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Krebsforschung Tumor ist nicht gleich Tumor

Forscher lernen Krebs als Plural zu denken – als „Ansammlung seltener Erkrankungen“.

Proben
Proben im Labor eines Krebsforschungsinstituts. Foto: rtr

Die Hoffnung auf das eine Mittel gegen Krebs, wie sie vor noch vor einigen Jahren gehegt wurde – sie klingt heute naiv. „Zu den wichtigsten Fakten, die Onkologen in den letzten Jahren gelernt haben, gehört, dass Tumore ungemein heterogen sind“, sagt Michael Baumann, Vorstandsvorsitzender des Deutschen Krebsforschungszentrums: „Was wir für die gleiche Tumorart halten, kann biologisch etwas ganz Anderes sein.“ So gibt es auch seit einiger Zeit in der Wissenschaft die Diskussion, Tumore nicht mehr nach ihrer Gewebezugehörigkeit und der Lokalisation in einem Organ einzuteilen, sondern stärker auf ihre molekularen Profile zu achten. 

Denn auch wenn sie im gleichen Organ auftreten, besitzen Krebserkrankungen oft völlig unterschiedliche genetische Ursachen. So kann ein bösartiger Knoten in der Brust mit Tumoren in anderen Körperregionen (bei anderen Patientinnen) mehr Gemeinsamkeiten haben als mit anderen Mammakarzinomen. Tumore seien so unterschiedlich, dass man Krebs mittlerweile „als eine Ansammlung seltener Erkrankungen betrachtet“, erklärt Stefan Fröhling vom Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen in Heidelberg gar.

Singulare Therapie gesucht

Die Onkologie strebt deshalb immer stärker danach, Patienten eine auf ihren individuellen Krebs zugeschnittene Therapie zu bieten. 

Zunehmend wichtige Grundlagen, die über den Erfolg einer Behandlung entscheiden können, sind deshalb die umfassende molekulare Untersuchung von Krebsgewebe und Blut sowie die detaillierte Analyse des Tumorgenoms. Oft lässt sich danach schon einschätzen, ob jemand beispielsweise von einer Chemotherapie oder einer Immuntherapie profitieren kann; letztere schlägt zum Beispiel besonders gut bei Tumoren mit einer hohen Mutationsrate an.
Das alles bedeutet freilich auch: Die Tumormedizin wird immer komplizierter, die Patientengruppen werden immer kleiner.

Es sei wichtig, „relevante molekulare Veränderungen zu identifizieren“ und die Patienten danach einzuteilen, sagt Fröhling – räumt allerdings auch ein: „Viele krebsbildende Mutationen sind vermutlich noch nicht entdeckt.“

Vernetzung tut Not

Weil Patientinnen und Patienten mit der gleichen Tumorerkrankung oft an weit voneinander entfernten Orten lebten, sei eine stärkere Zusammenarbeit von Studienzentren gefordert, erklärt der Onkologe. Das Deutsche Krebskonsortium mit seinen angeschlossenen Kliniken baut dafür nun erstmals die notwendigen Strukturen in Deutschland auf. So sollen die molekularen „Tumorboards“ – bei denen Fachleute verschiedener Disziplinen über die Befunde etwa aus der Gensequenzierung diskutieren – ausgebaut und vernetzt werden.

Zudem soll ein standortübergreifendes Krebsgenom-Sequenzierungsprogramm etabliert werden, um Gendefekte von Tumoren und passende Therapien für jeden Patienten individuell bestimmen zu können. 

Dafür schicken Ärzte aus den Kliniken, die sich dem Deutschen Krebskonsortium angeschlossen haben, Proben von Krebspatienten zur Genomanalyse an das Deutsche Krebsforschungszentrum. Die genetischen Daten werden anschließend klinisch ausgewertet und einer wöchentlichen Videokonferenz bei der Entscheidung für oder gegen eine Therapie herangezogen. 

Bis jetzt wurde das Tumorgenom von knapp 900 Patienten ausgewertet; in einigen Fällen, sagt Stefan Fröhling, habe man die genaue Tumorform erst auf Basis der Genomanalyse diagnostiziert werden können.

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