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Medizin Mediziner warnen vor Methadon-Euphorie

Wissenschaftliche Gesellschaften raten vom Einsatz von Methadon bei Krebs ab und weisen auf schwere Nebenwirkungen hin.

Krebspatientin
Ob das Verabreichen von Methadon bei Krebspatienten unkritisch ist, ist fraglich. Foto: rtr

Mehrfach war in den vergangenen Monaten in verschiedenen Medien zu hören und zu lesen, dass Methadon bei Krebspatienten erstaunliche Erfolge gebracht habe. Fast nach einem medizinischen Wunder klangen manche Berichte, in denen Patientinnen und Patienten von einem deutlichen Schrumpfen oder gar Verschwinden ihrer Tumore im Gehirn, in der Brust oder Lunge erzählen, teilweise sind solche Schilderungen auch im Internet zu lesen. Zu den Ärzten, die sich als Zeugen einer positiven Wirkung von Methadon bei Krebs zu Wort meldeten, gehört ein Palliativmediziner aus Iserlohn, der das Opioid als Schmerzmittel verschreiben darf; denn nur für diese Indikation ist es bislang zugelassen. Laut einem Bericht der Lokalzeitung verzeichnet er seit der Ausstrahlung eines Fernsehbeitrags einen „Massenansturm“ von Patienten.

Wissenschaftliche Belege, dass Methadon tatsächlich Krebszellen abtöten oder ihr Wachstum hemmen kann, existieren allerdings nicht. Medizinische Fachgesellschaften warnen deshalb vor falschen Hoffnungen und raten davon ab, Methadon in der Tumortherapie einzusetzen. Vorher müsse die Substanz in klinischen Studien getestet werden. Der Hintergrund: Bisher war Methadon vor allem als Ersatzdroge für Heroin bekannt, die bei Abhängigen Entzugserscheinungen abmildern soll. Daneben geben Palliativmediziner das Opioid auch als Schmerzmittel. Das Medikament kann nicht mehr zum Patent angemeldet werden und wäre daher im Vergleich zu anderen Behandlungen bei Krebs sehr kostengünstig. Weil deshalb die Pharmaindustrie nicht viel an einem solchen Präparat verdienen könnte, liegt die Schlussfolgerung nahe, dass von dieser Seite wenig Interesse besteht, weiter an Methadon als Krebsmittel zu forschen. Tatsächlich stehen belastbare Studien bislang aus.

Wissenschaftler um Claudia Friesen von der Universität Ulm waren 2008 erstmals auf eine mögliche Wirkung des Opioids bei Krebs gestoßen. Bei Laborexperimenten beobachteten sie, dass Methadon die Effektivität der Chemotherapie bei Leukämie steigern kann. 2014 stellten die Forscher einen solchen Effekt dann auch bei Mäusen mit einem Glioblastom – einem besonders aggressiven Hirntumor - fest. Doch auch sie warnen davor, Methadon außerhalb klinischer Studien „unkritisch“ einzusetzen.

In diesem Frühjahr veröffentlichten Forscher der Berliner Charité zudem eine retrospektive, nicht kontrollierte Studie, bei der sie die Daten von 27 Patienten mit Hirntumoren analysierten, die zusätzlich zu einer Chemotherapie Methadon zur Linderung ihrer Schmerzen bekommen hatten. Der Fokus der Studie lag dabei auf dem Gesichtspunkt der Verträglichkeit.

Das Ergebnis: Eine Kombination mit Methadon erhöhte die Giftigkeit und die Nebenwirkungen des Zytostatikums nicht. Auch sollen nur neun der 27 Patienten zum Zeitpunkt der Auswertung einen Rückfall ihrer Krebserkrankung erlitten haben. Ob dieser günstige Verlauf auf Methadon zurückzuführen ist, blieb aber unklar. Die Berliner Forscher weisen deshalb auch darauf hin, dass die Studienlage dünn sei und mahnen, keine voreiligen Schlüsse zum Nutzen von Methadon als Krebsmedikament zu ziehen.

Der „Nachweis einer Wirksamkeit beim Menschen“ fehle, da die Therapie bislang nur im Tiermodell untersucht worden sei, betonen die Neuroonkologische Arbeitsgemeinschaft in der Deutschen Krebsgesellschaft und die Deutsche Gesellschaft für Neurologie in einer gemeinsamen Stellungnahme. „Öffentlich zugängliche oder systematisch erhobene Ergebnisse von einer Behandlung bei Patienten mit Gliomen mit dem Ziel einer Tumortherapie“ lägen nicht vor. Deshalb sei der Einsatz von Methadon außerhalb kontrollierter klinischer Studien nicht gerechtfertigt.

Als problematisch sehen die Experten die „aktive Werbung“ für Methadon als Krebsmedikament an, wie sie beispielsweise im Internet betrieben wird. Sie wecke „unerfüllbare Erwartungen“ und könne Patienten dazu verleiten, zugunsten dieser „experimentellen“ Therapie auf eine „nachgewiesenermaßen wirksame“ Behandlung zu verzichten. Auch weisen die Mediziner darauf hin, dass das Opioid „potenziell reich an unerwünschten Wirkungen“ sei. Sie sehen die Gefahr, dass insbesondere niedergelassene Kollegen zu einer „nicht gerechtfertigten Verschreibung“ gedrängt würden. Ein Rezept für Methadon könnten Patienten bekommen, wenn ihnen das Opioid als Schmerzmittel verordnet wird.

„Unrealistischen Erwartungen und möglichen Gefahren“

Die Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie warnt ebenfalls vor „unrealistischen Erwartungen und möglichen Gefahren“. So habe die Auswertung von Patienten mit nicht-tumorbedingten Schmerzen, die über einen Zeitraum von 22 Jahren beobachtet worden waren, ergeben, dass diejenigen Frauen und Männer, die auch nur die niedrigsten Dosis Methadon erhalten hatten, ein „höheres Sterberisiko“ aufwiesen als jene, die Morphin bekamen.

In dieser Woche hat sich auch die Deutsche Gesellschaft Palliativmedizin zu Wort gemeldet. Sie rät wegen des fehlenden Wirksamkeits-Nachweises ausdrücklich von der Verwendung von Methadon bei Krebs ab. Er habe „größtes Verständnis“, dass Krebspatienten Hoffnungen in vermeintliche neue Medikamente setzten, sagt Lukas Radbruch, Präsident der Gesellschaft. Es sei deshalb „dringend notwendig“, schwerkranke Menschen „mit ihrer Verzweiflung sowie ihren Ängsten, Nöten und Überlegungen zu Beispiel an therapeutischen Weggabelungen nicht allein zu lassen“. Diesen Patienten müssten „klare Angebote“ gemacht werden: „Gerade deshalb fühlen wir uns zu einer pharmakologischen Bewertung aufgerufen“, erklärt der Anästhesiologe. Außerdem warnt er vor der Gefahr von Überdosierungen bei Methadon; diese könnten mit einem „potenziell tödlichen Ausgang“ verbunden sein.

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