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Medizin Wenn die Abwehrkräfte aus dem Ruder laufen

Autoimmunerkrankungen haben in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Mehr als hundert verschiedene Erscheinungsbilder gehören dazu.

Antikörper
Antikörper attackieren die Schilddrüse: Auch Hashimoto zählt zu den Autoimmunerkrankungen. Foto: istock

Auf den ersten Blick scheinen sie wenig gemeinsam zu haben: Rheumatoide Arthritis, Morbus Crohn, Typ 1-Diabetes oder Psoriasis – Schuppenflechte – führen zu ganz unterschiedlichen Beschwerden. Schmerzende Gelenke, heftige Durchfälle und Bauchkrämpfe. Bleierne Müdigkeit, starkes Durstgefühl, häufiges Wasserlassen und Gewichtsverlust, eine sich ständig schuppende Haut – allein von den dominierenden Symptomen her sind diese Krankheiten kaum miteinander in Verbindung zu bringen. Und doch haben sie eine gemeinsame Grundlage: Alle beruhen sie auf einer Fehlfunktion des Immunsystems und werden zu den Autoimmunerkrankungen gezählt. Deren Spektrum umfasst bei weitem nicht nur die oben genannten Krankheitsbilder, sondern sicher mehr als hundert weitere, neben sehr seltenen auch relativ verbreitete wie die mit Funktionsstörungen der Schilddrüse einhergehende Hashimoto-Thyreoiditis.

Der Vorgang, der diesen klinisch so vielgestaltigen Erkrankungen zugrunde liegt, ist stets der gleiche: Das Immunsystem, dessen Aufgabe darin besteht, den Körper vor Bedrohungen durch krankmachende Erreger oder Tumorzellen zu bekämpfen, läuft aus dem Ruder und richtet sich gegen eigenes Gewebe.

Im Fall von rheumatoider Arthritis werden dadurch Gelenkknorpel geschädigt, bei Typ 1-Diabetes die Insulin produzierenden Zellen der Bauchspeicheldrüse, bei Schuppenflechte (Psoriasis) vor allem Zellen der Haut, beim Morbus Crohn ist es die Darmschleimhaut. Von selbst reguliert sich die falsche „Konditionierung“ des Abwehrsystems nicht mehr, typisch ist deshalb immer auch ein chronischer Verlauf.

Weltweit leiden etwa fünf Prozent der Menschen unter Autoimmunerkrankungen. Diese rangieren damit in puncto Häufigkeit hinter Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs auf dem dritten Platz – mit weiterer Tendenz nach oben, wie Harald Burkhardt, Leiter der Abteilung Rheumatologie am Universitätsklinikum Frankfurt, sagt. Vor allem in den letzten Jahren seien die Patientenzahlen deutlich gestiegen.

Über die Ursachen dieser Entwicklung lässt sich nur spekulieren. Die besseren diagnostischen Möglichkeiten spielen sicher eine wichtige Rolle. Eine gängige Theorie sieht in den hohen Hygienestandards einen der Hauptgründe. Vermutet wird, dass durch diese kulturell bedingten Veränderungen in der Umwelt das Immunsystem bei seiner Auseinandersetzung mit der natürlichen Erregerwelt vor allem in der frühen Kindheit in einer Weise geprägt wird, die das Entstehen von Autoimmunität begünstigt, wie Harald Burkhardt erläutert. Dafür spräche auch die Tatsache, dass diese Erkrankungen desto häufiger vorkommen, je weiter man sich vom Äquator entfernt. Dieses Phänomen könnte jedoch auch anders erklärbar sein, etwa mit ethnischen Unterschieden.

So verbreitet diese Leiden auftreten, so haben sie doch noch längst nicht alle Geheimnisse preisgegeben. Allerdings ist gerade in jüngster Zeit das Wissen enorm gewachsen– und damit auch die Aussicht, Ansätze für eine kurative Therapie zu finden. Denn auch das verbindet die Autoimmunerkrankungen: Bis heute ist es der Medizin nicht möglich, auch nur eine von ihnen zu heilen. Moderne Behandlungsmethoden, die direkt in die immunologischen Prozesse eingreifen, vermögen aber häufig zumindest schubhafte Verschlechterungen rückgängig zu machen sowie ein Fortschreiten zu verhindern – und nicht mehr nur die Symptome zu lindern. Wichtig sei deshalb vor allem eine frühzeitige Diagnose, sagt Harald Burkhardt.

Verständnis der Mechanismen

Grundlage für die Entwicklung aller zielgerichteten Medikamente ist das Verständnis der Mechanismen hinter der Erkrankung. Normalerweise, erklärt der Rheumatologe, sei unser Abwehrsystem darauf trainiert, körpereigene Strukturen als „Selbst“ zu erkennen und nicht anzugreifen. Paul Ehrlich entdeckte dieses Prinzip der „immunologischen Selbsttoleranz“ bereits vor mehr als hundert Jahren und prägte dafür den Begriff des „Horror autotoxicus“.

Bei Autoimmunerkrankungen funktioniert dieser Selbstschutz nicht mehr: Das Immunsystem vermag die Strukturen eines bestimmten Gewebes nicht als körpereigen und harmlos zu identifizieren, sondern schätzt sie fälschlicherweise als gefährlich ein und attackiert sie – und das dann ganz gezielt. Denn bei Autoimmunerkrankungen ist das spezifische Immunsystem betroffen, das der Körper erst im Laufe des Lebens ausbildet, anders als das unspezifische, das ihm bereits in die Wiege gelegt wird. Letzteres richtet sich gegen Merkmale, wie sie auf vielen Erregern vorkommen, es leistet eher die Aufgabe einer schnell mobilisierbaren Vorhut, um Bedrohungen etwa durch Keime, aber auch durch Schadstoffe aus der Umwelt abzuwehren.

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