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Organ-Transplantationen Telemedizin soll die Nachsorge verbessern

An der Medizinischen Hochschule Hannover läuft ein Modellprojekt für Patienten, die eine Niere transplantiert bekommen haben

Nieren
36 Prozent der Transplantatverluste sind laut Studien darauf zurückzuführen, dass die empfohlene Therapie nicht richtig eingehalten wurde. Foto: FR-Grafik

Eine Niere transplantiert zu bekommen, bedeutet ein großes Glück und eine erhebliche Verbesserung der Lebensqualität für schwer kranke Menschen, die sonst auf die Dialyse angewiesen wären. Doch auch die Patienten müssen dazu beitragen, dass dieser Zustand möglichst dauerhaft erhalten bleibt. Von ihrem Verhalten hängt ganz wesentlich ab, wie lange das neue Organ im Körper seine Arbeit tun kann. Unabdingbare Voraussetzung dafür ist es, die Medikamente, die ein Abstoßen des Transplantats verhindern sollen, gewissenhaft einzunehmen und konsequent zur Nachsorge zu gehen. Aber auch Sport in Maßen ist wichtig, um das Herz-Kreislauf-System zu stärken und so Begleiterkrankungen vorzubeugen.

Nicht allen Patienten gelingt es indes, auf Dauer die nötige Disziplin aufzubringen. Erschwerend wirkt sich dabei aus, dass die Anfahrtswege zu den Sprechstunden in der jeweiligen Klinik oft lang sind – und die Vernetzung zwischen den Transplantationszentren dort und niedergelassenen Nephrologen (Fachärzten für Nierenleiden) häufig nicht optimal funktioniert; das wäre aber essentiell, da beide für die Nachsorge der Patienten zuständig sind, wie Lars Pape, Projektleiter und stellvertretender Direktor der Klinik für Pädiatrische Nieren-, Leber- und Stoffwechselerkrankungen an der Medizinischen Hochschule Hannover, sagt. „Häufig läuft der Austausch noch primär über Arztbriefe, die andere Ärzte oft Wochen später erreichen.“

In den ersten drei Jahren nach einer Nierentransplantation verlieren etwa acht Prozent der Patienten ihr neues Organ, nach den ersten fünf Jahren steigt dieser Wert dann stetig an. Der Hauptgrund dafür ist die chronische Abstoßungsreaktion, einige Patienten versterben aber auch mit funktionierendem Transplantat an kardiovaskulären Ereignissen wie einem Herzinfarkt oder einem Schlaganfall. 36 Prozent der Transplantatverluste sind laut Studien darauf zurückzuführen, dass die empfohlene Therapie nicht richtig eingehalten wurde.

An der Medizinischen Hochschule Hannover und dem Nierenzentrum in Hann. Münden wird seit Mai 2017 deshalb für die Modellregion Niedersachsen ein neues Nachsorgeprogramm erprobt. Das Projekt mit dem Namen NTx360°, das von Lars Pape für Kinder und Mario Schiffer für erwachsene Patienten initiiert wurde, soll die Betreuung der Patienten nach der Operation und die langfristigen Erfolgschancen einer Transplantation verbessern– und auch die Versorgung wirtschaftlicher machen, erklärt Raoul Gertges, Leiter des Projektmanagements von NTx360°. Denn bei guter Nachsorge ließen sich Kosten reduzieren, die bei der Behandlung von Komplikationen und Begleiterkrankungen oder durch eine erneute Dialysepflicht anfallen würden. Auswirkungen hätten das letztlich auch auf die Warteliste für eine neue Niere, die mit jedem verlorenen Transplantat wachsen würde. Ein überaus wichtiger Aspekt, „denn die Spenderzahlen sind in Deutschland auf Tiefstniveau, so schlecht wie noch nie“, sagt Gertges. Das Modellprojekt wird mit sechs Millionen Euro vom Innovationsfonds des Gemeinsamen Bundesausschusses für Ärzte, Kassen und Krankenhäuser (das höchste Gremium der Selbstverwaltung im deutschen Gesundheitswesen) gefördert.

Was ist neu an diesem Modellprojekt? NTx360° setzt auf Telemedizin, ein kardiovaskuläres Trainingsprogramm, Coaching für bessere Therapietreue und nicht-ärztliche „Fallmanager“ als wesentliche Säulen der Nachsorge. Außerdem werden elektronische Fallakten genutzt, die dem Transplantationszentrum, dem niedergelassenen Nephrologen und dem Patienten selbst zugänglich sind. Sie enthalten neben den medizinischen Daten und aktuellen Befunden auch Versorgungswünsche des Patienten. Wöchentlich stehen Konferenzen auf dem Programm, bei denen Nierenspezialisten, Sportmediziner, Fallmanager und Experten für Psychosomatik die individuelle Situation der Projektteilnehmer besprechen.

Die Telemedizin spielt eine besondere Rolle in diesem Modellprojekt. Vor allem soll sie die Situation für die Patienten erleichtern, sie darin unterstützen, am Ball zu bleiben. Eine gute medizinische Betreuung und ein gesundheitsbewusstes Verhalten bleiben für Menschen, die ein Organ transplantiert bekommen haben, lebenslang lebenswichtig. So müssen sie dauerhaft Medikamente einnehmen, die verhindern, dass das körpereigene Abwehrsystem das gespendete Organ als fremd ansieht und es abstößt – eine gefürchtete Reaktion, zu der es auch noch Jahre nach einer erfolgreichen Transplantation kommen kann, wie Lars Pape erklärt.

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