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Krebsforschung „In Deutschland müssen wir noch spezialisierter werden“

Die Ärztin Patrizia Malkomes und Christian Brandts, Leiter des Universitären Centrums für Tumorerkrankungen in Frankfurt, über die Ursachen für den Nachwuchsmangel in der Krebsforschung – und Wege, dieses Gebiet für junge Wissenschaftler attraktiver zu machen.

Arbeit im Forschungslabor
Die Arbeit im Forschungslabor lässt sich oft nur schlecht mit dem Alltag in der Klinik vereinbaren. Foto: uct

In der Krebsforschung Fortschritte zu erzielen, mitzuarbeiten, um diese gefürchtete Krankheit besser verstehen und behandeln zu können – das müsste eigentlich für junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler überaus attraktiv sein. Sollte man meinen. Tatsächlich jedoch fehlt es der Krebsforschung in Deutschland an Nachwuchs – und das in einem solchen Ausmaß, dass der internationale Anschluss verloren zu gehen droht, wie die Deutsche Krebshilfe beklagt. Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, hat sie deshalb die Gründung von Mildred-Scheel-Nachwuchszentren initiiert.

An fünf Universitätsklinika – die sich bei einem Wettbewerb durchgesetzt haben – entstehen nun Einrichtungen, an denen nicht nur Forschungsprojekte realisiert, sondern auch Modelle für Karrierewege junger Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aufgezeigt werden sollen. Die Deutsche Krebshilfe fördert sie fünf Jahre lang mit jeweils zehn Millionen Euro. Einer dieser fünf Standorte ist Frankfurt, wo das Mildred-Scheel-Nachwuchszentrum 2019 seine Arbeit aufnehmen soll. Eine junge Frau, die heute bereits in der Forschung tätig ist und die damit verbundenen Probleme gut kennt, ist Patrizia Malkomes. Die 35 Jahre alte Medizinerin befindet sich gerade im letzten Ausbildungsjahr zur Fachärztin für Allgemein- und Viszeralchirurgie am Universitätsklinikum Frankfurt. Im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau erzählen sie und Christian Brandts, Direktor des Universitären Centrums für Tumorerkrankungen in Frankfurt (UCT), woran es derzeit bei der Krebsforschung in Deutschland hakt – und welche Konzepte man in Frankfurt dagegensetzt.

Frau Malkomes, Sie haben sich entschieden, nicht nur in der Klinik, sondern auch wissenschaftlich zu arbeiten. Viele andere Ihrer jungen Kollegen scheint diese Laufbahn jedoch abzuschrecken. Was macht die Krebsforschung so unattraktiv? 
Patrizia Malkomes: Ich habe mich schon früh für die Forschung interessiert und bereits im experimentellen Bereich promoviert, nicht im klinischen. Bei uns in den chirurgischen Fächern ist vor allem der Zeitmangel ein Problem. Immer wenn ich sage, ich gehe ins Forschungslabor, steht damit meine Facharztausbildung mehr oder weniger still, weil ich nicht in den Operationssaal komme. Denn in der Chirurgie kann ich nur meinen Facharzt machen, wenn ich oft genug am OP-Tisch gestanden habe. Deshalb ist die Forschung für viele junge Kolleginnen und Kollegen eher unattraktiv, weil man damit seinen Facharzt verzögert und die Chirurgie eigentlich auch zeitaufwendig genug ist.

Christian Brandts: In diesem Zusammenhang haben wir in Frankfurt eine Bedarfsanalyse gemacht unter Ärzten, die wissenschaftlich tätig sind, und Naturwissenschaftlern in der Medizin. Auf dieser Basis konnten wir dann Punkte identifizieren, die sich als besonders problematisch herausgestellt haben. Die belastbare Integration von klinischer Routine auf der einen und Forschung auf der anderen Seite ist eine Herausforderung. 

Das bedeutet, dass jemand, der als Arzt in einer Klinik arbeitet, wenig Zeit für die Forschung hat und es deshalb meistens lässt? 
Brandts: Zu dieser Doppelbelastung sind zumindest nur wenige junge Ärztinnen und Ärzte bereit, und das hat mehrere Gründe. Einen Hauptgrund für das nachlassende Forschungsinteresse junger Mediziner sehen wir in der fehlenden langfristigen Perspektive in der Krebsforschung. Trotz hohen Engagements allein auf eine der wenigen Professuren zu hoffen, ist vielen zu risikoreich. Sie setzen stattdessen auf ihr klinisches Weiterkommen, denn da sind die Aussichten besser. Aber die Hürden für die Forschung beginnen schon früher. Ein Problem besteht darin, dass geschützte Forschungszeiten oft nur schwer zu realisieren sind, weil das Patientenwohl selbstverständlich stets vorgeht. In Urlaubszeiten und Krankheitsphasen führt das immer wieder zu Unterbrechungen von Forschungstätigkeiten, die dann zurückgestellt werden müssen. Auch die Verlängerung der Facharztausbildung ist ein unbestrittener Nachteil. Und nicht zuletzt geht das alles immer auch zu Lasten der Familie, weil die arbeitsintensivsten Jahre in die Zeit der Familiengründung fallen. 

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