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Lärm, Anonymität Wenn die Großstadt krank macht

Großstadtbewohner können sich vor lauter Freizeitangeboten und Jobmöglichkeiten oft kaum retten. Doch Lärm und Anonymität können auch zur Belastung werden. Experten erforschen nun, was genau am Leben in der Großstadt krank macht.

10.03.2015 16:21
Alexandra Bülow
In Großstädten geht es manchmal ziemlich wuselig zu. Lärm und Anonymität können für manche Menschen zu einer echten Belastung werden. Foto: dpa-tmn

Tempo statt Langeweile, Inspiration und Eindrücke an jeder Ecke: Das Leben in der Stadt kann spannend sein und richtig guttun. Muss es aber nicht: Dass nicht jeder jeden kennt und quasi nie die Bürgersteige hochgeklappt werden, bedeutet auch Lärm, Anonymität und für manch einen Stress. Das kann zu einer echten Belastung werden.

Unter Städtern sind psychische Erkrankungen häufiger als unter Landbewohnern. Und zwar deutlich häufiger: „Angsterkrankungen und Depressionen kommen bei Menschen, die in der Stadt leben, etwa 30 bis 40 Prozent häufiger vor“, sagt Prof. Andreas Meyer-Lindenberg vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit an der Universität Mannheim. Schizophrenie, so ein Ergebnis einer Untersuchung des Institutes, trete bei Menschen, die in der Stadt aufgewachsen sind, sogar dreimal so oft auf wie bei Menschen, die auf dem Land leben. Das gilt, so Meyer-Lindenberg, nicht nur für eine bestimmte Stadt, sondern ist in aller Welt so.

Was genau am Leben in der Stadt macht krank?

„Je größer die Stadt, in der man aufgewachsen ist, desto höher das Schizophrenie-Risiko als Erwachsener“, ergänzt Mazda Adli, Chefarzt der Fliedner Klinik in Berlin und Stressforscher an der Charité. Was genau am Leben in der Stadt krank macht, wird derzeit von Meyer-Lindenberg erforscht und auch von Adli, der Anfang des Jahres mit Stadtplanern, Architekten und Neurowissenschaftlern die Fachgruppe Neurourbanistik gegründet hat.

Dem Laien fällt auf Anhieb einiges ein, was nerven kann: Lärm, Dreck und Staub, Gerüche, beengte Wohnverhältnisse, Anonymität. Meyer-Lindenberg und sein Team fanden heraus, dass Stress und Gefühle bei Menschen aus der Großstadt anders verarbeitet werden. Ihr Hirn reagiert deutlich empfindlicher auf Stress als das von Kleinstädtern und erst recht das von Landbewohnern.

Den Stresseffekten der Großstadt ausgeliefert

Nun wird nicht jeder, der in der Stadt lebt, auch psychisch krank. Ein erhöhtes Risiko hat, wer genetisch oder durch einschneidende psychologische Erlebnisse vorbelastet ist. Auch sind manche Menschen gelassener als andere. Und eine Menge Städter empfinden es gerade als wohltuend, dass in der Stadt immer etwas los ist. Davon, so Adli, können jedoch nur diejenigen profitieren, die sich dem jederzeit entziehen können, wenn es ihnen reicht.

„Wenn Menschen das Gefühl haben, sie können ihr Leben kontrollieren und entscheiden, ob sie sich zurückziehen oder unter Freunde gehen, fühlen sie sich wohl“, erklärt Iris Hauth vom Alexianer St. Joseph-Krankenhaus Berlin-Weißensee. „Wer dies nicht kontrollieren kann, ist den Stresseffekten der Großstadt mehr ausgeliefert.“ Sozial isoliert ist manch einer in der Großstadt. „80 Prozent der Menschen in der Stadt kennen ihre Nachbarn nicht“, erklärt Meyer-Lindenberg. „Dabei ist ein soziales Netzwerk für die psychische Gesundheit eines Menschen sehr wichtig.“

Gereizte Stimmung, Angespanntheit, Schlafstörungen

Die Folgen der Belastung sind nicht gleich offenbar. „Stadtstress ist Kriechstress“, fasst es Adli zusammen. „Er kommt unbemerkt daher.“ Die Belastung zeigt sich Hauth zufolge durch eine gereizte Stimmung, durch Angespanntheit und Schlafstörungen. „Nun ist nicht jeder Stress auf die Großstadt zurückzuführen“, räumt Hauth ein. Beruflicher Druck oder Ärger belaste. „Wenn Großstadtstress hinzukommt, kann sich die Situation zuspitzen.“

Wer die Symptome an sich bemerkt, sollte so früh wie möglich gegensteuern. Die erste Maßnahme: Für Entspannung und Ausgleich zu der Anspannung sorgen. Der eine mag Sport, der andere kommt bei Yoga runter. Wohl tut auch ein Wochenendausflug aufs Land, in die Natur.

Risiko für eine Angststörung oder Depressionen

„Wichtig ist es, einen festen Termin in der Woche für diese Auszeit festzulegen“, rät Hauth. Hilft diese Eigeninitiative nicht, sollte der Hausarzt oder ein Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie aufgesucht werden. Denn ändert man nichts an den Umständen, ist das Risiko für eine Angststörung oder Depressionen laut Hauth hoch. Um dem Stress etwas entgegenzusetzen, rät Meyer-Lindenberg zu mehr Achtsamkeit, die etwa in Kursen an der Volkshochschule vermittelt wird. Bewusst den Augenblick mit allen Sinnen wahrnehmen bringe „eine massive Besserung der Lebensqualität“.

Da aber die soziale Isolation einer der entscheidenden Stressfaktoren in der Stadt ist, sollte man das Übel bei der Wurzel packen und unter Leute kommen. Und dafür sind die Möglichkeiten nirgendwo so prächtig wie in der Stadt. Viele Menschen - Problem und Lösung in einem. Denn: „Wenn man ins Theater oder ins Café geht, kommt man zwar unter Menschen, doch lernt man nicht unbedingt jemanden kennen“, sagt Hauth. Besser sollte man überlegen, wo die eigenen Interessen liegen und wo man mit Gleichgesinnten Kontakt knüpfen kann. Adli nennt Chor, Lesekreis, Sportverein oder kirchliche Begegnungsstätten.

Am einfachsten, könnte man meinen, wäre der Umzug in ländlichere Gefilde. Die Sehnsucht nach dem Leben auf dem Land ist in den vergangenen Jahren nicht umsonst so groß geworden, sagt Adli. Allerdings ist auch auf dem Land nicht alles pure Romantik. Besser ist es, sich bewusst zu machen, was die eigenen Bedürfnisse sind - und dann die Stadt neu für sich zu entdecken. (dpa/tmn)

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