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Placebo-Effekt Die Macht des Glaubens

Neue Forschungsergebnisse belegen, wie viel Gutes der Placebo-Effekt tatsächlich im Körper bewirken kann.

Placebo
Insbesondere die Erwartungshaltung der Patienten spielt eine wichtige Rolle. Foto: istock

Kann es das geben? Dass Schmerz vergeht, wenn man sich ein Gel auf die Haut schmiert, von dem man nur denkt, es enthalte Morphin – das tatsächlich aber ohne jeden Wirkstoff ist? Dass umgekehrt im Glauben an vermeintlich wirkstoffloses Gel keine Besserung eintritt – obwohl es ein starkes Schmerzmittel war, das man da gerade aufgetragen hat? Oder dass man eine Zuckerpille schluckt, die man für ein Medikament hält, bei dem Schwindel, Übelkeit und Kopfschmerzen als Nebenwirkungen auftreten können? Und dass man dann genau diese unangenehmen Beschwerden entwickelt, obwohl es eigentlich gar nicht möglich ist – oder doch?

Alle aufgeführten Beispiele stammen aus Versuchsreihen für die Forschung. Sie belegen, wie wichtig die Erwartungshaltung von Patienten ist, damit eine Therapie anschlagen kann und gut vertragen wird. Placebo- und Nocebo-Effekte sind wissenschaftlich nachgewiesen und lassen sich sogar messen – basieren also nicht nur auf „Einbildung“, wie oft angenommen wird. Es sind „zwei Seiten einer Medaille“, sagt die Neurologin Ulrike Bingel vom Universitätsklinikum Essen: Ein Placebo (lateinisch: „Ich werde gefallen“) bezeichnet eine pharmakologisch unwirksame Substanz oder Behandlung, die gleichwohl eine Wirkung erzielt. Beim Nocebo-Effekt („Ich werde schaden“) kommt es zu einer Verschlechterung der Symptome oder dem Auftreten von unangenehmen Nebenwirkungen – obwohl es pharmakologisch eigentlich gar nicht möglich erscheint.

Bereits der antike griechische Philosoph Platon war davon überzeugt, dass die Kraft der Worte heilen kann. Die wissenschaftliche Untersuchung des Placebo-Effekts jedoch begann erst 2000 Jahre später – aus schrecklichem Anlass: Während des Zweiten Weltkriegs konnte der amerikanische Militärarzt Henry Beecher im Lazarett nicht mehr alle Verwundeten mit Morphin versorgen, das Schmerzmittel war ihm ausgegangen. In seiner Verzweiflung spritzte er den Soldaten Kochsalzlösung und sagte ihnen, es handele sich um Morphium. Die Notlüge zeigte Erfolg: Die Schmerzen seiner Patienten ließen nach. Nach Kriegsende erforschte Beecher an der Harvard Medical School dann das Phänomen.

Seither ist das Wissen über den Placebo-Effekt enorm gewachsen– völlig verständlich ist er indes längst nicht. So gilt zwar als sicher, dass die Selbstheilungskräfte bei diesen Vorgängen eine entscheidende Rolle spielen, über welche Mechanismen genau sie sich jedoch in Gang setzen, weiß man nicht bis ins Detail – ebenso wenig, wie lange der Placebo-Effekt anhält und wo genau seine Grenzen liegen. Belegt ist seine Wirkung bei Schmerzen verschiedenster Art und Ursache, bei Depressionen sowie beim Reizdarmsyndrom. Aber auch das Immunsystem und den Blutdruck kann er beeinflussen, zum Teil sogar schwerwiegende Erkrankungen und den Erfolg von Operationen, sagt Ulrike Bingel. Dabei scheine der Effekt stärker auszufallen, wenn Patienten die Behandlung spüren – also wenn sie eine nach Medizin schmeckende Tablette schlucken oder, ja tatsächlich, eine Spritze in den Körper gestochen bekommen.

Wie machtvoll der Placebo-Effekt ist, davon wissen auch die Mitarbeiter von Forschungsinstituten und Pharmaunternehmen ein Lied zu singen, die für neue Medikamente die Wirksamkeit in doppelblinden Placebo-kontrollierten Studien nachweisen müssen, bei denen weder Teilnehmer noch Ärzte wissen, wer was erhält. Viele Zulassungen seien daran bereits gescheitert, dass eine neue Arznei sich nicht deutlich genug gegen den Placebo durchsetzen konnte, sagt Ulrike Bingel.

Die Essener Neurologin ist Mitglied im „Kompetenznetzwerk Placebo“, einem international besetzten Zusammenschluss von Forschern, die sich mit diesen Phänomenen beschäftigen und an Konzepten arbeiten, wie Patienten in der klinischen Praxis von den Erkenntnissen profitieren können. Gezielt eingesetzt, so die Hoffnung der Experten des Kompetenznetzwerks, ließen sich die Erfolge von Therapien verbessern. „Die psychologischen Schlüssel sind Erwartung und Lernvorgänge“, betont Ulrike Bingel.

Mit Hilfe des bildgebenden Verfahrens der funktionellen Magnetresonanztomographie konnten die Wissenschaftler nachvollziehen, was sich im Gehirn von Schmerzpatienten nach der Gabe von Placebos abspielt: Sie stellten fest, dass durch die positive Erwartung von Linderung das körpereigene „absteigende schmerzmodulierende System“ angeworfen wird. Dabei handelt es sich um ein evolutionär sehr altes System im Gehirn, das in extremen Situationen in der Lage ist, auch heftigsten Schmerz bei Mensch und Tier auszuschalten – etwa, um die Flucht vor einem Angreifer zu ermöglichen. Bekannt ist dieses Phänomen auch von schwerverletzten Unfallopfern. „Die Aktivierung dieses Systems ist so stark und so weitreichend, das man sogar im Rückenmark Veränderungen sehen kann“, erklärt Ulrike Bingel. Ein besonders eindrucksvolles Beispiel eines Placebo-Effekts lieferte eine Studie, bei der eine Behandlung der Parkinson-Krankheit mit embryonalen Stammzellen getestet wurde. Um es vorwegzunehmen: Der Therapieansatz erwies sich als ungeeignet. Interessant war jedoch, dass sich auch viele Teilnehmer, die eine „Scheinoperation“ erhalten hatten, besser fühlten, berichtet die Neurologin: „Dieser Effekt hielt ein Jahr an.“

Auch bei Operationen kann eine positive Haltung den Erfolg beeinflussen, sagt sie. Festgestellt wurde das unter anderem bei Patienten, die eine Bypass-Operation hatten. Drei Monate nach dem Eingriff hätten sich jene Frauen und Männer am wohlsten gefühlt, bei denen man vorher durch ein Gespräch die Erwartung aufgebaut hatte, es würde ihnen hinterher viel besser gehen. Diese Unterschiede seien nicht nur subjektiv empfunden worden, sondern messbar gewesen, erklärt die Ärztin.

Die Wechselwirkung nutzen

Auch klassische Konditionierung wie beim berühmten Pawlowschen Hund kann beim Placebo-Effekt am Werke sein. So schwächten sich bei Patienten mit episodischer Migräne die Attacken auch dann ab, wenn sie ohne es zu wissen Milchzucker-Tabletten bekamen – die aber genauso aussahen und beschriftet waren wie ihre gewohnten Pillen. Einen ähnlichen Effekt habe sie bei sich selbst beobachtet, erzählt Bingel: „Bei mir hilft ein Schmerzmittel häufig schon kurz nach der Einnahme, zu einem Zeitpunkt, wo die pharmakologische Wirkung noch nicht eingesetzt haben kann.“ Allein das Wissen, dass man behandelt werde, verstärke den schmerzlindernden Effekt. Auf die gleiche Weise ließ sich in einem Versuch das Immunsystem hinters Licht führen. Es drosselte seine Aktivität nach dem Genuss einer grünen Flüssigkeit, die nach Lavendel oder Erdbeere schmeckte, denn die Teilnehmer assoziierten Farbe und Aroma mit einem echten Medikament zur Immunsuppression.

In Zukunft könnte man dieses Wissen um diese Wechselwirkung zwischen „echten“ Medikamenten und Placebos möglicherweise nutzen, um Dosierungen von Arzneimitteln nach und nach zu reduzieren, sagt Ulrike Bingel. In ersten Pilotuntersuchungen gebe es mit diesem Konzept bereits „ermutigende Ergebnisse“ bei verschiedenen Erkrankungen wie Heuschnupfen, ADHS oder Psoriasis.

Der Umgang mit Placebos nicht nur zu Studienzwecken birgt indes auch eine ethischen Konflikt; problematisch wird es dann, wenn Patienten bewusst getäuscht werden. Ulrike Bingel sagt dazu, aus ihrer Sicht verbiete sich die wirkstofffreie Behandlung im klinischen Alltag, solange die Patienten nicht über das Wesen der Placebotherapie informiert seien. In diesem Fall geht es um ethische Probleme, die durch Nicht-Wissen entstehen. Doch mangelnde Aufklärung kann auch körperlich negative Auswirkungen haben (ohne dass ein Placebo im Spiel ist). In Krankenhäusern etwa bekämen viele Patienten eine Spritze oder Tablette gegen Schmerzen, ohne über den Inhalt und den Sinn der Behandlung gezielt informiert zu werden, sagt Ulrike Bingel. Damit jedoch ginge „mögliches Wirkpotenzial“ verloren.

Die Aufklärung – sie ist ein Knackpunkt für die Wirksamkeit von Behandlungen. Und eine Gratwanderung. Denn zu viele Informationen können auch schaden, wenn sie nicht richtig eingeordnet werden können, erklärt die Neurologin. Für Ärzte bietet die Kommunikation einige Fallstricke: Greifen sie aus Nachlässigkeit auf Fachjargon zurück, so verstehen die Patienten das häufig nicht. Schlimmes anrichten können insbesondere Doppeldeutigkeiten oder flapsig hingeworfene, leicht abfällige Sprüche im Stile von „Ihre Wirbelsäule ist ein Trümmerfeld“, „Ich hole jetzt mal etwas aus dem Giftschrank“ oder „Sie sind ein Risikopatient“. „Solche Bemerkungen können für Angst und Verunsicherung sorgen“, sagt Ulrike Bingel.

Zu wenig Information kann verhindern, dass eine Therapie die volle Wirkung entfaltet, falsch verstandene oder nicht richtig eingeordnete sie regelrecht unterlaufen. Wie macht man es nun aber richtig als Arzt? Ulrike Bingel plädiert dafür, positiv, dabei aber immer realistisch ehrlich über Erkrankung und Behandlung zu informieren. „Ärzte sollten herausstellen, warum der Patient von einer Behandlung profitieren kann und den Fokus eher auf deren Verträglichkeit als auf unangenehme Nebenwirkungen legen.“

Die Erwartungshaltung für den Erfolg

All das setzt natürlich voraus, dass Ärzte ihren Patienten echte Aufmerksamkeit schenken und nicht nur schnell Diagnostik und Verordnungen „abarbeiten“. Leider werde das aber im Gesundheitssystem „nicht genug honoriert“, sagt Ulrike Bingel. Kurt Schmidt, Leiter des Ethik-Komitees der „Agaplesion Frankfurter Diakonie Kliniken“ und Lehrbeauftragter für Medizinethik am Universitätsklinikum Frankfurt, ist der Ansicht, dass die Forschungsergebnisse zum Placebo- und Nocebo-Effekt Konsequenzen für den klinischen Alltag haben müssen: „Man dachte immer, ein Medikament entfaltet im Körper automatisch seine Wirkstoffe, unabhängig davon, ob und wie ein Arzt mit dem Patienten darüber spricht. Doch das ist ein Irrglaube.“

Wie wichtig die Worte, das Gespräch, die Erwartungshaltung für den Therapieerfolg sind – das werde bis heute im Gesundheitswesen häufig verkannt: „Wir müssen es viel stärker auf die sprechende Medizin ausrichten und auch über die Vergütung mehr Anreize und Möglichkeiten schaffen, sich auf dieser Ebene intensiver mit dem Patienten zu befassen.“ Dabei komme es nicht alleine auf die Zeit an, die sich ein Arzt nehme, sondern vor allem auch um die „Qualität“ der Kommunikation. „Es gilt, Mitarbeiter im Gesundheitswesen immer wieder dafür zu sensibilisieren, auf die Sprache zu achten. Mit ihr können sie schaden – aber eben auch sehr viel Gutes tun und die Wirkung der Behandlungen deutlich erhöhen.“ Die neuen Erkenntnisse findet er „verblüffend, ja eigentlich sensationell“, da sie nun wissenschaftlich belegbar seien: „Es wäre relativ einfach und kostengünstig, auf diese Weise unser Gesundheitswesen deutlich zu verbessern.“

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