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Blutzuckerspiegel Messen rund um die Uhr

Neue Systeme sollen das Leben von Typ-1-Diabetikern erleichtern.

Blutzucker
Das ständige Messen des Blutzuckers ist lebensnotwendig, ist aber anstrengend und erfordert viel Disziplin. Foto: istock

Stefan W. ist Rechtsanwalt und leidet seit 30 Jahren unter Diabetes. Die Erkrankung ereilte ihn nach einer langwierigen Grippe, von der er sich kaum zu erholen schien. Unendlich müde, kraft- und antriebslos hatte sich der junge Mann damals über Wochen gefühlt und schob das – ebenso wie sein Hausarzt – auf seinen verschleppten Infekt. Dass sich ein Typ-1-Diabetes im Nachgang einer viralen Infektion entwickelt, sei keine Seltenheit, auch wenn die Gründe dafür nicht vollständig bekannt sind, sagt Christian-Dominik Möller, Leiter der Klinik für Diabetologie und Ernährungsmedizin am Bürgerhospital Frankfurt. Als Stefan W. nach etlichen Wochen von einem Internisten dann endlich die Diagnose Typ-1-Diabetes erhielt, war das ein Schock – und brachte einschneidende Veränderungen auch für das berufliche Leben des Frankfurter Juristen mit sich.

Bei langen Gerichtsverhandlungen musste er nun zwischendurch den Saal verlassen, sich in die Fingerkuppe stechen, im austretenden Blut den Zuckerspiegel messen und sich mehrmals am Tag eine Spritze setzen, um sich Insulin zuzuführen. Später nutzte er dafür Pens, die das Hormon über einen Klick ähnlich wie bei einem Kugelschreiber in den Körper einbringen und die Prozedur deutlich vereinfachten; das umständliche Messen freilich blieb.

Die Disziplin aufzubringen, mehrfach am Tag den Blutzuckerspiegel zu bestimmen, vor jedem Essen zu berechnen, welche Menge an Kohlehydrateinheiten die verschiedenen Lebensmittel enthalten, die richtige Menge Insulin darauf abzustimmen und anschließend zu spritzen: Stefan W. fiel das vor allem an hektischem Tagen schwer. Kein Einzelfall. Viele Diabetiker haben mit diesem mehrmals täglich nötigen und anstrengenden Procedere große Probleme, erklärt Christian-Dominik Möller. Außerdem beeinflussen neben der Nahrung auch Faktoren wie Stress, Aufregung oder akute Infekte den ohnehin stetig leicht schwankenden Blutzuckerspiegel und erschweren so den Umgang mit dem Diabetes noch zusätzlich. Hinzu kommt: Viele Patienten empfinden Scham, und vor allem Kindern drohe Ausgrenzung, wenn sie in Gegenwart Gleichaltriger Insulin spritzen, sagt der Mediziner.

Inzwischen ist die Situation für Diabetiker komfortabler geworden als noch vor einigen Jahren, neue Systeme können den Alltag erheblich erleichtern. Insulinpumpen, die (meist in der Bauch- oder Hüftregion) ständig am Körper getragen werden, geben über einen dünnen Schlauch rund um die Uhr kleine Mengen Insulin ab, um den Grundbedarf zu decken. Das darüber hinaus zu den Mahlzeiten individuell benötigte Insulin steuert der Patient dann selbst per Knopfdruck. Moderne Geräte sind mit winzigen Computern ausgestattet, lassen sich sogar per Handy steuern oder mit Systemen kombinieren, die den Blutzuckerspiegel kontinuierlich bestimmen und  dem Patienten damit sogar das eigene Messen ersparen. Allerdings werden all diese Hilfsmittel bislang längst nicht von allen Diabetikern genutzt, sagt Möller: „Die Normaltherapie ist immer noch der Pen.“ Denn die Krankenkassen übernehmen die Kosten für Insulinpumpen und insbesondere die Geräte neuester Generation nur bei bestimmten Indikationen (etwa, wenn sich der Blutzuckerspiegel anders nicht befriedigend einstellen lässt) und nach strenger Überprüfung.

Der Bedarf ist groß, denn die Zahl der Erkrankten wächst. Nach aktuellen Schätzungen leben in Deutschland etwa 300 000 Menschen mit Diabetes Typ 1, rund 30 000 davon sind Kinder und Jugendliche. Vor allem die Zahlen der Neuerkrankungen bei Kleinkindern steigen. Noch größer sind die Zahlen bei Typ-2-Diabetes, an dem rund sieben Millionen Deutsche leiden; plus eine vermutlich hohe Dunkelziffer. Zwischen beiden Erkrankungen gibt es grundlegende Unterschiede: Ein Typ-2-Diabetes entwickelt sich meist erst im Erwachsenenalter und oft über Jahre hinweg, neben einer erblichen Veranlagung trägt in hohem Maße auch der Lebensstil bei, sagt der Mediziner. Häufig lässt sich diese Erkrankung mit einer Änderung dieser Gewohnheiten und Tabletten in den Griff kriegen, eher selten müssen Typ-2-Diabetiker spritzen.

Typ-1-Diabetes hingegen ist eine Autoimmunerkrankung, die meist bereits in jungen Jahren auftritt. Zwar kann sich durch äußere Faktoren wie einen Virusinfekt „getriggert“werden, mit dem Lebensstil hat sie jedoch nichts zu tun. Das Immunsystem dieser Patienten sieht aus bislang noch nicht genau bekannten Gründen die für die Insulinproduktion zuständigen Inselzellen in der Bauchspeicheldrüse plötzlich als „fremd“ an und zerstört sie. Eine fatale Kettenreaktion setzt ein: Denn Insulin ist ein lebenswichtiges Hormon, das den mit der Nahrung aufgenommenen Zucker aus dem Blut in die Zellen schleust, die ihn zur Energiegewinnung benötigen.

Fällt dieser Vorgang aus, so „verhungern“ die Zellen. Der Zucker bleibt stattdessen im Blut, wo er auf Dauer, Gefäße, Nerven und Organe schädigen kann. Anders als Typ-2-Diabetiker müssen Menschen mit Typ-1-Diabetes sich lebenslang mehrmals am Tag Insulin zuführen – und das nicht nach einer festen Dosis, sondern individuell auf den jeweiligen Bedarf abgestimmt. Dabei gilt es, Unter- und Überzuckerung gleichermaßen zu vermeiden, Entgleisungen in beide Richtungen können gefährlich werden. Da das Hormon von der Magensäure zerstört wird, ist die Versorgung leider nicht in Form einer Tablette möglich.

Die neuen technischen Hilfsmittel machen sowohl die Zufuhr von Insulin als auch das Messen des Blutzuckerspiegels einfacher und ermöglichen eine größere Flexibilität bei den Mahlzeiten. Die jüngste Entwicklung sind „mitdenkende“ Systeme: Erst seit einigen Monaten verordnungsfähig sind Geräte, die kontinuierlich den Blutzuckerziegel messen und im Auge behalten, sogenannte rtCGM-Systeme (die Abkürzung steht für „Echtzeit“ kontinuierliches Glukosemonitoring). Diese Geräte bestimmen über einen dünnen Sensorfaden aus Platin im Unterhautfettgewebe (der allerdings alle paar Tage gewechselt werden muss) rund um die Uhr die Glukosekonzentration in der Gewebeflüssigkeit. Über dem Sensor ist ein Sender befestigt, der die Daten permanent drahtlos an ein mobiles Empfängergerät sendet, erklärt Möller. Dort erscheint auf dem Display alle fünf Minuten der jeweils aktuelle Wert, so dass der Patient den Verlauf verfolgen und Schwankungen beobachten kann. Ein Alarm informiert, wenn die Werte bedrohlich sinken oder steigen. Auf eigene Messungen der Zuckerkonzentration im Blut kann der Patient zwar nicht vollständig verzichten – aber er muss sich bei weitem nicht mehr so oft in den Finger stechen wie sonst.

Noch einen Schritt weiter gehen korrespondierende Systeme aus Insulinpumpe und kontinuierlichem Glukosemonitoring. Bei ihnen werden die Sensordaten über den Blutzuckerspiegel nicht nur an das Empfängergerät, sondern über Funk auf direkt an die Pumpe übertragen, die ihre Insulinabgabe diesen Daten entsprechend anpasst.

Ein ganz neues Verfahren ist auch das „Flash Glukose Monitoring“, das ebenfalls die Zuckerwerte über eine hauchdünne Nadel im Unterhautfettgewebe kontinuierlich misst. Dafür platziert der Patient am Oberarm einen kleinen, flachen Sensor, der etwa so groß wie ein Zwei-Euro-Stück ist. Er kann zwei Wochen auf der Haut bleiben“, erklärt Möller. Auch beim Sport und beim Baden kann das Gerät getragen werden. Das Besondere: Die Daten kann der Patient ablesen, indem er einen Scanner über den Sensor hält, dafür muss er nicht einmal die Ärmel von Pullover oder Hemd hochziehen. Das Gerät überträgt dann den aktuellen Gewebezucker, stellt den Blutzuckerverlauf der letzten acht Stunden dar und signalisiert, ob dieser aktuell ansteigt oder sinkt. Eine Warnfunktion besitzt dieses System nicht, der Hersteller empfiehlt eine zusätzliche Blutzuckerkontrolle nur bei sehr niedrigen, hohen oder schwankenden Werten.

Eines haben all diese neuen Systeme gemeinsam: „Sie können das Leben von Diabetikern erheblich erleichtern“, erklärt Christian-Dominik Möller. Das Insulin muss aber nach wie vor von außen in den Körper gebracht werden. Ändern ließe das bislang nur mit einer großen Operation: der Transplantation der Bauchspeicheldrüse oder von insulinproduzierenden Inselzellen. Allerdings kommen diese Verfahren nur für eine kleine Gruppe von Typ-1-Diabetikern in Frage, die bereits erhebliche Folgeerkrankungen, wie eine fortgeschrittene Nierenstörung entwickelt haben. Auch Patienten, die „nur“ Inselzellen und nicht das gesamte Organ eingepflanzt bekommen, müssen lebenslang Medikamente einnehmen, um eine Abstoßungsreaktion zu verhindern. Außerdem produzieren die transplantierten Zellen auf Dauer meist nicht genügend Insulin, erklärt Möller und sagt: „Bis zu einer endgültigen Heilung des Typ-1-Diabetes wird noch einige Zeit vergehen. Bis dahin gilt es, das Leben der Menschen mit dieser Stoffwechselerkrankung so normal wie möglich zu gestalten.“

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