Dienst der Luftwaffe gewollt, war aber wegen Kinetose, einer auch bei Astronauten gefürchteten Reise- und Bewegungskrankheit, nach acht Jahren Dienst und Ausbildung ausgestiegen. Heute ist er Pilot einer Privatmaschine. Die Fliegerei sei das, womit er seine Seele massiere. „Nachmittags bin ich zur MRT-Untersuchung, legte mich dort sehr entspannt hin.“

Es gebe Sätze, die sich einem tiefer einprägen als andere, sagt Partmann und zitiert den untersuchenden Arzt: „Ich habe eine schlechte Mitteilung für Sie. Sie haben einen Gehirntumor.“ Das war um 15 Uhr an jenem Mittwoch. Auch für seine Familie – Ehefrau und zwei Töchter, 18 und 16 Jahre alt – sei es „wie eine Faust ins Gesicht gewesen. Ich hatte sofort existenzielle Ängste. Vor allem, weil ich mit Tumor immer Tod verbinde. Aber auch, weil dieser Tumor etwa zwei Zentimeter groß ist und relativ nah am Sprachzentrum liegt. Ich bin ein Herr des Wortes. Ich muss mich darauf verlassen können, dass ich kommunizieren und artikulieren kann, dass ich Training und Analyse sprachlich vermitteln kann. Wie sollte ich vor einer Führungskraft stehen, wenn ich plötzlich – wie am Telefon – anfange zu lallen? Der Tumor also musste raus, as soon as possible, es gibt ja hier keine Entscheidung, sondern nur diese eine Möglichkeit“.

Realisierbar am Universitätsklinikum in Kiel, Klinik für Neurochirurgie, Direktor Professor Maximilian Mehdorn. Bei den Gesprächen mit Mehdorn legte Partmann Wert auf die Anwesenheit seiner Ehefrau, „weil ich ihr nicht etwas durch mich Gefiltertes erzählen wollte“. Und er wollte auch nichts Geschöntes. „Ich bin Analytiker genug, um die Wahrheit zu ertragen. Ich wollte den worst case wissen.“ Ein Neurologe habe ihm daraufhin die Zahl 200 genannt. „200 Tage, wenn ich nichts unternähme.“ Kurz nach seinem 54. Geburtstag im Mai 2011 wäre also Schluss gewesen, erzählt er von seinem Bett aus. An seinem Kopf befestigt sind mehrere hellgrüne Knöpfe – Referenzpunkte für die MRT während der Operation. Heute. Nur acht Tage nach jenem Mittwoch. Es ist Donnerstag, der 9. Dezember 2010.

Es klopft. Die Tür seines Zimmers im zweiten Stock des Neurozentrums auf dem Gelände der Kieler Universitätsklinik öffnet sich. Eine Schwester sagt: „So, Herr Partmann, es ist so weit. Es geht los.“

DER EINGRIFF

Einschleusung Herren, eine hölzerne Sitzfläche mittig im Raum, darunter mehrere Paare Schuhe, rundum Spinde. „Prof. Mehdorn“, steht auf einem. „Gäste“ auf zwei anderen. Wer weiter will, zieht sich hier bis auf die Unterwäsche aus. Professoren wie Gäste. Tür auf. Nächster Raum. In den Regalen vier Größen grüner Kittel, vier Größen grüner Hosen, Kunststoff-Clogs, grün, in etlichen Schuhgrößen, 46 ist gerade aus, zwei Pappkartons mit OP-Haarmasken und Mundschutz. Danach sehen alle irgendwie gleich aus. Tür auf. Der Flur zu den OP-Sälen des Neurozentrums.

„Achten Sie auf die Sicherheitslinie“, sagt Oberarzt Dr. Lutz Dörner und zeigt auf die roten Markierungen am Boden des MRT-OP-Saales, die einen Halbkreis um den Tomographen bilden, im Volksmund auch „die Röhre“ genannt. Sie stampft wie eine Dampflok, in einem viel zu schnellen Takt, wartend auf die Abfahrt. „Alles magnetisch Metallische, was näher dran ist, ist gefährdet, ins MRT gezogen zu werden. Sauerstoffflaschen. Instrumente. Monitore. Beatmungsgeräte. Kugelschreiber.“ Einige Meter entfernt steht der Operationstisch. „Wir arbeiten mit normalen Instrumenten außerhalb dieser Linie. Innerhalb bräuchte man spezielle amagnetische, zum Beispiel solche mit Titan-Legierung.“

Hartwig Partmann wird im Nebenraum auf die OP vorbereitet. Ihm steht eine, wie Dörner sagt, „sehr große psychische Belastung“ bevor. Denn er wird während der ganzen Operation, die länger als drei Stunden dauern soll, wach sein. Ansprechbar. Eine lokale Betäubung wird dafür sorgen, dass er in den schmerzempfindlichen Teilen, die der Operateur durchdringen muss, keinen Schmerz empfindet. In der Kopfhaut. Im Schädelknochen. In der harten Hirnhaut. Das Gehirn selbst, Sitz der Schmerzverarbeitung, ist schmerzunempfindlich, die Hirngefäße sind es nicht.

„Operiert werden muss im Wachzustand“, erklärt Lutz Dörner, „weil in seinem Fall das Sprachzentrum direkt am Tumor liegt. Die MRT-Untersuchungen im Vorfeld sind nicht so genau, dass wir, wenn der Patient in Vollnarkose wäre, mit Sicherheit sagen könnten, ob wir bei Entfernung des Tumors nicht auch einen Teil des Sprachzentrums entfernt hätten.“ Bisher hätten alle – Kinder und Jugendliche, auch alte Menschen, Frauen wie Männer – die Operationen im Wachzustand gut überstanden. Das Gute an diesen OPs: Der Patient hat keine Probleme mit dem Aufwachen, er könnte sofort nach der OP aufstehen. Theoretisch.

Psychisch ist gerade diese OP sehr anstrengend. Deshalb werden vorher viele Gespräche zur Aufklärung geführt und dem Patienten während der Operation alle Details erklärt. „Neuropsychologen begleiten die gesamte OP zur Testung der Hirnfunktionen, aber auch um die Patienten zu beruhigen, wenn sie Sorgen haben“, so Mehdorn. Die bei dieser Operation zum Einsatz kommende Kombination – Wachzustand bei lokaler Betäubung, Hochfeld-MRT im OP-Saal, zusätzlich Fluoreszenz-Mikroskopie unter Schwarzlicht – ist gegenwärtig das Optimum. Nur wenige große Kliniken in Deutschland haben so ein MRT im OP-Saal. Das MRT gehört hier zum Team. Es taktet unermüdlich in die Stille des OP-Saals.

Professor Mehdorn, der Direktor der Klinik für Neurochirurgie am Kieler Universitätsklinikum, machte 1970 seine erste Operation als Medizinstudent in Zürich mit. „Das war der Funke, mich für die Neurochirurgie zu begeistern“, sagt er heute. Seit 1973 operiert er als Neurochirurg. Seit 1991 in Kiel. Von den jährlich etwa 2300 Operationen an seiner Klinik übernimmt er etwa 500, die Mehrzahl am Kopf. „Die OP im Wachzustand bei Tumoren in eloquenten Arealen machen wir seit 1994“, sagt er in seiner knappen, schnellen Sprache.

Ein Jahr später etablierten sie hier die Neuronavigation, bei der CT- und MRT-Bilder in die OP-Planung einbezogen werden, sodass der Zugangsweg zum Tumor genau planbar ist. Und seit 2005 kombinieren sie die intraoperative MRT mit der Operation im Wachzustand. „Da sind wir weltweit die Klinik mit der größten Erfahrung“, stellt Mehdorn fest.

„Dies ist kein Musterkopf“, sagt der für die Neuronavigation und die Koregistrierung der Bilddaten während der OP zuständige Neurochirurg Dr. Mehran Mahvash mit Blick auf seinen Bildschirm. Dort sind verschiedene Aufnahmen sichtbar, Innen- und Außenansichten eines Kopfs. Einer haarlos, augenlos und beige, wie der einer Schaufensterpuppe. Es ist die 3D-Rekonstruktion des Kopfes von Hartwig Partmann – ohne die hellgrünen Knöpfe. „Über diese Referenzpunkte übertragen wir das virtuelle Bild in die Realität bei der OP – mit einer Genauigkeit von 1,5 Millimetern. Dieser Punkt im Bild ist dieser Punkt am Kopf des Patienten.“

Die Rekonstruktion ist das Ergebnis aus Dichtewerten und den verschiedenen Anregungszuständen, in die das MRT Wasser, Fett und diverse Gewebe im Körper des Untersuchten versetzt hat. Auch den Tumor. Er ist deutlich sichtbar. Auf dem MRT-Bild besser als auf dem CT-Bild. Mahvash kann beide am Bildschirm übereinander legen – das MRT-Bild als navigierbares Fenster auf die Oberfläche des CT-Bildes. Man sieht die Gyrierung, also das Windungsrelief des Gehirns. Und er kann den Tumor ausmessen. Auf diesen, bisher jüngsten Aufnahmen misst er in der Fläche 2,3 mal 1,4 Zentimeter und in der Höhe 1,7 Zentimeter. „Er liegt relativ oberflächlich – das ist gut“, sagt Mehdorn. „Er liegt nah am eloquenten Areal – das ist problematisch.“ Unmittelbar vor der OP muss Patient Partmann noch einmal in die Röhre und vor Abschluss der OP mit offenem Kopf erneut. Um sofort zu kontrollieren, ob noch Tumorgewebe da ist. Das ist der Sinn der intraoperativen MRT. In vielen Kliniken wird erst am nächsten Tag nachgesehen.

„Ganz wichtig ist, dass Sie gleich ganz entspannt sind“, sagt Mehdorn zu Partmann. Dessen Kopf ist zur rechten Seite geneigt, seine Hände hat er auf dem Bauch gefaltet. „Alles okay“, sagt er ruhig, als Mehdorn mit Kraft die Mayfield-Klemme anzieht. Frontal ein Karbon-Dorn, hinten zwei – der Kopf ist jetzt wie in einem Schraubstock fixiert. Wäre Partmann nicht lokal betäubt, am „Skalp“ und den drei Punkten, wo die Klemme angesetzt wird, er hielte den Schmerz nicht aus.

Dann ist er allein. Allein mit dem Krach des großen Geräts, das ihn geschluckt zu haben scheint. Ohrenstöpsel schützen sein Gehör vor den scharfen Tönen. Operateur und Team, darunter Neuropsychologin Lea Kaup und die angehende Neuropsychologin Liliane Becker, sitzen mit Martina Bachmann im MRT-Planungsraum. Bachmann, medizinisch-technische Röntgenassistentin (MTRA), spricht mit dem Patienten über den Tischlautsprecher – etwas lauter wegen der Ohrenstöpsel. Sie fügt die jetzt entstehenden Aufnahmen mit den vorigen zusammen. Nach fünfeinhalb Minuten sagt sie: „Wir holen Sie jetzt raus, Herr Partmann.“

Liegend wird er aus der Röhre auf einer Schiene über die Sicherheitslinie hinweg auf den OP-Tisch geschoben, dann mit diesem gedreht. Ein Rahmen wird gebaut, für die blauen Tücher. Der Patient soll nicht sein eigenes Blut sehen. „Wir sind die ganze Zeit und sofort für Sie da, sollte etwas sein“, sagt Anästhesiepfleger Martin Zinck. Invasive Druckmessung, Atmungsüberwachung, Messung des Sauerstoffgehalts im Blut, EKG – alles wird so gemacht, als wäre auch dieser Patient in Vollnarkose. „Sonst halten wir uns während der OP zurück.“ „Alles okay“, antwortet es nun unter blauen Tüchern. In seinen Händen hält Partmann einen Glücksbringer. Einen kleinen Hasen, den eine seiner Töchter auf dem Jahrmarkt bekam. Er heißt Hoppel. Partmanns Tumor haben sie den Namen Paul gegeben.

Nachdem Mehran Mahvash mit einem Pointer einen Referenzpunkt nach dem anderen am Kopf des Patienten eingelesen und die Spezialkamera ausgerichtet hat – „jetzt kann der Computer uns genau zeigen, wo wir uns am und im Kopf des Patienten befinden, wie nah am Tumor, wie tief im Tumor“ – fragt er Partmann vorsichtig: „Wir müssen dann – wie schon besprochen – ein bisschen Ihr Haar rasieren, in Ordnung?“ Bedauern schwingt mit, das Haar ist sehr dicht und dunkel. „Ja, ist okay. Ich bin hier also beim Friseur?“ „Das ist alles mit inbegriffen“, antwortet Mehdorn, der am Kopfende Stellung bezieht, auf einem kleinen stählernen Podest.

Er ist vollkommen ruhig, ein Beispiel konzentrierter Entspanntheit. Einen Moment, bevor er den ersten Schnitt setzt, herrscht Ruhe im Saal – nur das Takten des Tomographen und das Piepen des auf die Maschine übertragenen Herzschlags sind zu hören. Acht Menschen stehen um den OP-Tisch. Dann durchtrennt Mehdorn den Kaumuskel nahe der Schläfe seines Patienten. Zum ersten Mal fließt Blut. „Kriegen Sie genug Licht und Luft?“, fragt er. „Alles okay“, antwortet Partmann klar und kräftig. Die Neuropsychologin Lea Kaup hält seine Hand. Er muss mit den Fingern tippen, eine Faust machen, „Papier“ machen, seine Zunge herausstrecken, einen Kussmund formen, dann einen Lachmund, schließlich „meine Hand drücken. So fest Sie können. Keine Sorge. Ich halte etwas aus.“

„Paul will jetzt nach Hause“, sagt Partmann. „Da, wo er hingehört. In den Müll.“ „Hatten Sie für Ihre Kinder auch Arbeitstitel während der Schwangerschaft Ihrer Frau?“, fragt Mehdorn, während er sich anschickt, den Schädel zu öffnen. „Nein.“ „Wir immer.“ „Wie viele haben Sie?“ „Drei. So, jetzt machen Sie den Mund bitte auf. Jetzt wird’s ein bisschen laut – wie beim Zahnarzt.“ Allein dieses Geräusch ist eine psychische Belastung – eine Mischung aus Bohrer und kläglich quäkendem Kleinkind. „Wie alt sind Ihre Töchter?“, fragt die Neuropsychologin, während Mehdorn einen runden Knochendeckel vom Schädel entfernt. „18 und 16“, sagt der Patient. Mehdorn nimmt Skalpell und bipolare Pinzette, lässt sich die Brille abnehmen, blickt durch die zwei Okulare eines großen, schwenkbaren Mikroskops. Was er sieht, können nun alle im OP auf kleinen Bildschirmen und einem großen Plasma-Monitor sehen. „Solange wir beide im selben Takt zittern, geht das ja, nicht?“ Er zittert nicht. Er tut minutenlang keinen einzigen Lidschlag. Er ist vollkommen ruhig. Man könnte meinen, seine Hände und Arme seien eingespannt wie der Schädel, in dem er arbeitet. Aber er operiert freihändig. Ohne jede Auflage. Behutsam schneidet er die harte Hirnhaut auf, mit zarten, sehr feinen Schnitten. Darunter ist nun eine Windung des Gehirns zu sehen. Währenddessen erzählt Partmann der Neuropsychologin von der beruflichen Zukunft seiner Töchter. Gespenstisch.

„Sie können am Schirm sehen, dass wir am Tumor sind“, sagt Mehdorn zur Seite. Es ist diese Wölbung, wie ein Ei tief im Nest liegend, umgeben vom kostbarsten Gewebe, das wir haben. Später wird Mehdorn sagen: „Ich hatte die Befürchtung, dass das Sprachzentrum den Tumor überwallt hatte. Das bewahrheitete sich zum Glück nicht. Ich hätte sonst darunter durch schneiden müssen.“ Was auch nicht unmöglich gewesen wäre, aber schwieriger. Jetzt sagt er: „Wir gehen jetzt da rein.“ Ein Schnitt ins Helle, in die weiche, schmerzunempfindliche Hirnhaut. Plötzlich sieht man das dunklere Gewebe des Tumors. Stückweise, Schnitt für Schnitt, holt Mehdorn ihn heraus. Schont die hellen Arterien, schont die dunkelblau schimmernden Venen. Setzt Tamponaden ein, die das Blut der feinsten, nicht zu verschonenden Gefäße aufsaugen und schnell mit ihrer Umgebung verschmelzen. Rein optisch. Jede Tamponade hat ein schwarzes Band, das außen bleibt, so kann keine vergessen werden. Später. Verödet die kleinen Gefäße sofort mit der bipolaren Pinzette. Auf dem Monitor ist deutlich die Bewegung zu sehen, in die der ruhige Pulsschlag des Patienten sein Gehirn versetzt. Ein anderer, weicherer Takt als der harte des MRT im Hintergrund.

Es wirkt alles so einfach – als Laie sieht man nicht, wie viel Erfahrung nötig ist, um diese Arbeit zu tun, wie viel Wissen um die Konsequenzen jedes Eingriffs, die jetzt bedacht werden müssen. Die Gedanken sieht man nicht – weder die des Operateurs noch die seines Patienten. Partmann plaudert, lacht, während er der interessiert fragenden Lea Kaup vom Fliegen erzählt. Fliegen massiert seine Seele.

Aber er ist mehr bei der anderen Sache, bei dieser schlimmsten Erfahrung seines Lebens, wie er sagt. „Wie weit sind wir denn?“ „Direkt an Paul. Aus Paul wird Paulchen“, sagt Mehdorn knapp und schnell. „Dann ganz raus mit ihm“, sagt Partmann energisch. Er muss jetzt Wörter mit L aufsagen. Dann mit B. „Baum, Borke, Busen, Becken“, sagt Partmann. Dann alle Tiere, die ihm einfallen. „Esel, Katze, Hund, Maus, Gepard…wenn ich lache, habe ich Kopfschmerzen“, sagt er. „Dann bleiben Sie mal ernst, nicht?“, gibt Mehdorn zurück und schneidet weiter, ungerührt. Er strahlt eine Souveränität und Zuversicht aus, die sich im ganzen Raum ausbreitet. „Was macht denn aus Ihrer Sicht Karstadt falsch?“, fragt er den Verkaufsleitertrainer. Partmann ist in seinem Element. „Sind Sie am Sprachzentrum?“, fragt er dann unvermittelt. „Ja“, sagt Mehdorn gedehnt, schneidet und saugt frei präpariertes Tumorgewebe ab, „munter dran. Und aus Paulchen wird Paulchenchen.“ Fünf Millimeter nur. Dies könnte der Endpunkt eines großen Sprach- und Sprechvermögens sein, der Endpunkt eines Lebens – und ebenso beider Rettung.

Er habe nun Kopfschmerzen, sagt Partmann. „Wenn nicht, wäre es unnatürlich“, beruhigt Mehdorn. „Sie machen das sehr gut. Tapfer“, sagt Lea Kaup. „Ich habe mal einen Norweger operiert, der in so einem Moment anfing zu fluchen.“ Partmann flucht nicht, er hält aus. Er hätte auch wenig Chancen, wäre er jetzt unbeherrscht. Er redet „wie ein Wasserfall“, scherzt Mehdorn, der es leicht macht, dieses Schwere, der der Überlast auf diesem Menschen Gewicht nimmt. Schnitt für Schnitt, Stück für Stück. „Paulchen ist schon auf dem Absatz kehrt, ich polier’„ nur noch den Absatz“, sagt er. „Wenn ich nicht so ein Pingelpeter wäre, würde ich sagen: Er ist draußen.“

Ihm sei ein bisschen übel, sagt Partmann, der ermahnt wurde, alles zu melden, was ihm auffalle. „Mir auch“, antwortet Mehdorn. Sofort ist der Patient bei ihm. „Wieso das denn? So schlimm, was Sie da sehen?“ „Nee. Aus Sympathie.“ „Es läuft sehr, sehr gut, und Sie machen das sehr gut“, wiederholt Lea Kaup. „Naja, 1 B“, meint Mehdorn. „Wie oft vergeben Sie denn 1 A?“, fragt es unter den blauen Tüchern. „Ganz selten. Der Norweger bekam 2 minus. 1 A habe ich einem 14-Jährigen gegeben. Der bisher jüngste Patient. Ich hab ihm gesagt, wenn alles gut geht – und es ging alles gut – dann fahren wir zusammen Trecker. Das machen wir auch noch.“ „Sie haben einen Trecker?“ „Nee. Aber da ich einen Panzer-Führerschein habe, darf ich auch Trecker fahren.“

Der Sturm ist vorüber, Paul beim Pathologen. Partmann und Mehdorn gestatten einen Blick durchs Mikroskop. Viel schärfer als am Monitor erkennt man die helle, nun ganz freiliegende Arterie und darunter die Höhle, in der der Tumor war. Mehdorns Augen zwischen Haarmütze und Mundschutz lächeln verschmitzt: „Schön, nicht?“, sagt er.

Und zum Patienten: „So. Jetzt machen wir noch die Qualitätssicherung – ein zweites MRT.“ „Nehmen Sie sich alle Zeit der Welt“, antwortet Partmann. „Ich habe mir nichts vorgenommen, heute ist nur Professor Mehdorn angesagt.“ Das Gehirn wirkt eingefallen auf den neuen Aufnahmen, eingesunken unterhalb der harten Hirnhaut, bis zu einem Zentimeter. Verlust an Gehirnwasser. Normal. In ein paar Tagen wird der Körper es aufgefüllt haben. Und in ein paar Monaten auch die deutlich erkennbare Höhle. Mehdorn prüft die Aufnahmen. „Fertig“, sagt er dann in den MRT-Planungsraum. Und draußen, zum Patienten: „Wir haben geguckt. Kein Messer, keine Gabel dringeblieben – Paul hat sich verabschiedet.“

Ob er ein Stück von ihm haben könne, fragt Partmann, das Maskottchen in seiner Hand haltend. Nein, der Neuropathologe untersuche jetzt. Was es denn gewesen sei? „Muss man noch sehen, war ein bisschen komisch. Jetzt machen wir erst einmal zu, damit es nicht rein regnet.“ Während Mehdorn die harte Hirnhaut mit resorbierbarem Vicrylfaden vernäht, schweigt der Patient. Er ist müde jetzt. Auch er hat eine Schlacht geschlagen. Sein Gehirn pulst ruhig, weich, regelmäßig. Der Operateur setzt den Knochendeckel wieder ein, verbindet ihn mit zwei Titan-Fixierungen mit dem Schädel. Sie werden ein Leben lang dort verbleiben. Die letzten Nähte. Wie ein Dirigent steht Mehdorn im OP-Licht. Beendet eine von 500 Operationen jährlich. Mit feinen, weiten, leicht ausschwingenden Bewegungen verknotet er den Faden, der den oberen Kaumuskel zusammenhalten wird: „Die nächsten Tage werden Sie ein bisschen Probleme mit dem Kauen haben.“

NOCH EINE ENTDECKUNG

„Der Frau Kaup, der Neuropsychologin, gebührt ein Riesendank – sie hat mich extrem gut vorbereitet.“ Hartwig Partmann sitzt auf einem Bett im örtlichen Krankenhaus und ist voller Energie. Elf Tage liegt die OP nun zurück. „Sie hat dadurch meine Motivation aufgebaut, dass sie mir die drei Tore genannt hat, durch die ich bei der OP gehen musste: das Anbringen der Klemme – war aushaltbar; die Schädeldeckenöffnung – für mich das schwerste Tor, das spürte ich bis in den Zeh; und das Durchschneiden der Hirnhaut.“ Bis auf einen „Zwickschmerz“ an den Hirngefäßen, die Neurochirurg Mehdorn berührte, habe er während der OP keine Schmerzen empfunden.

Und nach der OP? Ja, das Kauen war anfangs etwas schwer, aber sonst: keine Kopfschmerzen, keine Missempfindungen, kein Schwindel. Keine Beschwerden. Im Gegenteil. „Mir kommt es so vor: Seit mein Gehirn Licht gesehen hat, habe ich einen Zufluss von Kraft und Energie.“ Warum er die Wach-OP so gut überstanden habe? „Ich glaube, einmal deshalb, weil ich ein Positiv-Denker bin und das Vertrauen zu Professor Mehdorn fassen konnte, mich fallen zu lassen. Und dann, weil ich vor der Masse an neuen Informationen nicht zurückgeschreckt bin, sondern eher so etwas wie Neugier empfand, auch wenn Neugier das falsche Wort ist. Was mir sehr geholfen hat, war die fliegerische Ausbildung, also das Entspannungstraining und die Atemtechnik gegen hohe Schwerkraftbelastungen bei Kurvenflügen.“ Für seinen Körper habe er bisher kein gutes Auge gehabt. „Ich packe Unangenehmes eher unter Zipperlein weg.“ Er werde weiter positiv denken, unter einer Prämisse: „Dass ich mit 54 tot wäre, der worst case, ist meine Basis. Aber ich schütze mich vor Enttäuschung und denke mich nicht zu sehr in den best case hinein.“

Vor fünf Tagen – Partmann war längst nach Hause entlassen worden – saß er wieder im Vorzimmer seines Operateurs und wartete. Wartete, dass ihm der Neurochirurg sagte, wer und was Paul nun eigentlich gewesen war. Quälende Stunden. Dann erfuhr er: Paul war eine Metastase, eine Tochtergeschwulst. Es gibt also einen Primärtumor, eine Muttergeschwulst – irgendwo in seinem Körper.

Bei etwa 30 Prozent aller in der Kieler Neurochirurgie am Hirntumor Operierten entpuppt sich das Gewebe bei der neuropathologischen Fein-Untersuchung als Metastase, als, wie Mehdorn sagt, „erste Manifestation eines bis dahin unbekannten Primärtumors“. Dieser kann auch kleiner sein als die Metastase.

Partmann war nach dem Befund-Gespräch leer, „menschenmüde“, wie er sagt. Dennoch oder erst recht nahm er kurz danach am traditionellen Gans-Essen seines Vereins teil. Drei Stunden, „in denen nicht nur über die blöde Krankheit gesprochen wurde“. Die Straßenverhältnisse waren schwierig, doch er lenkte den Wagen selbst. „Das war kein Problem, aber ein psychologischer Abschluss dieser Etappe.“

ES GEHT UM HEILUNG

Schon am Montag, dem zweiten nach der OP, sollte er sich im örtlichen Krankenhaus einfinden.

Pierre – so nennen er und seine Familie den schlummernden Primärtumor. Die nächste Etappe. Partmann, vor drei Monaten noch ein beschwerdefreier Mann, wird sich nun einer klar strukturierten Diagnose- und Therapieabfolge unterziehen: erst die Suche nach dem Primärtumor, zunächst in seiner Lunge – er ist und war Nichtraucher, dann in Magen und Darm – Vater und ein Großvater hatten Darm- bzw. Magenkrebs; dann die nachsorgende, auf die Metastase bezogene Strahlentherapie; dann eine Therapie des Primärtumors.

Zu Hause, am Rechner, während dieser langen Tage der Ungewissheit, kam ihm unter vielen anderen auch die Frage in den Sinn, ob und wie er diese rabiaten letzten Wochen in seinem Beruf konzeptionell umsetzen könnte. „Wenn ich das hier überstehe“, sagt er mit einem Lächeln, „werde ich als Trainer auf einem anderen Niveau ankommen. Mehr Tiefgang.“

Sieben Wochen später hat Hartwig Partmann 25 Bestrahlungen hinter sich gebracht und eine Glatze. „Gefällt meiner Frau nicht, ich tue mich auch schwer damit, aber ich gehe nicht auf allen Vieren“, sagt er. Unangenehm hat sich ihm der leichte Strom-Geruch eingeprägt, der mit den Bestrahlungen – 20 am gesamten Kopf, fünf direkt oberhalb der Operationsstelle – verbunden war. Ein Primär-Tumor ist bisher nicht gefunden worden, auch bei der PET-CT-Untersuchung nicht. Nun soll Partmann Chemotherapie in sechs Intervallen bekommen. Damit sollen möglicherweise in seinem Körper kursierende Tumorzellen getroffen werden, die zu klein wären, als dass die besten bildgebenden Diagnose-Verfahren sie zeigen könnten.

„Das Gespräch mit dem Arzt hier auf der onkologischen Tagesstation hat gut getan. Er machte mir klar, dass es jetzt nicht mehr primär um Verhinderung des Todes gehe wie vor der OP, sondern um Heilung. Während ich am 1. Dezember in die Dunkelheit fiel, sehe ich nun mit viel neugieriger Spannkraft nach vorne. Denn es kommen immer mehr Hinweise: Es kann überlebbar sein.“

Inzwischen liegt sein 54. Geburtstag hinter ihm. Immer für drei Tage ist er zur stationären Chemotherapie nach Kiel gekommen, fünfmal schon. Er hat sie gut vertragen, „natürlich im Rahmen der Krankheit, aber Kurzatmigkeit und Müdigkeitssyndrom zu nennen – das ist nach dem Befund doch eher wehleidig“. Manchmal, in den Wochen dazwischen, mutete er sich zu viel zu. „Da muss ich noch lernen.“ Ganz wichtig, sagt er, sei nun „die Kontrolluntersuchung nach der sechsten Chemo im Juni. Also ist Warten angesagt“. Warten auf den best case.

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