Lade Inhalte...

Parkinson Wenn das Hirn den Müll nicht mehr trennt

Die Forschung macht viele Fortschritte – doch die Ursachen von Morbus Parkinson sind immer noch nicht vollständig geklärt.

Viele Parkinsonpatienten nehmen durch ihre Krankheit eine starre, verkrampfte Haltung ein. Foto: Getty Images/Science Photo Libra

Salvador Dali litt darunter, Theodor Roosevelt, Mao Tse-tung und Leonid Breschnew. Stars wie der Schauspieler Michael J. Fox und der Boxer Muhammad Ali nutzen ihre Prominenz, um die öffentliche Aufmerksamkeit auf das Thema zu lenken: Morbus Parkinson ist keine unbekannte Erkrankung – und schon gar keine seltene. 250.000 bis 400.000 Menschen sind Schätzungen zufolge in Deutschland betroffen, von den 80-Jährigen leiden etwa ein Prozent darunter, sagt Professor Rüdiger Hilker-Roggendorf, leitender Oberarzt der Klinik für Neurologie am Zentrum für Neurologie und Neurochirurgie des Universitätsklinikums Frankfurt.

Trotzdem dauert es häufig lange, bis die richtige Diagnose gestellt wird, denn im Anfangsstadium sind die Symptome dieser langsam fortschreitenden neurodegenerativen Erkrankung oft unspezifisch. Erste Anzeichen können zum Beispiel Verstimmungen oder eine mangelnde Lust auf Neues sein. Da viele Patienten im Alter zwischen 50 und 60 erkranken, könne würden die Beschwerden das leicht nicht selten auf Veränderungen in diesem Lebensabschnitt geschoben werden, erklärt der Mediziner: „Das ist für viele eine Umbruchphase, wo der Eintritt in die Rente naht.“

Andere leiden unter Muskelverspannungen oder Schulterbeschwerden, ein sehr frühes Zeichen kann auch sein, dass ein Arm beim Gehen weniger mitschwingt als der andere. „Solche Patienten gehen dann oft erst zum Orthopäden“, sagt Hilker-Roggendorf. Selbst das so typische Zittern wird zuweilen nicht gleich richtig zugeordnet.

Parkinson ist gekennzeichnet von einer Vielzahl von Symptomen, die allerdings nicht alle gemeinsam bei einem Patienten auftreten: Die wichtigsten sind verlangsamte, auch oft unkoordinierte Bewegungen bis hin zur Starre, das Zittern in Ruhe (daher der frühere Name Schüttellähmung), eine Steifheit der Muskeln sowie Gang- und Gleichgewichtsstörungen. Oft verkleinere sich zudem die Schrift, die Stimme werde leiser und ausdrucksloser, erläutert Rüdiger Hilker-Roggendorf. Manche Menschen können die Blase nicht mehr richtig kontrollieren, manche haben Probleme mit der Verdauung, andere schwitzen leicht, wieder andere schlafen schlecht. Als psychische Probleme kommen bei etwa der Hälfte der Parkinsonkranken Niedergeschlagenheit und Antriebslosigkeit hinzu, die schließlich auch in eine Depression münden können.

Viele dieser Symptome sind auf den für Parkinson kennzeichnenden Mangel an Dopamin zurückzuführen – jenem Botenstoff, der dafür sorgt, dass wir uns flexibel bewegen und schnell reagieren können, der aber auch unsere Motivation anstößt und, Freude sowie positive Gefühle vermittelt. Bereits beim normalen Altern geht die Produktion an Dopamin zurück, allerdings bei weitem nicht in dem Maße wie bei Parkinson: Dort hat der Mangel mit dem Absterben der Dopamin produzierenden Nervenzellen in der (aufgrund von Melanineinlagerungen) schwarzen Substanz, der Substantia nigra, im Mittelhirn zu tun, wie Professor Jochen Roeper, Leiter des Instituts für Neurophysiologie an der Uniklinik Frankfurt, erklärt. Außerdem kommt es bei Parkinson – ähnlich wie bei Alzheimer – zu Ablagerungen von verklumptem Eiweiß im Gehirn.

Der Wissenschaftler veranschaulicht: „Das muss man sich wie beim Mülltrennen vorstellen. Normalerweise gibt es da eine Maschine, die Proteine abbaut. Alle Proteine bekommen ein Etikett und werden anschließend zerlegt. Aus diesen Bausteinen fertigen die Zellen dann wieder neue Proteine. Dieser Prozess ist bei Parkinson gestört.“ Daher finden sich in den Nervenzellen im Gehirn häufig sogenannte Lewy-Körperchen, Proteinklumpen, die unter anderem das Eiweiß alpha-Synuclein bestehenenthalten; die Protein-Einschlusskörperchen treten auch bei einer Variante der Alzheimer-Demenz auf.

Nicht nur wegen solcher Parallelen haben viele Parkinsonkranke große Angst vor Demenz; leider nicht ganz unbegründet, wie Rüdiger Hilker-Roggendorf einräumt. Allerdings treten solche kognitive Störungen oft erst nach Jahrzehnten, im Spätstadium der Krankheit, auf. „Es ist wichtig darüber offen zu sprechen. Man sollte da kein Tabu aufbauen“, sagt Jochen Roeper.

Die Forschung mache große Fortschritte, gleichwohl sei vieles im Zusammenhang mit der Ursache des Morbus Parkinson immer noch nicht geklärt, erklärt der Neurophysiologe. So treten die allermeisten Krankheitsfälle denn ohne genau erkennbare Ursache auf. Genetische Veranlagungen könnten eine Rolle spielen, allerdings sind bestimmte, auf eins einzelnes verändertes Gen (zum Beispiel alpha-synuclein) zurückzuführende Parkinson-Varianten sehr selten, aber für das Verständnis der Krankheitsentstehung um so wichtiger, so Professor Roeper.

Auch Umwelteinflüsse werden immer wieder diskutiert. Das Leben auf dem Land etwa sei mit einem „leicht erhöhten Risiko verbunden“, erklärt Rüdiger Hilker-Roggendorf: „Das könnte mit den toxischen Effekten der in der Landwirtschaft verwendeten Pestizide und Herbizide zusammenhängen.“ In Frankreich ist Parkinson deshalb sogar als Berufskrankheit von Landwirten anerkannt. Auch ein Schutzfaktor ist bekannt, erzählt der Mediziner: Das Rauchen – ja tatsächlich – mindert die Gefahr, zu erkranken; Studien untersuchen deshalb, ob ein Nikotinpflaster den Verlauf verlangsamen könnte.

Einige Wissenschaftler haben zudem Hinweise dafür gefunden, dass entzündliche Prozesse an der Entstehung von Parkinson beteiligt sein könnten, sagt Rüdiger Hilker-Roggendorf: „Es gibt Anzeichen dafür“. So könnte ein Prion, ein Eiweiß mit virusähnlichen Eigenschaften, oder ein bislang unbekanntes Virus über die Nasenschleimhaut oder Magen und Darm in den Körper gelangen und sich dort wie bei einem Dominoeffekt weiter ausbreiten, „das allerdings über die Dauer von Jahrzehnten“, erklärt der Neurologe. Das könnte auch erklären, warum manche Parkinsonpatienten unter Magen-Darm-Beschwerden leiden. Ansteckend sei die Krankheit aber sicher nicht, betont Hilker-Roggendorf.

Da die genaue Ursache der Erkrankung noch nicht bekannt ist, lässt Parkinson sich bislang nur symptomatisch behandeln. Dabei werden in erster Linie Medikamente gegeben, die zu einem Anstieg Ersatz von Dopamin im Gehirn führen. Das wichtigste Medikament ist das „L-Dopa“, eine Vorstufe von Dopamin. Weil es indes nur eine Wirkzeit von wenigen Stunden hat, müssen die Tabletten nach einigen Jahren Krankheitsverlauf zumeist mehrmals am Tag eingenommen werden, um einen gleichmäßigen Gewebespiegel aufrecht zu halten; außerdem müssen sie im Verlauf der Krankheit immer wieder neu angepasst werden.

Patienten, denen diese Therapie nicht mehr ausreichend hilft, können sich seit Anfang der 1990er Jahre operieren lassen. Bei der sogenannten „Tiefen Hirnstimulation“ werden ihnen Elektroden ins Gehirn eingesetzt. Auch an der Universitätsklinik in Frankfurt werden Patienten, die für diesen Eingriff geeignet sind, nach dieser Methode operiert.

Bei dieser tiefen Hirnstimulation sind nicht direkt die Dopamin produzierenden Neuronen das Ziel, sondern Nervenzellen in einem benachbarten Kerngebiet, dem Nukleus subthalamicus, erläutert Jochen Roeper: „Dieser Bereich sendet in Folge des Dopaminmangels bei Parkinson fehlerhafte elektrische Muster aus, die vom Gehirn als eine Art Stopp-Signal für Bewegungen interpretiert werden. Die elektrische Reizung des Nukleus subthalamicus unterdrückt dagegen dieses Störsignal und die verbliebenen dopaminergen Neuronen, aber auch Medikamente können wieder besser wirken.“ Diese Zusammenhänge, die auch für die Therapie überaus wichtig sind, wurden zuerst in der Forschung an Tiermodellen ds Morbus Parkinson aufgeklärt, sagt Professor Roeper.

Die Krankheit aufhalten kann ein solcher Eingriff allerdings auch nicht. Daneben seien auch Zusatzbehandlungen wie Physiotherapie, Logopädie und Ergotherapie oft sehr wirksam, sagt Hilker-Roggendorf. Um zu erkennen, auf was jemand gut anspricht, setzt man an der Uniklinik Frankfurt deshalb auf eine die „Komplexbehandlung der Parkinson-Krankheit“, erklärt der Mediziner, bei der die Patienten mindestens 14 Tage und nicht nur die übliche Woche auf der Station bleiben. Neben der medikamentösen und möglicherweise operativen Behandlung werden die Patienten dabei auch physiotherapeutisch, logopädisch und ergotherapeutisch behandelt.

Gut eingestellt, könnten alle Therapien gemeinsam oft über Jahrzehnte eine gute Lebensqualität ermöglichen, sagt Rüdiger Hilker-Roggendorf. Ziel der Forschung ist es natürlich, etwas zu finden, dass die Nervenzellen vor dem Absterben schützt: „So weit ist man noch nicht, aber wir arbeiten daran.“

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Kontakt
  • Wir über uns
  • Impressum