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Resilienz Dem Stress die Stirn bieten

Mainzer Forscher wollen die Faktoren für seelische Widerstandskraft besser verstehen und analysieren, warum Menschen so unterschiedlich auf Krisen reagieren.

Stress
Präventiv vorsorgen, bevor medizinische Hilfe vonnöten ist: Das ist das Konzept des Deutschen Resilienz-Zentrums in Mainz. Foto: epd

So schädlich Stress für die Gesundheit sein kann – es gibt auch eine gute Nachricht: „Unser Gehirn kann wieder erlernen, mit Belastungen und kritischen Ereignissen umzugehen“, sagt Beat Lutz, Direktor des Deutschen Resilienz-Zentrums in Mainz. Neben einer gewissen Veranlagung für den Umgang mit Stress befindet sich der Mensch in einem lebenslangen Lernprozess.

Denn die Reaktion auf Krisen ist nicht statisch – sie verändert sich im Lauf des Lebens. Das bedeutet aber auch, dass Verschlechterungen eintreten können, „dass man die Fähigkeit auch wieder verlernen kann, negative Entwicklungen zu bewältigen“. Welche Umstände sich stabilisierend auf den Umgang mit Stress auswirken, kann demnach durchaus von der Kindheit bis zum hohen Alter variieren.

Spannend für die Wissenschaftler ist die große Spannbreite der menschlichen Reaktionen auf Störungen, Krisen und Stress: Manche sind in dieser Hinsicht extrem belastungsfähig, widerstandsfähig und sind nur kurzzeitig gestresst, andere wiederum reagieren auf massiven Stress mit Depressionen, Angststörungen, Burn-out oder körperlichen Symptomen. Die gleichen Stressoren lassen den einen erkranken, während ein anderer keine gesundheitlichen Beschwerden entwickelt.

Der Begriff Resilienz stammt aus der Psychologie und beschreibt die Fähigkeit zur Krisenbewältigung sowie die damit verbundene seelische Widerstandskraft. „Rund 100 Faktoren haben einen Einfluss auf die Resilienz“, sagt Klaus Lieb, der Co-Direktor am Deutschen Resilienz-Zentrum ist. Eine große Rolle spielen etwa positives Denken, Optimismus und Selbstwirksamkeit – also die Gewissheit, über Problemlösungskompetenzen zu verfügen und im Krisenfall selbst aktiv zu werden. Aber auch das soziale Netzwerk und soziale Kompetenzen sind wichtige Faktoren. 

Präventive Förderung der Resilienz

International gibt es zahlreiche Studien über die Resilienz und ihre Auswirkung auf die psychische Gesundheit. Das Deutsche Resilienz-Zentrum in Mainz dagegen verfolgt einen etwas anderen, zielgerichteten Ansatz: Ausgehend von der neurowissenschaftlichen Erforschung der Resilienzmechanismen steht die präventive Förderung der Resilienz im Vordergrund. Letztlich geht es darum, Leben und Arbeiten so zu verändern, dass die Menschen Stress besser verkraften können oder dass weniger Stress entsteht. 

Stressbedingte Störungen betreffen schätzungsweise jedes Jahr rund 120 Millionen Menschen in der Europäischen Union; knapp jeder dritte EU-Bürger ist davon betroffen. Doch zu oft wird erst reagiert, wenn das persönliche Leid bereits stark ausgeprägt ist, und medizinische Hilfe vonnöten ist.

„Unser Zentrum ist europaweit das erste dieser Art“, betont Beat Lutz, der einen Lehrstuhl am Institut für Physiologische Chemie der Mainzer Universitätsmedizin innehat. An dem fachübergreifenden Resilienz-Zentrum, das vor drei Jahren gegründet worden ist, forschen Neurowissenschaftler, Mediziner, Psychologen und Sozialwissenschaftler gemeinsam - insgesamt rund 100 Mitarbeiter sind in verschiedenen Arbeitsgruppen organisiert. Sie sollen Resilienzmechanismen im Tiermodell, aber auch beim Menschen bestimmen. Langzeit-Studien beim Menschen sollen zudem Aufschluss über den natürlichen Kontext geben.

Auch wenn sich die Grundlagenforschung noch am Anfang befindet, vermutet Beat Lutz, „dass für die Resilienz die Balance zwischen aktivierenden und hemmenden Gehirnfunktionen eine entscheidende Rolle einnimmt“. Werden Stresshormone ausgeschüttet, geht es darum zu analysieren, unter welche Bedingungen das Erlebte vor allem negativ erlebt wird und welche neurobiologischen Faktoren dazu beitragen, dass dem Vorfall auch positive Seiten abgewonnen werden. So vergessen resiliente Menschen beispielsweise schlechte Ereignisse viel schneller wieder. Dabei scheint auch das Belohnungssystem des Gehirns eine Rolle zu spielen.

Sport hat positiven Effekt auf Resilienz

Einen sehr positiven Effekt auf die Resilienz habe auch der Sport. „Wir wollen nachvollziehen, was da genau passiert und wie das Training beispielsweise noch optimiert werden kann“, sagt Klaus Lieb, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Mainzer Universitätsmedizin.

Der Neurobiologe und Biochemiker Beat Lutz ist zurückhaltend, ob die häufigen Klagen, dass sich viele Menschen gestresster fühlen als früher, tatsächlich zutreffen. Objektiv viel schwerere Zeiten durchlebten die Menschen in Europa beispielsweise im Zweiten Weltkrieg. Wenig Muße und fehlende Reize in der Natur, dafür viele visuelle Eindrücke vom Bildschirm prägen dagegen zunehmend unseren Alltag. Gestiegen seien auf der einen Seite die persönlichen Ansprüche, die Alltagshektik oder die Zeit, um zur Arbeit zu gelangen, auf der anderen Seite nehme die Belastungsfähigkeit tendenziell ab.

„Wer heutzutage ständig online ist, beraubt sich der Zeiten, um sich zu regenerieren. Für manche ist es bereits eine Katastrophe, wenn das Wlan mal ausfällt“, bemerkt er. Dennoch blickt Lutz optimistisch in die Zukunft: „Die Evolution hat gezeigt, dass die Menschen sich erstaunlich schnell an neue Gegebenheiten anpassen können.“

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