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Schwangerschaft Was dürfen Schwangere nehmen?

Die Berliner Charité erklärt Schwangeren seit 25 Jahren, welche Medikamente sie einnehmen dürfen und welche nicht. Oft werden Präparate für riskanter gehalten, als sie tatsächlich sind.

Schwangere wollen ihr Baby schützen - und sind beim Thema Medikamente oft verunsichert. Foto: picture alliance / dpa-tmn

Manchmal ist es ein simples Nasenspray, das eine schwangere Frau um den Schlaf bringt. Entweder, weil sie trotz fürchterlich verstopfter Nebenhöhlen keines nimmt und sich röchelnd im Bett wälzt. Oder, weil sie sich eben doch schlechten Gewissens ein paar Spritzer genehmigt und dann schreckliche Sorgen macht. Heißt es nicht, man dürfe in der Schwangerschaft keine Medikamente nehmen? Steht nicht im Beipackzettel, dass Xylometazolin, der Inhaltsstoff vieler abschwellender Nasensprays, schwanger nicht angewendet werden darf? Schrieb nicht neulich diese Userin im Internetforum, sie habe gehört, Nasenspray habe die gleiche Wirkung auf das Ungeborene wie Zigaretten, weil es die Gefäße verenge und daher die Sauerstoffversorgung der Plazenta gefährde?

Auch Schwangere werden krank. Sie bekommen Kopfschmerzattacken und Heuschnupfen, fangen sich Infekte ein und fiebern, leiden womöglich sogar chronisch unter Depressionen, Epilepsie, Akne, Herzkrankheiten, Asthma oder Rheuma. Die Frage, welche Medikamente werdende Mütter nehmen dürfen und welche nicht, ist allerdings eine heikle. Therapieren kranke Frauen doch in der Schwangerschaft stets zwei Patienten: sich selbst und einen in der Regel gesunden Fötus. „Panik ist trotzdem in den meisten Fällen nicht angebracht“, sagt Christof Schaefer, Ärztlicher Leiter des Instituts für Embryonaltoxikologie, das zur Klinischen Pharmakologie im Zentrum für Therapieforschung der Berliner Charité gehört. „An die Gefahren, die etwa vom Alkohol ausgehen, reicht kaum ein Medikament heran.“

Trotzdem müsse in jedem Einzelfall individuell entschieden werden, um Gefahren auszuschließen. Die lauern nämlich nicht nur in der Anwendung von Arzneimitteln. Sondern auch in der Nichtanwendung. So können Medikamente für riskanter gehalten werden, als sie tatsächlich sind. „Eine solche Fehleinschätzung kann im schlimmsten Fall zu einem unnötigen Abbruch einer eigentlich erwünschten Schwangerschaft führen“, sagt Schaefer.

Nicht alles ist gleich schlimm

Insbesondere könnten Informationen aus Packungsbeilagen oder Arzneimittelverzeichnissen nahelegen, ein Medikament nicht anzuwenden, weil keine abschließenden Ergebnisse aus wissenschaftlichen Untersuchungen für schwangere beziehungsweise stillende Frauen vorliegen. „Diese Rückversicherungsklauseln der Pharmaindustrie erwecken den Eindruck, nahezu alle Medikamente seien gleich schlimm für Schwangere. Das ist definitiv nicht der Fall.“ Andererseits könne die Anwendung bestimmter Substanzen durchaus Risiken für die Schwangerschaft oder das Ungeborene bedeuten. Der Name „Contergan“ weckt bis heute Beklemmungen. „Das reale Risiko von Schädigungen des Kindes durch Arzneimittel, die die Mutter nimmt, ist allerdings deutlich kleiner als die Ängste davor“, sagt Schaefer. „Ein zweites Contergan muss heute niemand mehr befürchten. Doch auch bei gut erforschten Wirkstoffen gilt immer die Faustregel: So viel wie nötig, so wenig wie möglich.“

Das Berliner Institut ist bundesweit als Referenzadresse angesehen, der Kurzname Embryotox gilt bei Ärzten und werdenden Müttern als Synonym für unabhängiges Expertentum. Das gemeinsam vom Berliner Senat und aus Bundesmitteln finanzierte Zentrum befasst sich bereits im 26. Jahr mit der Verträglichkeit und Sicherheit von Arzneimitteln in Schwangerschaft und Stillzeit, sammelt dafür seit 1988 Daten, wertet sie aus und gleicht sie mit denen ähnlicher Zentren weltweit ab. Ihr Wissen geben die Experten in Fachbüchern und im Internet unter www.embryotox.de an Ärzte und Apotheker weiter, per Telefon- und Onlineberatung auch direkt an werdende Mütter.

Aktueller und präziser als in Beipackzetteln und Roten Listen des Dachverbands der Pharmaindustrie werden hier täglich bis zu 80 Anfragen von Schwangeren sowie aus Universitätskliniken, Praxen und Apotheken aller Bundesländer und auch europäischer Nachbarstaaten beantwortet.
Embryotox füllt eine Forschungslücke: Weil an schwangeren und stillenden Frauen aus naheliegenden Gründen keine Studien durchgeführt werden dürfen, müssen die fehlenden Daten durch Erfahrungswerte ersetzt werden. Und davon besitzt das Institut sehr viele, vor allem aus Fragebögen und Interviews mit Frauen, die die Ärzte durch eine Schwangerschaft unter einer Medikation begleitet haben.

Neben individueller Beratung bietet die institutseigene Website darüber hinaus via Suchmaske Informationen zu den wichtigsten 440 Arzneimittel-Wirkstoffen. Seit sie 2008 online ging, wurde die Seite www.embryotox.de bereits fast drei Millionen Mal aufgerufen. Zu Nasenspray findet sich etwa die folgende Info: „Hinweise auf eine mögliche teratogene (fruchtschädigende) Wirkung haben sich auch bei weit verbreitetem Einsatz in der Schwangerschaft nicht ergeben und sind aufgrund der geringen resorbierten Menge auch nicht zu erwarten.“ Kein Grund für Schwangere also, sich bei hartnäckiger Symptomatik dieses Mittel vorzuenthalten, zumal wenn es auf wenige Tage beschränkt bleibt.

Doch wenn es nicht nur um Nasenspray geht – was können Medikamente konkret anrichten? „Fehlbildungen kommen durchschnittlich bei etwa drei bis fünf von 100 geborenen Kindern vor, das ist das sogenannte Basisrisiko. Von wiederum 100 Kindern mit Fehlbildungen sind diese jedoch nur bei zwei bis vier durch äußere chemische oder physikalische Einwirkungen entstanden“, erklärt Schaefer. „Und dabei spielen Drogen, insbesondere Alkohol, eine wesentlich größere Rolle als Medikamente. Diese machen insgesamt nur etwa ein Prozent aller angeborenen Fehlbildungen aus.“

Verzicht aus Angst dagegen könne fatale Folgen haben: „Es gibt Erkrankungen, da ist eine Nichtbehandlung sogar schlimmer als eine Medikation, etwa bei Diabetes, Schilddrüsenstörungen, chronisch entzündlichen Darmerkrankungen, einer Epilepsie, bestimmten Infektionen oder schweren psychischen Erkrankungen“, erläutert der Toxikologe. Wenn die Mutter völlig aus der Balance und extrem verängstigt sei, bekomme das Kind in der Gebärmutter das mit. Das könne gravierendere Auswirkungen haben als ein Medikament. Ähnlich sieht es bei schweren Wochenbettdepressionen aus.

Die schwarze Liste ist überschaubar

Auch wenn unerkannte Risiken wie im Falle von Contergan heute unwahrscheinlich scheinen: Es gibt sie, die schwarze Liste extrem gefährlicher Wirkstoffe. „Das ist eine übersichtliche Anzahl“, sagt Schaefer. Isotretinoin gehört etwa dazu, das im sehr starken Aknemittel Accutane steckt. Dieses Medikament ist mit einer Schwangerschaft nicht vereinbar, da es nachweislich zu Fehlbildungen der Ohren, und des Herzens und anderer Organe führen kann. Problematisch sind laut Schaefer auch hochdosierte Vitamin-A-Präparate sowie einige Anti-Epileptika. Von solchen extrem gefährlichen Präparaten abgesehen: Chronisch kranke Frauen, die auf Dauermedikation angewiesen sind, können bei guter Beratung ohne weiteres ganz gesunde Kinder zur Welt bringen.

Aber wie ist die Lage bei nicht verschreibungspflichtigen Medikamenten, etwa Kopfschmerztabletten? So gehört zum Beispiel Paracetamol zu den wenigen Wirkstoffen, die in der Schwangerschaft ausdrücklich erlaubt sind. In therapeutischer Dosierung besteht keine Gefahr für das Ungeborene. Eine Dauermedikation über weite Teile der Schwangerschaft hingegen ist bislang kaum untersucht. Für Aufsehen gesorgt hat in diesem Herbst daher eine Studie aus Norwegen, die Kindern, deren Mütter „an mehr als 28 Tagen in der Schwangerschaft“ das so häufig empfohlene Paracetamol eingenommen haben, noch im Alter von drei Jahren Entwicklungsdefizite bescheinigt – eine einzige Tablette alle zehn Tage in einer 280 Tage dauernden Durchschnittsschwangerschaft würde diesen Kriterien genügen.

Christof Schaefer hält die Studie für seriös und interessant, allerdings als einzelne Untersuchung nicht zwangsläufig für aussagekräftig. „Keine Frau muss sich deshalb mit schlimmen Kopfschmerzen herumplagen. Es ist das erste Mal, dass ein solcher Zusammenhang bei diesem alten Schmerzmittel hergestellt wurde. Ein plausible Erklärung für die unterstellte Wirkung fehlt bisher. Ohne weitere Forschungen kann man das nicht bestätigen.“

Eine ausführliche Beratung sei fast immer angebracht, wenn über den Zeitraum von ein paar Tagen hinaus Medikamente genommen würden, sagt er – unter anderem, weil man die Wirkung oft nicht im Detail kennt und es nicht egal ist, in welchem Schwangerschaftsstadium man was nimmt. So muss man etwa über Ibuprofen wissen, dass es zwar eines der Mittel der ersten Wahl bei Schmerzen und Entzündungen ist – aber nur bis zur 28. Schwangerschaftswoche. „Danach dürfen Schwangere es nicht mehr nehmen, denn nun stellt sich der Kreislauf des Fötus langsam auf die Geburt ein, ist empfindlicher und kann geschädigt werden“, erklärt Schaefer.

Alles in allem sei auch er als Arzt immer wieder fasziniert, wie widerstandsfähig so ein winziger werdender Mensch sei. Trotz Umweltgiften, womöglich nicht optimaler Ernährung und Medikamenteneinnahme kommen die weitaus meisten Kinder unbeschädigt auf die Welt. „Es ist beeindruckend, was ein Embryo so alles aushält, dafür haben Jahrmillionen der Entwicklungsgeschichte des Menschen gesorgt.“

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