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Medizin Das „Depressions-Gen“ ist keine Mär

Die Traumatisierung in der Kindheit hat oft Folgen. Doch ein belastendes Erbe kann die Folgen erheblich verschlimmern, belegt eine aktuelle Studie.

02.03.2011 11:42
Johann Caspar Rüegg
In Finnland wird mit Lichtstöppseln experimentiert, um die Winterdepression zu mildern. (Archivbild) Foto: dpa

Depression ist eine Volkskrankheit. Vermutlich sind mehr als fünf Millionen Deutsche betroffen. Doch welche Rolle spielen dabei die Erbfaktoren? Kann es an einem bestimmten Gen liegen, wenn Menschen nach schwer belastenden Ereignissen „in ein schwarzes Loch fallen“ und depressiv werden? Dies behaupteten schon vor Jahren der Londoner Psychologe Avshalom Caspi und seine Kollegen in einer Studie (Science, Bd. 301, S. 386). Mittlerweile kam es allerdings zu einer kontroversen Diskussion. Ist das „Gen für Trübsinn“ eine Mär? Nun legten Katja Karg und Srijan Sen vom Psychiatrie-Departement der Universität Michigan neue Ergebnisse vor und gelangten zum selben Schluss wie die berühmte Publikation in Science. In einer sogenannten Metaanalyse überprüften sie die Daten aller 54 zu diesem Thema in den letzten zehn Jahren vorliegenden Einzel-Studien mit insgesamt weit über 40?000 Teilnehmern.

Das Ergebnis: Das fragliche „Depressions-Gen“ erhöht das Risiko einer Depression deutlich – allerdings nur in Kombination mit schweren seelischen Belastungen, etwa der Diagnose einer lebensbedrohlichen Erkrankung oder eines frühkindlichen Missbrauchs (Arch Gen Psychiatry).

Die neuen Ergebnisse erregten großes Aufsehen, zumal sie eine aktuelle Metastudie (Jama, Bd. 301, S. 2?462) widerlegten, die keinerlei Einfluss des fraglichen Gens auf das seelische Erkrankungs-Risiko erkennen ließ; dabei wurden von den Autoren jedoch nur 14 der 54 Studien der letzten Jahre überprüft.

Die vorab in der Fachzeitschrift Archives of General Psychiatrie online publizierte Metastudie aus der Universität Michigan gilt als der bislang überzeugendste Beweis für einen Zusammenhang von Depressionen und einer bestimmten Variante des Serotonin-Transporter-Gens SLC644. Dieses Gen programmiert die Biosynthese von Proteinmolekülen, die im Gehirn – in den Synapsen, den Verbindungen zwischen Nervenzellen – die verfügbare Menge des Botenstoffs Serotonin beeinflussen, damit aber auch die Stimmung eines Menschen. Das Gen liegt bei der Mehrzahl der Menschen in seiner natürlichen „langen“ Variante vor; bei nicht wenigen jedoch in einer Version, bei der die sogenannte Promoterregion des Gens um 44 „Buchstaben“ (Basenpaare) verkürzt ist.

Zu wenig Moleküle

In diesem Falle kann das in der DNA des Gens gespeicherte genetische Programm nicht so leicht umgesetzt werden. Folglich werden im Gehirn zu wenige Serotonin-Transporter-Moleküle hergestellt – mit Konsequenzen für Gefühlsleben und Emotionen.

Dies erkannte der an der Universität Wien tätige Psychiater Lukas Pezawas und seine Kollegen am National Institute of Public Health (NIH). Die Hirnforscher fanden heraus, dass die graue Substanz bei den Trägern der verkürzten Genvariante an einer kritischen Stelle des Limbischen Systems reduziert ist (Jama, Bd. 301). Diese Hirnstruktur kontrolliert normalerweise über spezielle Verbindungswege die Amygdala, unsere „emotionale Angstzentrale“. Anschaulich gesagt: Sie zähmt sie ein wenig. Nicht so bei Menschen, die in ihrem Erbgut das verkürzte Gen beherbergen. Denn bei ihnen sind besagte Verbindungen beeinträchtigt. Somit reagiert dann die Amygdala besonders aufgeregt auf Stressreize. Selbst ohne Stress ist sie in erhöhter Alarmbereitschaft wie Turhan Canli von der amerikanischen Stony Brook University in Zusammenarbeit mit dem Würzburger Psychiater Klaus-Peter Lesch zeigen konnte (Nature Neuroscience; Bd. 10).

Infolgedessen ist bei den Trägern des verkürzten Gens die Kontrolle negativer Gefühle erschwert. Und darum sind die Betroffenen generell auch ängstlicher und weniger resistent gegen Stress als Menschen, die von ihren Vorfahren die „normale“, lange Gen-Variante erbten. Damit werden sie aber auch anfälliger für Depressionen, die durch Stress bedingt sind.

Besonders hoch ist die Stressempfindlichkeit, wenn Menschen mit einem „Depressions-Gen“ in ihrer Kindheit traumatisiert wurden, etwa durch sexuellen Missbrauch. „Die Kinder tragen dann ein stark erhöhtes Risiko, später aufgrund einer Lebenskrise trübsinnig zu werden“, sagt Professor Srijan Sen. Und das beeinträchtigt sogar die körperliche Gesundheit.

Eine Depression betrifft nämlich nicht nur die Psyche, sondern auch den Körper wie der Göttinger Psychokardiologe Christoph Hermann-Lingen kürzlich in Psychologie Heute betonte. Beispielsweise tragen depressive Menschen ein erhöhtes Risiko, am Herzen zu erkranken.

Es ist ein Teufelskreis: Wie die Psychiaterin Nancy Frasure-Smith und ihre Kollegen von der kanadischen McGill University herausfanden, verringert eine klinische Depression wiederum die Genesungschancen von Herz-Patienten nach einem Herzinfarkt. Sie erhöht die Sterblichkeit, und die Gefahr, weitere Infarkte zu erleiden, steigt sogar um das fünffache (Arch Gen Psychiatry, Bd. 60).

Depressive Betroffene sollten allerdings eins nicht vergessen: Die kurze Version des Serotonin-Transporter-Gens – das „Depressions-Gen“ – ist kein Schicksal, es ist nur einer der vielen Faktoren, die den Einfluss von seelisch belastenden Stressereignissen auf die Entstehung einer Depression verstärken und damit die Gesundheit von Körper und Geist beeinträchtigen.

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