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Alkoholismus Das bittere Leben der anderen

Alkoholkranke treiben nicht nur sich selbst, sondern oft auch Angehörige in einen Abgrund. Die Selbsthilfegruppe Al-Anon stellt die Probleme derer in den Mittelpunkt, die helfen wollen, es aber nicht können.

23.09.2011 13:53
Daniela Noack
Wer einen Alkoholkranken als Angehörigen hat, braucht oft auch psychische Betreuung. Foto: dpa

Alkoholkranke treiben nicht nur sich selbst, sondern oft auch Angehörige in einen Abgrund. Die Selbsthilfegruppe Al-Anon stellt die Probleme derer in den Mittelpunkt, die helfen wollen, es aber nicht können.

Hannah ist schwanger. Die Freude ist getrübt, denn ihr Mann hat wieder angefangen zu trinken. Michael ist verzweifelt, denn sein Sohn hat eine lange Alkohol- und Drogenkarriere hinter sich. Marie kämpft mit vielen Problemen. Sie ist mit einer süchtigen Mutter aufgewachsen. Drei Schicksale, die eines gemeinsam haben: Sie sind Angehörige von Alkoholikern und finden Hilfe in den Selbsthilfegruppen von Al-Anon. In diesem Jahr feiert Al-Anon 60. Geburtstag. 1951 wurden in New York die damals 87 Angehörigengruppen zu einer international aktiven Organisation mit einheitlichem Programm zusammengeschlossen. Heute gibt es weltweit mehr als 25.500 Al-Anon Gruppen in über 130 Ländern, darunter auch in Japan, der Mongolei, Südafrika oder Peru.

Mitte der 1930-er Jahre, als Lois ihrem Mann Bill, einem Mitbegründer der Anonymen Alkoholiker (AA), wütend einen Schuh an den Kopf warf, merkte sie, dass auch sie Hilfe brauchte und gründete bald darauf die erste Angehörigengruppe. Waren die Männer bei den Treffen von AA, tauschte sie sich fortan mit anderen Betroffenen aus. Anfangs sprachen die meist weiblichen Mitglieder darüber, wie sie ihren Männern helfen konnten, trocken zu werden oder zu bleiben. Doch bald wendeten sie das Programm der Anonymen Alkoholiker leicht abgewandelt für sich selbst an.

Helfende werden selbst zu Hilfesuchenden

Heute wissen Experten: Alkoholismus ist eine Familienkrankheit und lässt auch die Umgebung des Kranken mitleiden. In ihrem Wunsch, dem Suchtkranken zu helfen überfordern sich die Angehörigen. Über den Rettungsaktionen verlieren sie häufig sich selbst und bisweilen sogar ihren Verstand.

Die Neurologin Regina Breyer, die eine Angehörigengruppe leitet, hat erlebt wie Partner von Alkoholikern aufgrund der großen Belastung selbst einer psychiatrischen Behandlung bedurften oder ihrerseits zu Suchtmitteln griffen. „Wiederholte Rückfälle und die Wesensveränderung des Kranken, können auch die Angehörigen in eine echte Lebenskrise stürzen“, weiß die Neurologin. Sie nehmen dem Trinkenden vieles ab, erledigen für ihn Behördengänge und kaufen ihm manchmal sogar den Alkohol.

"Solch falsch verstandene „Hilfe“ geht meistens in die verkehrte Richtung“, weiß Hartmut Große, Geschäftsführer von Al-Anon Deutschland in Essen. „Auch Ehepartner, die das Problem vertuschen oder Arbeitgeber, die aus Mitleid ein Auge zudrücken, ermöglichen es mitunter dem Süchtigen, ohne es zu wollen, weiter an der Flasche zu hängen. Schließlich gibt es ja immer jemanden, der ihn vor den Konsequenzen seiner Sucht bewahrt.“

Sucht ein verzweifeltes Familienmitglied schließlich selbst Hilfe, dreht sich zumindest in der Anfangsphase oft weiter alles um den Alkoholiker. Al-Anon ist jedoch keine soziale Einrichtung mit medizinischen Angeboten für Süchtige, sondern eine Selbsthilfegruppe, in der die Angehörigen im Mittelpunkt stehen. „Wir haben uns entschieden aus dem alten Karussell der Selbstverleugnung auszusteigen und uns wieder um unser eigenes Leben zu kümmern“, erzählt Marie. Die Fremdsprachensekretärin, deren Mutter suchtkrank ist, ist zum zweiten Mal mit einem Alkoholiker verheiratet.

Ohnmachtsgefühl überwinden

Bei Al-Anon entdeckte die junge Frau, dass sie mit ihren Anstrengungen, den Alkoholiker zu ändern, eigene, meist aus der Kindheit stammende Ohnmachtsgefühle, zu überwinden versuchte. „Erst in den Gruppen erinnern sich viele hilflose Helfer daran, dass sie selbst aus einer alkoholkranken Familie stammen oder von Eltern, die sie in irgendeiner Form vernachlässigt, gedemütigt oder misshandelt haben“, ist die Erfahrung von Rüdiger-Rolf Salloch-Vogel, dem ehemaligen Chefarzt und Leiter der Suchtabteilung des Jüdischen Krankenhauses in Berlin und heutigem Selbsthilfebeauftragter der Salus Klinik in Hürth. Jahrzehntelang sind ihm Menschen begegnet, die sich verzweifelt gefragt haben, warum immer wieder Suchtkranke ihren Weg kreuzten. Sie scheuten keine Mühen, ihnen zu helfen. Viele wurden dabei krank, obwohl sie selbst gar keinen Alkohol tranken. Mit jedem Rückfall des Partners wurde deutlich, dass die ständige Beschäftigung mit dem Süchtigen für sie ebenfalls Suchtcharakter hatte und ähnlich zerstörerisch wie die Droge wirkte. Doch das fällt niemandem auf, denn „zu helfen“ ist gesellschaftlich anerkannt.

Schritt für Schritt lernen die Angehörigen, den Alkoholiker „loszulassen“ und stattdessen sich selbst zu ändern. Was auf den ersten Blick egoistisch erscheinen mag, hilft dem Kranken. Denn er kann nicht weiter machen, wie zuvor. Aber es geht nicht darum ihn „zu bestrafen“, sondern wieder Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. Wer das tut, kann manchmal auch Wunder erleben: Hannahs Mann macht in einer Klinik eine Entgiftung. Auch Maries Mann lebt seit einer Weile abstinent. Doch es gibt nicht nur Erfolgsgeschichten. Michaels Sohn trinkt weiter, obwohl der Vater sein Verhalten geändert hat und etwa dem Sohn kein Geld mehr gibt. Stattdessen hat Michael neue Freundschaften geknüpft und kann trotz allem Schmerz auch wieder lachen. Er hat vorerst den Kampf gegen den Alkohol verloren, aber sein eigenes Leben wieder gewonnen.

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