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Sterbefasten Das eigene Ende beschleunigen

Befürworter bewerten den freiwilligen Verzicht auf Essen und Trinken als humanen Weg, das Leben zu beenden. Für den behandelnden Arzt kann es einen Konflikt bedeuten.

Sterbefasten
Alleine und ohne Zuwendung ist das Sterbefasten kaum durchzustehen. Foto: istock

„Der Puls meiner Mutter verlöscht. Sie liegt ganz still und friedlich da. Dann – nach einer langen Pause – noch ein Atemzug. War das ihr letzter? Nein, es folgt nach einer weiteren Pause noch ein sanfter, flacher Atemzug. Dann ist alles still. Mama hat es geschafft.“ Mit diesen Worten beschreibt Christiane zur Nieden, wie sie den Tod ihrer Mutter erlebte. Es ist der Einstieg ihres im Frankfurter Mabuse-Verlag erschienenen Buchs über „Sterbefasten“.

Christiane zur Niedens Mutter starb nicht an einer tödlichen Krankheit, nicht an weit fortgeschrittenem Krebs und auch nicht an Herzschwäche. Womöglich hätte sie noch Jahre gelebt, hätte sie der Natur ihren Lauf gelassen. Doch sie entschied sich, ihr Leben durch den freiwilligen Verzicht auf Essen und Trinken zu beenden. 88 Jahre war sie zu diesem Zeitpunkt alt und des Lebens müde. Die Hüftprothesen, die man ihr vor 27 Jahren eingesetzt hatte, funktionierten nicht mehr richtig, die Knie taten weh, der Magen schmerzte chronisch und bereitete häufig Übelkeit, auch die Blase machte Probleme; sich zu konzentrieren, fiel der alten Dame zunehmend schwer. Der Alltag in der eigenen Wohnung gestaltete sich für die Witwe deshalb immer beschwerlicher und war ohne Hilfe anderer nicht mehr zu bewältigen, kaum etwas ging noch alleine.

Christiane zur Nieden arbeitet selbst seit 25 Jahren als Trauer- und Sterbebegleiterin, ihr Mann ist Allgemein- und Palliativmediziner. Als die Mutter von ihrem finalen Plan erzählte, reagierte sie zunächst schockiert: „Wie viele Menschen würden gerne noch länger leben, aber der Krebs bestimmt ihre Zeit auf Erden? Und du bist, liebe Mama, bis auf ,Alterswehwehchen‘ noch gesund und willst eher sterben als du musst?“ Christiane zur Nieden lässt die Leser teilhaben an ihren Gefühlen, ihren Einwänden, ihrer Verzweiflung und den bohrenden Fragen nach dem Warum – bis hin zu dem Punkt, da sie den Wunsch ihrer Mutter allmählich anzunehmen begann und sie schließlich auch beim Sterben begleitete. Dreizehn Tage dauerte es, bis nach dem Einstellen von Essen und Trinken der Tod kam. Christiane zur Nieden gewährt tiefe Einblicke in diese Zeit, geht auch detailliert darauf ein, was während dieser Zeit im Körper eines Sterbenden passiert; keine leichte Lektüre.

Der Neurobiologe Christian Walther, ehemaliger Mitarbeiter des Physiologischen Instituts an der Universität Marburg und ehrenamtlicher ambulanter Hospizhelfer, hat ebenfalls ein Buch über Sterbefasten geschrieben, zusammen mit dem niederländischen Psychiater und Sozialwissenschaftler Boudewijn Chabot. In „Ausweg am Lebensende“ widmen sich die beiden ausführlich den praktischen, medizinisch-pflegerischen sowie den rechtlichen und ethischen Fragen. Die empirische Grundlage lieferte Chabots wissenschaftliche Analyse von rund 100 Berichten über Menschen, die starben, nachdem sie länger als sechs Tage freiwillig nichts mehr gegessen und getrunken hatten. Etwa 40 Prozent davon litten an Krebs, weitere 30 Prozent an neurologischen oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen im fortgeschrittenen Stadium. Dem übrigen Drittel machten Einschränkungen wie Erblindung, schwere Arthrose oder schlicht ein sehr hohes Alter zu schaffen. Alle hatten sich entschieden, auf diese Weise ihren Tod vorzeitig herbeizuführen.

Christian Walther engagiert sich seit Jahren dafür, Sterbefasten der Öffentlichkeit bekannt zu machen und wirbt, es als einen „humanen Weg, das Leben vorzeitig in Würde zu beenden“, gesellschaftlich zu akzeptieren. Wichtig sei ihm aber auch, „dass es noch andere Optionen für ein selbstbestimmtes Ende“ gebe. Kritik an seinen Ansinnen ist Walther gewohnt, und er tritt ihr selbstbewusst entgegen: „Es wird deshalb zu keiner reihenweisen Selbstentsorgung von kranken oder alten Menschen kommen.“

Das Sterbefasten wird von Medizinern, Theologen und Pflegefachleuten unterschiedlich bewertet, teilweise auch kontrovers diskutiert. Das fängt bei der Einschätzung an, ob es sich um Suizid, Selbsttötung oder einen natürlichen Tod handelt und reicht bis zu der Frage, unter welchen Voraussetzungen ein solcher Schritt gerechtfertigt scheint – beziehungsweise, ob er das je sein kann. Weitgehend geklärt sind die körperlichen Vorgänge des Sterbefastens, bei dem nicht der Entzug von Nahrung, sondern Dehydrierung zum Tod führt. Wenn der Körper keine Flüssigkeit mehr bekommt, können die Nieren keinen Harnstoff mehr ausscheiden, dieser verbleibt somit im Blut. Der erhöhte Harnstoffspiegel bewirkt zunehmende Schläfrigkeit; im Buch von Christiane zur Nieden heißt es dazu: „Diese steigert sich, bis der Sterbende nicht mehr ansprechbar ist und sozusagen in seinen Tod hineinschläft.“ Außerdem bilden sich beim Abbau von Fett Ketone, ein Prozess, bei dem Endorphine produziert werden, wie es auch vom Heilfasten bekannt ist. Bei Menschen mit schweren Erkrankungen könne der Verzicht auf Essen und Trinken deshalb „sogar zu verbessertem Wohlbefinden führen“, schreibt zur Nieden. In Publikationen zur Palliativpflege wird allerdings auch darauf hingewiesen, dass es ebenso zu Alpträumen und psychischen Krisen kommen kann.

Durch das Versagen der Nieren im Laufe des Sterbefastens verändert sich der Elektrolythaushalt: Es kommt zu einem Anstieg von Kalium im Blut, was schließlich zum Herzstillstand führt. „In gewisser Weise wird der natürliche Sterbeprozess simuliert“, sagt Christian Walther.

Christiane zur Nieden vermittelt in ihrem Buch den Eindruck eines friedlichen, nicht qualvollen Übergang. Auch Walther spricht von einem „sanften Tod“, räumt aber ein, dass der Weg dahin nicht „ganz frei von Leiden“ sei. Die größte Hürde stelle der Durst dar. Er relativiert jedoch: „Während für jüngere, gesunde Menschen ein längerer Flüssigkeitsverlust kaum auszuhalten ist, verspüren ältere weniger Durst und müssen bekanntlich oft zum regelmäßigen Trinken angehalten werden.“ Auch manche Schwerkranke würden in den letzten Lebenstagen nur noch sehr wenig trinken: „Jedenfalls bedeutet Sterbefasten kein grauenhaftes Verdursten, wie oft zunächst angenommen wird.“

„Das Durstgefühl lässt sich mit einer guten Mundpflege in Grenzen halten“, sagt Roland Martin Hanke, Vorsitzender des Hospizvereins und ärztlicher Geschäftsführer des Palliativ-Care Teams in Fürth, der schon mehrere Menschen beim Sterbefasten begleitet hat. Mundpflege bedeutet in diesem Fall, dass Familienmitglieder oder andere Pflegende dem Sterbenden regelmäßig geringe Mengen Flüssigkeit, etwa in Form von zerstoßenem Eis, getränkten Wattestäbchen oder Sprühnebel zuführen. So würden Lippen und Mundschleimhaut befeuchtet, das „ärgste Durstgefühl“ werde eingedämmt.

Wie schnell der Tod eintrete, hänge vom individuellen Gesundheitszustand ab und davon, „wie radikal man zu Werke geht“, sagt Hanke – also, ob das Trinken abrupt abgesetzt oder, „was manchen leichter fällt“, allmählich reduziert werde. Die Spanne reiche von einer Woche bis drei Wochen, meist dauere der Prozess zehn bis vierzehn Tage. Bis etwa fünf Tage nach dem Einstellen des Essens und Trinkens sei ein Abbruch möglich, „ohne dass es zu bleibenden Schäden kommt“, sagt Christian Walther; daher bestehe beim Sterbefasten „die Freiheit, seinen Entschluss noch einmal zu revidieren“.

Ohne die Begleitung von Angehörigen und/oder Pflegepersonal sowie einem Arzt ist dieser selbstgewählte Weg in den Tod indes nur schwer möglich. Denn es müssen dem Sterbewilligen helfende Menschen zur Seite stehen, die Mundpflege übernehmen sowie Medikamente zur Beruhigung, zum Einschlafen oder gegen Schmerzen geben, erklärt Roland Martin Hanke. Diese Menschen müssen dem Sterben zusehen und dabei auch unangenehme, unter Umständen sogar nahezu unerträglich erscheinende Situationen aushalten. Es könne zu einem „Zustand ähnlich eines Delirs“ kommen, „der oft mit starker Bewegungsunruhe verbunden ist“, sagt der Palliativmediziner „Das kann für die Angehörigen ein sehr bedrückendes Phänomen sein.“ Und auch die Mundpflege sei nicht immer einfach zu bewältigen. „Sie dient aber als liebevolles Handeln zur Kompensation des ansonsten vorherrschendes Zwanges, Essen und Getränke reichen zu wollen.“

Das alles birgt enorme seelische Belastungen und Konflikte: für die Familie, die mit dem Todeswunsch eines nahestehenden Menschen konfrontiert wird, damit fertigwerden und den Prozess des Sterbens ertragen muss, für das Personal in Pflegeheimen, wenn es um eine Bewohnerin oder einen Bewohner geht und in besonderer Weise für den Arzt – nicht zuletzt auch, weil er in einen Konflikt mit seinem Standesethos kommen kann.

„Beim Sterbefasten gebe ich diese direkte Hilfe nicht, dieser Weg wird primär alleine gegangen“, sagt Roland Martin Hanke, weist aber noch auf einen anderen Aspekt hin, der für Mediziner problematisch werden kann. Denn im November 2015 hat der Bundestag ein Gesetz verabschiedet, das die „geschäftsmäßige Förderung der Selbsttötung“ unter Strafe stellt: Streng genommen, erklärt der Arzt, dürfe er dann in seinem Leben nur einmal einen Patienten beraten, der sterben will: „Sonst kann es für einem Mediziner zu einem Problem werden.“ Personal und Leitung von Pflegeheimen stehen vor einem ähnlichen Dilemma.

Als positive Aspekte des Sterbefastens sieht Palliativmediziner Hanke an, dass dieser Weg am Lebensende „Würde und Autonomie“ gewähre; wichtig sei allerdings, dass die Angehörigen die Entscheidung nachvollziehen könnten. Er sagt aber auch: „Sterben ist niemals schön, es ist immer ein schmerzhafter Abschied.“ Und er setzt auch Grenzen: Abzulehnen sei Sterbefasten, wenn bei dem Wunsch eine Depression im Vordergrund stehe. Oder wenn jemand einschneidende Einschränkungen nur fürchte, sie jedoch noch nicht zu erleiden habe.

Walther und Chabot beschreiben in ihrem Buch auch Fälle von Menschen, bei deren Entscheidung die seelische Pein eine größere Rolle spielte als die rein körperliche, so als extremstes Beispiel einen 86 Jahre alten Juristen, „gesund und rüstig“, dessen Leben „jedoch nach dem Tod seiner Frau jeden Sinn verloren hatte. Auch diese Motive gelte es zu respektieren, sagt Christian Walther, und deshalb sollte auch dann Hilfe gewährt werden. „Es sollte jedem freistehen, ab einem von ihm selbst bestimmten Alter selbst zu sagen, es kommt jetzt nicht so sehr auf die Quantität, sondern auf die Qualität des restlichen Lebens an. Und gegebenenfalls mache ich dann halt Schluss. Jeder sollte das selbst bewerten und nicht bevormundet werden.“

Christiane Gog, Leiterin der Palliativmedizin am Universitätsklinikum Frankfurt, geht das viel zu weit. „Ich kann gut nachvollziehen, wenn ein todkranker Mensch diesen Weg wählt. Ich kann auch verstehen, wenn jemand, der möglicherweise noch lange zu leben hätte, aber zum Beispiel querschnittgelähmt gelähmt ist, sich dafür entscheidet. Dann aber möchte ich nicht diejenige sein, die dabei hilft.“ Auch ist die Ärztin nicht davon überzeugt, dass der Verzicht auf Essen und Trinken „zwingend ein sanftes Sterben bedeutet“: „Es kann gut und friedlich ablaufen, aber es kann auch Probleme geben, wenn es durch den Flüssigkeitsentzug insgesamt zu einer Verschlechterung des Zustandes kommt.“ Mit Berichten, die Sterbefasten als Option darstellen, „sanft“ aus dem Leben zu scheiden, tut sich Christiane Gog noch aus einem anderen Grund schwer: „Sterbefasten wird oft verherrlicht, so sollte es aber nicht dargestellt werden. Das entspricht nicht unserer sozialen Verantwortung. Die Palliativmedizin hat gute Möglichkeiten, auch einem schwer kranken Menschen das Leben schmerzfrei und zu gestalten.“

Kaum wissenschaftliche Studien

Wissenschaftliche Studien zum Sterbefasten gibt es bislang kaum. Im US-Bundesstaat Oregon wurden im Jahr 2003 Hospizschwestern nach ihren Erfahrungen mit dem freiwilligen Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit bei Patienten befragt. In der Erhebung bewerteten die Schwestern die „Qualität“ dieser Art des Sterbens als „gut“.

Im Jahr 2015 baten der Philosoph Alfred Simon, Leiter der Akademie für Ethik in der Medizin und Vorsitzender des Klinischen Ethikkomitees an der Universitätsmedizin Göttingen, und seine Mitarbeiterin Nina Luisa Hoekstra bundesweit mehr als 700 Palliativ- und Hausärzte, den freiwilligen Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit rechtlich einzuordnen und ethisch zu bewerten. 255 der angeschriebenen Medizinerinnen und Mediziner gaben Auskunft. Große Übereinstimmung herrschte darin, die Begleitung dabei nicht als Hilfe zur Selbsttötung, sondern als Teil der ärztlichen Sterbebegleitung einzuschätzen. Das Ausmaß der Zustimmung indes machten die Ärzte stark von der Situation des Patienten abhängig: Alt, einsam, depressiv, aber nicht schwer körperlich beeinträchtigt – das scheinen für die meisten Mediziner Ausschlusskriterien zu sein. Breite Zustimmung hingegen fand unter der Befragten das Sterbefasten als letzte Möglichkeit für unheilbar und schwer erkrankte Menschen, um ein ihnen unerträgliches Leiden zu beenden.

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