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Adipositas Den Hunger ausbremsen

Celastrol, ein Wirkstoff aus der traditionellen chinesischen Medizin, könnte krankhaft Übergewichtigen beim Abnehmen helfen.

Übergewicht
Manchmal ist einfach nur das Hemd zu eng... Von Adipositas spricht man im Allgemeinen, wenn der Body-Mass-Index über 30 liegt. Foto: Imago

Low-Carb, Low-Fat, Trennkost, Steinzeitdiät, Dinner Cancelling, Friss die Hälfte, Schlank im Schlaf: Die Zahl der Ernährungstipps, mit denen sich Gewicht verlieren lassen soll, ist groß – und ständig scheinen es mehr zu werden. Doch den meisten Menschen gelingt es nicht, dauerhaft abzunehmen, egal, mit welcher Methode. Bei vielen ist das aus medizinischer Sicht auch gar nicht nötig, sie fühlen sich einfach nur zu dick, sind aber eigentlich normalgewichtig. Doch massives Übergewicht – der Fachbegriff dafür heißt Adipositas – belastet die Gesundheit und ist ein Risikofaktor für etliche Erkrankungen, unter anderem des Stoffwechsels (Typ-2-Diabetes) und des Herz-Kreislauf-Systems und sogar für einige Krebsarten. 

Von Adipositas spricht man im Allgemeinen, wenn der Body-Mass-Index über 30 liegt. Die Empfehlung der Leitlinie „Prävention und Therapie der Adipositas“ lautet, dass die Betroffenen mindestens fünf bis zehn Prozent Gewicht im Jahr verlieren sollten.

Celastrol erfolgreich an Mäusen getestet

Ein Wirkstoff aus der traditionellen chinesischen Medizin könnte dafür sorgen, dass das künftig mehr Menschen gelingt und sich krankhaftes Übergewicht besser behandeln lässt. Wissenschaftler des Helmholtz-Zentrums München, Partner des Deutschen Zentrums für Diabetesforschung, haben die Substanz mit Erfolg an fettleibigen, an Diabetes erkrankten Mäusen getestet. Ihre Erkenntnisse veröffentlichten die Forscher um Paul Pfluger von der Abteilung Neurobiologie im Fachmagazin „Diabetes“. 

Bei der vielversprechenden Substanz handelt es sich um Celastrol, einen Inhaltsstoff aus den Wurzeln der Wilfords Dreiflügelfrucht, die in Ostasien vorkommt und zu den Spindelbaumgewächsen zählt. Wilfords Dreiflügelfrucht ist eine Zier- und Heilpflanze, die mehrere, zum Teil toxische Wirkstoffe enthält. Bisher standen allerdings vor allem die entzündungshemmenden Eigenschaften von einigen dieser Substanzen im Vordergrund. So werden Extrakte von Wilfords Dreiflügelfrucht in der chinesischen Medizin verwendet, um Gürtelrose, Schuppenflechte und rheumatische Erkrankungen zu behandeln. Schulmediziner untersuchen in verschiedenen Studien derzeit Substanzen aus der Pflanze im Hinblick auf mögliche positive Effekte bei Arthrosen, Autoimmunerkrankungen und verschiedenen Krebsarten. 

Bereits 2015 hatten US-Forscher festgestellt, dass Celastrol bei fettleibigen Mäusen mit Diabetes für eine geringere Nahrungsaufnahme und erhebliche Gewichtsabnahme sorgte. Die Münchner Helmholtz-Forscher bestätigten diese Ergebnisse nun und entschlüsselten gleichzeitig die Wirkweise der Substanz. Demnach zielt Celastrol auf die Sättigungszentren im Gehirn, die bei der Steuerung des Körpergewichts eine zentrale Rolle spielen.

Katrin Pfuhlmann, Doktorandin und Erstautorin der Studie, erklärt, welche Vorgänge sich dabei abspielen: „Celastrol reaktiviert die körpereigenen Mechanismen zur Gewichtsreduzierung, die bei Fettleibigkeit sonst aussetzen.“ 

Der Hintergrund: Menschen mit erheblichem Übergewicht verlieren häufig ihr Sättigungsgefühl, weil das dafür zuständige Hormon Leptin bei ihnen nichts mehr ausrichtet. Leptin wird vom Fettgewebe gebildet und interagiert mit bestimmten Rezeptoren im Gehirn. Erhöht sich der Leptinspiegel, etwa nach einer reichhaltigen Mahlzeit, so bindet sich das Hormon an diese Rezeptoren. Daraufhin sendet das Gehirn Signale aus, die vermelden: Ich bin satt. Sinkt der Leptinspiegel im Blut hingegen, so wird dem Gehirn angezeigt, dass der Körper „unterversorgt“ ist und Kalorien benötigt. Die Folge: Das Gefühl von Hunger kommt auf. 

Wenn nun jemand ständig zu viel Nahrung aufnimmt und deshalb immer mehr Fettpolster aufbaut, kann es passieren, dass die Leptinrezeptoren nicht mehr reagieren: Der Körper wird resistent gegen Leptin. Trotz einer hohen Konzentration im Blut wirkt das Hormon dann nicht mehr wie bei Normalgewichtigen hemmend auf den Hunger. Obwohl man bereits ausreichend Kalorien aufgenommen hat, wird weiter gegessen, weil man immer noch nicht satt ist. „Der von uns untersuchte Wirkstoff Celastrol stellt die Leptin-Sensitivität und damit die Sättigung wieder her“, erläutert Katrin Pfuhlmann.

Bei den übergewichtigen Mäusen im Labor zumindest klappte das gut: Gaben die Forscher ihnen Celastrol, so fraßen die Tiere deutlich weniger, sagt Paul Pfluger: „Entsprechend konnten wir binnen einer Woche einen durchschnittlichen Verlust von rund zehn Prozent Körpergewicht feststellen.“

Ob der Wirkstoff bei Menschen den gleichen Effekt hat, sei zwar noch unklar. Die Wissenschaftler sind jedoch zuversichtlich, dass es genauso gut funktioniert wie bei den Nagern: „Das Sättigungshormon Leptin wirkt im Menschen und der Maus nahezu identisch“, sagt Paul Pfluger. 
Er sieht für Celastrol als Medikament bei Adipositas deshalb „großes Potenzial“ – räumt allerdings ein, dass die Einnahme notwendige Veränderungen von Ernährungsgewohnheiten und Lebensstil nicht ersetzen kann. Celastrol könne jedoch die Patienten bei „ihren Bemühungen um eine nachhaltige Gewichtsreduzierung“ unterstützen. In den USA sind zur Wirkung von Celastrol bei krankhaftem Übergewicht bereits klinische Studien gestartet. „Auf erste Daten sind wir sehr gespannt“, sagt Pfluger. (dpa)

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