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Nahrungsergänzungsmittel Nahrungsergänzungsmittel helfen nicht - und könnten sogar schaden

Ein Extra an Vitaminen, Mineralien und Fettsäuren: Nahrungsergänzungsmittel aller Art senken das Risiko für Infarkt und Schlaganfall nicht, zeigen gleich mehrere Studien.

Nahrungsergänzungsmittel
Nahrungsergänzungsmittel können das Risiko für SChlaganfälle und Infarkte nicht senken, zeigen gleich mehrere Studien. Foto: imago

In Apotheken gehören sie zu den Bestsellern: Nahrungsergänzungsmittel, die diverse Vitamine, Mineralien oder Omega-3-Fettsäuren enthalten. Es gibt sie in unterschiedlichen Kombinationen und als Monopräparate – doch immer erhoffen sich die Käufer das Gleiche: etwas für ihre Gesundheit zu tun und das ganz ohne Chemie, nebenwirkungsfrei. Je nach Zusammensetzung sollen die Pillen, Lutschtabletten, Pulver oder Kapseln das Immunsystem „boostern“, vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen schützen – oder am besten alles. Laut der Verbraucherzentrale Bundesverband setzte der Handel in Deutschland 2015 rund 1,1 Milliarden Euro mit diesen Mitteln um, die frei verkäuflich und nicht nur in Apotheken, sondern auch in Drogerien und vielen Supermärkten erhältlich sind.

Mehrere Studien legen nun nahe, dass sich Verbraucher das Geld für solche Produkte sparen können: Weder Nahrungsergänzungsmittel mit Vitaminen und Mineralien wie Magnesium oder Kalzium noch Fischölkapseln mit Omega-3-Fettsäuren schützen demnach davor, an einer Herzkrankheit oder einem Schlaganfall zu sterben. So haben sich US-Mediziner um den Kardiologen Joonseok Kim von der University of Alabama in Birmingham 3249 Studien aus den Jahren 1970 bis 2016 angesehen.

Besonders hochwertige Studien zu Nahrungsergänzungsmitteln

Um zu klären, wie sich die Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln auf das Risiko für Schlaganfälle auswirkt, analysierten sie dann 18 besonders hochwertige – also den höchsten wissenschaftlichen Ansprüchen genügende – Studien, an denen insgesamt mehr als zwei Millionen Menschen teilgenommen hatten. „Das Ergebnis ist ernüchternd und lautet, dass es keinen Nutzen einer solchen Maßnahme für die Gesamtbevölkerung gibt“, sagt Peter Berlit, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) und ehemaliger Chefarzt der Klinik für Neurologie am Alfried Krupp Krankenhaus in Essen. 

Konkret bedeutet das: Im Hinblick auf die Sterblichkeit für alle Herz-Kreislauf-Erkrankungen machte es keinen Unterschied, ob die Studienteilnehmer eine Extradosis Vitamin, Mineralstoffe oder Spurenelemente in Form von Nahrungsergänzungsmitteln einnahmen oder nicht. Zum gleichen Ergebnis kamen die Forscher auch dann, wenn sie gesondert die Sterblichkeit durch eine Herzkrankheit – zum Beispiel einen Infarkt –, die Todesfälle durch einen Schlaganfall oder die Häufigkeit von Schlaganfällen betrachteten.

Dabei hätten sich die US-Forscher in der aktuellen Studie „die größte Mühe gemacht, auch Untergruppen zu erkennen, die möglicherweise doch von Nahrungszusätzen profitieren könnten“, heißt es in einer gemeinsamen Mitteilung der Deutschen Gesellschaft für Neurologie und der Deutschen Schlaganfall-Gesellschaft. Das Ergebnis sei jedoch „stets negativ“ geblieben – „egal, wie lange die Präparate eingenommen wurden, wie alt die Studienteilnehmer waren, ob Mann oder Frau, Raucher oder Nichtraucher, sportlich oder nicht“.

Nahrungsergänzungsmittel könnten sogar schaden

Im Gegenteil sei sogar zu befürchten, dass Nahrungsergänzungsmittel nicht nur nichts nutzen, sondern sogar schaden könnten, warnt Peter Berlit. Zu diesem „alarmierenden Ergebnis“ sei eine Metaanalyse der Cochrane Collaboration gekommen. Mitglieder der Organisation, die ein weltweites Netzwerk von Wissenschaftlern und Ärzten ist, hatten dafür 78 randomisierte Studien (sie gelten als „Goldstandard“ bei wissenschaftlichen Untersuchungen) aus dem Jahr 2012 durchgearbeitet.

Klar sei auf jeden Fall, „dass diese Pillen weder Schlaganfälle verhindern noch die Sterblichkeit an Herz-Kreislauf-Erkrankungen senken“, erklärt Armin Grau, Vorsitzender der Deutschen Schlaganfall-Gesellschaft. Vom Verkauf profitierten nur „Hersteller und Verkäufer“. Eindeutig nachgewiesen sei hingegen, dass eine gesunde Ernährung Gefäßerkrankungen entgegenwirken könnten. In Salat, Obst und Gemüse kämen Vitamine und Mineralstoffe „in ihrer natürlichen Umgebung“ vor. Bereits in den vergangenen Jahren hatte sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass sie dort eine andere Wirkung entfalten als isoliert in Tabletten- oder Pulverform. Grau rät außerdem, auf das Rauchen sowie größere Mengen Alkohol zu verzichten und sich regelmäßig zu bewegen.

Pillen-Hype um Omega-3-Fettsäuren unbegründet

Ein ähnlich ernüchterndes Ergebnis wie die Studien zu Präparaten mit Vitaminen und Mineralien liefern auch Untersuchungen, die gezielt Fischöl-Kapseln mit mehrfach ungesättigten Omega-3-Fettsäuren unter die Lupe nahmen. In der Werbung werden diese Produkte gepriesen mit dem Argument, sie würden der Gefäßverkalkung entgegenwirken und zudem dem Cholesterinspiegel senken; beides sind Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Der Hype um Omega-3-Fettsäuren begann bereits in den 1970er Jahren. Damals hatten dänische Forscher die Essgewohnheiten der Inuit in Grönland untersucht, weil diese Menschen angeblich seltener als die europäischstämmige Bevölkerung an Herzinfarkt und Schlaganfall erkrankten. Als Ursache vermutete man eine vorbeugende Wirkung durch den reichlichen Verzehr fetten Fisches. Der Boom der Fischöl-Kapseln begann. 

Bereits 2014 machten sich kanadische Wissenschaftler daran, die seither veröffentlichten Daten zu Fischöl zu prüfen. Demnach scheint die vermeintliche geringere Sterblichkeit bei den Inuit ein Mythos zu sein, denn die der Analyse der meisten Studien ergab, dass kein Unterschied zwischen den Inuit, in Grönland, Kanada und Alaska im Vergleich zur Bevölkerung mit europäischen Wurzeln existiert.

Wissenschaftler der University of Oxford haben die Wirkung der Kapseln mit Omega-3-Fettsäuren nun noch einmal in einer Studie mit mehr als 15 000 Patienten untersucht. Alle litten an Diabetes und hatten damit bereits ein erhöhtes Risiko für eine Herz-Kreislauf-Erkrankung.

Eine Gruppe erhielt täglich eine Kapsel mit Omega-3-Fettsäuren, die andere einen Placebo, der mit Olivenöl gefüllt war. Die Teilnehmer wurden im Schnitt siebeneinhalb Jahre beobachtet. Zu schweren Erkrankungen wie Herzinfarkt oder Schlaganfall samt seinen Vorboten kam es bei 8,9 Prozent der Patienten, die Fischöl einnahmen und zu 9,2 Prozent in der Placebo-Gruppe. Ein minimaler Unterschied, der nicht für eine schützende Wirkung von Fischöl-Kapseln spricht.  

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