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Jüdische Hirnchirurgen Menschen mit schweren Leiden das Leben erleichtern

Ein Team von Neurowissenschaftlern hat das Werk und Schicksal jüdischer Hirnchirurgen aufgearbeitet, die Deutschland vor 1941 verließen. Dafür gab es eine Auszeichnung.

Otfrid Foerster
Der berühmte Hirnchirurg Otfrid Foerster aus Breslau in den 1930er Jahren beim Anlegen einer Lokalanästhesie vor einer Operation. Foto: Archiv für Geschichte der Deutschen Neurochirurgie

Vor hundert Jahren war die Situation querschnittgelähmter Menschen trostlos, ihre Prognose schlecht: Sie galten als hoffnungslose Fälle, als „Todeskandidaten“, denn rund 80 Prozent starben schon in den ersten Wochen nach der Verletzung, die ihren Zustand ausgelöst hatte. Dass sich das grundlegend geändert hat, ist zu einem großen Teil Ludwig Guttmann zu verdanken: Er revolutionierte die Behandlung von Patienten mit Querschnittslähmung, machte Sport zu einer Säule der Therapie – und begründete die Paralympics, deren Vorläufer, die Stoke Mandeville Games, im Sommer vor 80 Jahren zum ersten Mal stattfanden.

Ludwig Guttmann, der 1966 von Queen Mother zum Ritter geschlagen wurde, war ein deutscher Jude. 1939 war er vor dem nationalsozialistischen Terror nach England geflohen – einer von 8000 jüdischen Ärzten aus Deutschland, die es noch rechtzeitig vor dem 1941 verhängten Auswanderungsverbot schafften, ihre Heimat zu verlassen. Zu ihnen gehörten auch 13 Hirnchirurgen; einer von ihnen war Ludwig Guttmann. Mit den Biografien dieser zwölf Männer und einer Frau haben sich Ulrike Eisenberg, Hartmut Collmann und Daniel Dubinski beschäftigt und die Ergebnisse ihrer Recherchen in einem mehr als 400 Seiten fassenden Buch veröffentlicht, Titel: „Verraten – Vertrieben – Vergessen. Werk und Schicksal nach 1933 verfolgter deutscher Hirnchirurgen“.

Alle drei Autoren sind oder waren selbst in der Neurochirurgie tätig: Ulrike Eisenberg arbeitet am Klinikum Barnim in Eberswalde, Hartmut Collmann, Professor für Neurochirurgie mit dem Schwerpunkt Kinderneurochirurgie und seit 2007 im Ruhestand, ist Verwalter des Archivs für Geschichte der Deutschen Neurochirurgie in Würzburg, Daniel Dubinski macht zur Zeit seine Facharztweiterbildung an der Klinik für Neurochirurgie am Universitätsklinikum Frankfurt. Für ihr Buch erhielten sie den Herbert Lewin-Forschungspreis zur Rolle der Ärzteschaft in der Zeit des Nationalsozialismus. Mit dem Preisgeld soll das Buch nun ins Englische übersetzt werden.

„Bis zum Zweiten Weltkrieg beschäftigten sich in Deutschland nur wenige Mediziner mit Hirnchirurgie. Überproportional viele waren Juden, denn sie hatten damals nur geringe Chancen, sich in einem beliebten Fach zu etablieren“, sagt Daniel Dubinski. Der 32-Jährige emigrierte mit seiner Familie 1992 aus Moskau an den Main.

Bereits in der Kaiserzeit und in der Weimarer Republik herrschte ein latenter Antisemitismus, Juden waren der Zugang in den Staatsdienst und eine Universitätskarriere erschwert, daher mussten sie sich Nischen suchen. Anders als etwa in den USA, wo die Spezialisierung viel weiter fortgeschritten war, stellte die Hirnchirurgie in Deutschland kein eigenständiges Fach in der Medizin dar. Neurologen versuchten sich dort ebenso wie Allgemeinchirurgen – meist mit bescheidenem Erfolg. „20 bis 70 Prozent der Patienten starben nach einer Operation“, sagt Dubinski.

Moderne bildgebende Verfahren wie Magnetresonanztomographie oder Computertomographie gab es noch nicht, Ärzten stand nur die sogenannte Luftenzephalographie zur Verfügung. Im Vergleich zu heute lieferte sie grobe Aufnahmen, die allenfalls ahnen ließen, was sich wo im Gehirn an krankhaften Vorgängen abspielte. Das Prozedere war für die Patienten eine Qual: Ihnen wurde über eine Punktion in den Rückenmarkskanal Nervenwasser entzogen und stattdessen Luft hineingepumpt, erklärt Dubinski: „Die Luft stieg hoch, dann wurde ein Röntgenbild gemacht. Daran, wie sie sich im Gehirn verteilte, versuchte man abzuschätzen, welche Pathologie sich dahinter versteckte.“

Entschieden sich die Ärzte für eine Operation, so folgte eine noch größere Tortur: Otfrid Foerster etwa, einer der führenden Neurologen und Hirnchirurgen seiner Zeit, operierte am Klinikum in Breslau in zwei Schritten, erläutert der Frankfurter Mediziner: Er öffnete erst den Schädel und nähte diese Fläche dann mit Haut zu; alles in Lokalanästhesie. „Danach benötigten Arzt und Patient erst einmal zwei Wochen Pause. Dann kam der eigentliche Eingriff.“

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