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Ernährung Bereits leichtes Übergewicht ist riskant

Eine neue Studie zeigt, dass die Gefahr von Herz-Kreislauf-Erkrankungen nicht erst bei Fettleibigkeit stark steigt.

Bauchfett
Bauchfett ist besonders schädlich für die Gesundheit. Foto: dpa

Dass massives Übergewicht ein großes Problem für die Gesundheit darstellt, ist bekannt: Es erhöht das Risiko für Herz-Kreislauf- und Stoffwechselerkrankungen, sogar für Krebs, belastet die Gelenke. Nur einige Kilos zu viel auf der Waage galten bislang hingegen als unbedenklich und wurden laut einiger Studie sogar eher als gesundheitsförderlich angesehen – vor allem im Alter und wenn diese Menschen ansonsten einen gesunden Lebensstil pflegten.

Eine neue Studie bringt diese (für Millionen Menschen beruhigenden) scheinbaren Gewissheiten nun ins Wanken. Nikolaus Marx, Direktor der Klinik für Kardiologie, Pneumologie, Angiologie und Internistische Intensivmedizin an der Uniklinik Aachen, stellte die groß angelegte Untersuchung bei der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie am vergangenen Freitag in Mannheim vor. Demnach steigt das Herz-Kreislauf-Risiko auch bereits bei einem Body Mass Index (BMI), der allgemein noch als gesund gilt. Zum Verständnis: Der Body Mass Index ist eine Maßzahl für die Bewertung des Körpergewichts eines Menschen in Relation zu seiner Körpergröße. Er errechnet sich, indem das Gewicht in Kilogramm durch das Quadrat der Körpergröße geteilt wird. Im Allgemeinen gilt ein BMI zwischen 18 und 25 kg/m als normal und somit gesund.

Für die Studie, die im European Heart Journal erschienen ist, wurden 300.000 Menschen untersucht, allesamt Europäer mit weißer Hautfarbe, ihr Durchschnittsalter lag bei 55 Jahren. Sie wurden zwischen 2006 und 2010 für die Studie ausgewählt und 2015 noch einmal abschließend untersucht. Keiner von ihnen hatte zu Beginn der Studie eine Herz-Kreislauf-Erkrankung. Das Ergebnis war so unerwartet wie deutlich: Bei 3,3 Prozent der Frauen und 5,7 Prozent der Männer kam es während des Studienzeitraums zu einem kardiovaskulären Ereignis (damit werden Erkrankungen bezeichnet, die vom Gefäßsystem ausgehen, also etwa Herzinfarkt).

Dabei so Nikolaus Marx, habe sich gezeigt, dass Teilnehmer mit einem Body Mass Index von 22 und 23 kg/m das geringste Risiko hatten. Einen BMI in diesem Bereich entspricht zum Beispiel einer 1,65 Meter großen Frau, die 60 Kilogramm wiegt. Doch bei Werten, die über einem BMI von 23 liegen, sei das Risiko bereits angestiegen und in der Folge immer weiter – pro 5,2 kg/m um jeweils 13 Prozent.

Ein besonders hohes Risiko birgt vor allem das Bauchfett, das sich um die inneren Organe ansiedelt, es ist weitaus schädlicher als Speck an Hüfte, Po und Oberschenkeln. Das hat unter anderem damit zu tun, dass das Fett in der Leibesmitte oft Botenstoffe enthält, die sich unter anderem auf den Blutdruck auswirken , die Freisetzung von Insulin beeinflussen und Entzündungen fördern können. Bei Frauen gilt ein Bauchumfang unter 83 Zentimetern als optimal. Lag er darüber, so sei das Risiko pro 12,6 weitere Zentimeter um zehn Prozent gestiegen. Bei Männern wuchs es sogar um 16 Prozent pro zusätzliche 11,4 Zentimeter, sie sollten am besten einen Bauchumfang von 94 Zentimetern nicht überschreiten.

Grundsätzlich gelte, dass nur bei „fünf bis maximal 15 Prozent der Übergewichtigen“ das vermehrte Körperfett nicht gleichzeitig auch ein höheres Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen bedeute, sagt Nikolaus Marx. Als problematisch empfindet es der Kardiologie, das einige wissenschaftliche Studien „suggeriert“ hätten, dass Übergewicht oder sogar Fettleibigkeit insbesondere bei älteren Menschen keinen Effekt auf kardiovaskulär bedingte Todesfälle hätten und manche sogar nahelegten, dass ein paar Kilos mehr schützend wirken könnten. Doch das sei „heftig umstritten“, sagt Marx.

Doch welche Möglichkeiten gibt es für Menschen, die es nicht schaffen, mit einer Diät abzunehmen oder, selbst wenn ihnen das gelingt, ihr niedrigeres Gewicht nicht halten können? Ein „Mindestmaß“ an körperlicher Aktivität könne die „schlimmsten Folgen“ von Übergewicht mildern oder sogar verhindern, sagt Martin Halle von der Poliklinik für Präventive und Rehabilitative Sportmedizin der Technischen Universität München. Dabei muss es nicht das große Sportprogramm sein: Viele gängige Ratschläge beinhalten die Empfehlung, dreimal in der Woche je 30 Minuten zu joggen. Doch das gehe an „den Lebensrealitäten der Patienten“ vorbei, sagt Halle. Und weil es für sie nicht praktikabel sei, „lassen es die meisten letztlich ganz sein“. Dabei müssten Bewegungseinheiten nicht mindestens 30 Minuten dauern, wie oft behauptet werden. Es sei „höchste Zeit“, mit diesem „verbreiteten Irrtum“ aufzuräumen.

„Wer täglich sieben bis acht Minuten zügig spazieren geht, reduziert sein Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen und Diabetes bereits um 20 Prozent“, erklärt der Mediziner. Allerdings sollte dieses „Minimalprogramm“ wirklich zügig – „also mit einer deutlichen Zusatzbelastung für das Herz“ – absolviert werden. Denn nur so werde die Ausschüttung von Hormonen in den Muskeln aktiviert, die wichtig seien, um das Gesundheitsrisiko zu verringern.

Ebenfalls ein Muss: das tägliche Wiederholen des Spaziergangs. Wer das schaffe, dürfe bereits nach sechs bis acht Wochen mit einem „deutlich verbesserten Muskelstoffwechsel, einer erhöhten Elastizität der Gefäße und einer wieder gesteigerten diastolischen Herzfunktion“ rechnen, sagt Martin Halle.

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