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Medizin Der Krebsforschung fehlt der Nachwuchs

Die Deutsche Krebshilfe richtet an fünf Universitätskliniken Zentren für junge Wissenschaftler ein.

Zellen
Warum Zellen entarten und vom Immunsystem nicht erkannt werden - das Wissen darum ist enorm gewachsen. Foto: istock

Auf dem Gebiet der Krebsforschung hat sich in den letzten 15 Jahren viel getan. Das Verständnis der Krankheit hat sich grundlegend geändert, weil wesentliche Prozesse, die sich beim Entstehen, Wachsen und Streuen eines Tumors abspielen, entschlüsselt werden konnten. Man weiß heute, dass Krebs eine weitaus komplexere, vielgestaltigere und individuellere Erkrankung ist als jahrzehntelang gedacht. Diese Erkenntnisse mündeten in die Entwicklung neuer, zielgerichteter Behandlungsmethoden wie der Immuntherapie – die aber alle erst am Anfang stehen.

Doch der Wissenszuwachs könnte in Deutschland ausgebremst werden. Denn es fehlt an Nachwuchsforschern, jungen Medizinern, Biologen, Chemikern, denen eine wissenschaftliche Laufbahn an einer Universität attraktiv genug erscheint, um den mühevollen Weg einzuschlagen. Um die Krebsforschung „in Deutschland zukunftsfähig zu halten“, hat die Deutsche Krebshilfe nun die Einrichtung von „Mildred-Scheel-Nachwuchszentren“ initiiert. Sie entstehen an fünf Universitätskliniken und werden von der Deutschen Krebshilfe fünf Jahre lang mit jeweils zehn Millionen Euro gefördert.

Diese fünf Standorte befinden sich in Frankfurt, Dresden, Hamburg, Köln/Bonn und Würzburg. Die Medizinischen Fakultäten der dortigen Universitäten hatten sich bei einem von internationalen Gutachtern bewerteten Wettbewerb durchgesetzt. An diesen künftigen „Leuchttürmen“ der Krebsforschung sollen Modelle aufgezeigt werden, „wie Karrierewege für Naturwissenschaftler und wissenschaftlich tätige Ärzte in der Krebsforschung attraktiv gestaltet werden können“, sagt Anja Katrin Boßerhoff, Vorsitzende des Fachausschusses „Medizinische/Wisenschaftliche Nachwuchsförderung“ der Deutschen Krebshilfe und Inhaberin des Lehrstuhls für Biochemie und Molekulare Medizin an der Universität Erlangen-Nürnberg.

„Wir haben hierzulande einen eklatanten Mangel an jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern“, konstatiert sie. Die „Hauptleidtragenden“ werden in Zukunft die Patienten sein, warnt Boßerhoff. Denn eine Weiterentwicklung der onkologischen Versorgung sei unter diesen Bedingungen „nur schwer möglich“.

Doch was sind die Gründe für die Misere? Sich für die wissenschaftliche Laufbahn zu entscheiden, das ist oft gleichbedeutend mit einem Weg in die berufliche Unsicherheit, der langfristiges Planen unmöglich macht. Laut eines Berichts des Wissenschaftsrates, der sich auf das Jahr 2010 bezieht, hatten damals 81,5 Prozent der ärztlichen und 92,3 Prozent der nicht-ärztlichen wissenschaftlichen Mitarbeiter in der Hochschulmedizin befristete Verträge – wobei eine Dauer von weniger als 18 Monaten keine Seltenheit war. Viele Wissenschaftler würden so in eine „prekäre Situation“ geraten, sagt Boßerhoff.

Auch würden an manchen Universitäten forschende Ärzte schlechter bezahlt als klinisch tätige. Und in der Pharmaindustrie ist ohnehin mehr Geld zu verdienen. Gerade in der Medizin würden deshalb viele Forscher jenseits des 40. Lebensjahres ihre wissenschaftliche Laufbahn an einer Uniklinik zugunsten anderer Karrierewege abbrechen, sagt Boßerhoff.

In der akademischen Welt erscheine einzig die Aussicht auf eine Professur erstrebenswert. Doch deren Zahl sei in der Krebsforschung „außerordentlich begrenzt“. Gerade die talentiertesten Wissenschaftler, so Anja Katrin Boßerhoff, würden sich deshalb noch zusätzlich klinisch weiterbilden, um Oberarzt werden zu können. Damit jedoch gefährdeten sie die Qualität ihrer wissenschaftlichen Arbeit und den Fortgang ihrer wissenschaftlichen Laufbahn. „Oder sie gehen eine außerordentliche berufliche Belastungssituation ein, die mit der Vereinbarkeit von Beruf und Familie nichts mehr zu tun hat.“ Das benachteilige vor allem Frauen.

Um an dieser unbefriedigenden Situation nachhaltig etwas zu ändern, können die neuen Zentren nur ein Baustein sein. Die Deutsche Krebshilfe appelliert in einem Positionspapier deshalb auch an die Politik, „mittelfristig adäquate Strukturen“ an allen Universitätskliniken „zu schaffen und zu finanzieren“.

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