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Kollektiver Kahlschlag Was der Trend Intimrasur mit uns macht

Der Großteil der Deutschen mag es „unten ohne“ – das belegen zahlreiche Studien. Was einmal intim war, ist es also längst nicht mehr. Welche Auswirkungen die Nackheit auf unser Sexualleben hat.

28.11.2016 15:30
Wie die regelmäßige Beinrasur ist die Intimrasur fast schon eine Normalität geworden. Foto: dpa

Untenrum frei? Unbedingt. So sehen das zumindest die meisten Menschen in Deutschland. 67 Prozent der Frauen gaben in einer repräsentativen Studie mit rund 1500 Teilnehmern an, dass sie sich im Schambereich rasieren. Auch 45 Prozent der Männer erklärten in der Umfrage von 2013, im Intimbereich komplett rasiert zu sein.

Kollektiver Kahlschlag unter der Gürtellinie

Kollektiver Kahlschlag unter der Gürtellinie? Professor Dr. Aglaja Stirn schätzt, dass dieses Phänomen seit etwas mehr als zehn Jahren en vogue ist. Der Grund? „Das Aussehen bekommt immer mehr Bedeutung. Immer mehr Bilder perfekter Menschen prasseln dank des Internets und der Globalisierung auf uns ein“, so die Wissenschaftlerin vom Zentrum für integrative Psychiatrie in Kiel. „Alle wollen fitter und jugendlicher wirken – und das gilt heutzutage auch für die Intimzone“, erklärt die Sexualmedizinerin. „Die Optimierung des Körpers ist auf den Schambereich übergegangen“, sagt die Leiterin des Instituts für Sexualmedizin und Forensische Psychiatrie und Psychotherapie (ISFP).

Was einmal intim war, ist nicht mehr intim

Was einmal intim war, ist also gar nicht mehr so intim. Dabei hatten Leipziger Wissenschaftler schon einmal eine andere Lesart zum Trend vorgeschlagen: Demnach emanzipiert sich die Frau mit der Freilegung ihres Geschlechts. Die Freiheit im Schritt als eine neue Freiheit der Frau?
Nicht ganz, denn der gesellschaftliche Druck, sich komplett zu rasieren, wächst. Und zwar proportional zu der Flut der Bilder von kahlrasierten Intimzonen. Die Porno-Industrie macht es vor, Werbung und „Lifestyle“-Magazine suggerieren es auch: Die Geschlechtsmerkmale von Frauen sollen so aussehen wie die von noch nicht geschlechtsreifen Mädchen. Diversität? Fehlanzeige. „Mit der Rasur wollen sich viele nicht nur in einen jugendlichen, sondern sogar in einen präpubertären Zustand versetzen“, sagt Stirn.

Die enthaarte Frau wirkt unschuldig

Aber widerspricht sich das nicht? Sind die Schamhaare nicht gerade ein Zeichen für Geschlechtsreife und müssten dadurch Lust auslösen? „Nicht unbedingt. Eine glattrasierte Scham steht in gewisser Weise für das Ideal der reinen Frau“, sagt Stirn. „Sie erscheint dadurch weniger triebhaft. Mit Haaren verbinden wir eher Tierisches: Schmutz, Geruch, Triebhaftigkeit.“ Die enthaarte Frau wirke dagegen nicht gefährlich oder bedrohlich, sondern unschuldig. Aber auch für Männer gelte das Reinheits-Ideal zunehmend. Sexualität soll nichts Archaisches mehr haben. Wir wollen die Kontrolle über jeden Teil des Körpers gewinnen. Selbstoptimierung total.

„Die Rasur ist dabei die Einstiegsdroge“

„Die Rasur ist dabei die Einstiegsdroge. Wenn die Genitalien einmal freigelegt sind, folgt bei Frauen nicht selten eine Schamlippenkorrektur.“ Auch hier gehe es in der Regel darum, kindlicher auszusehen und beispielsweise die Schamlippen zu verkleinern. In Großbritannien und den USA verzeichnen die Schönheitsoperation der Scheide einen immensen Zuwachs, wie die BBC berichtet. In einer Studie aus Großbritannien von 2011 erklärten fast hundert Prozent der befragten 550 Frauen, die sich einer Schönheitsoperation im Intimbereich unterziehen wollten, dass ihre inneren Schamlippen nicht mehr über die äußeren hinausragen sollten. Auch in Deutschland nimmt der Eingriff Hochrechnungen zufolge zu.

Haben wir durch Intimrasuren weniger Sex?

„Die Deutschen sind, was Intimrasuren angeht, am radikalsten“, so Wissenschaftlerin Stirn. Bei den Amerikanern sei es ähnlich. Auch in Südostasien und den arabischen Ländern gebe es diesen Trend. In Südamerika würde die Scham aber häufig nicht komplett glatt rasiert.

Vor ein paar tausend Jahren habe es dieses Phänomen schon einmal gegeben, weiß Stirn, etwa in der Antike und im alten Ägypten. Auch damals stand demnach die Ästhetik im Vordergrund. Dabei hätten Schamhaare natürlich durchaus eine schützende Funktion. Sie könnten die Haut vor Abrieb und Bakterien schützen. Ihr Geruch gebe außerdem Aufschluss über den Immunhaushalt – ein Merkmal, das Menschen unbewusst bei der Wahl des potenziellen Partners prüfen.

Der Druck, sich komplett zu rasieren, tötet die Lust

Stimmt, da war was. Partnerwahl. Liebesleben. Sex. Der ganze Aufwand für die perfekte Intimzone soll ja wohl zu irgendwas gut sein. Was macht die komplette Nacktheit mit unserem Sexleben? Die Allgegenwärtigkeit der perfekt glatt rasierten Körper führe zu einer zunehmenden Lustlosigkeit, erklärt Stirn. „Je mehr ideale Bilder uns umgeben, desto eher wird uns bewusst, dass wir diese perfekte Darstellung nie erreichen können – und desto weniger Lust haben wir, unsere eigene Sexualität auszuleben.“ Untenrum frei heißt also nicht unbedingt obenrum frei. Freiheit beginnt im Kopf. Also ganz egal ob rasiert oder nicht – mehr Diversität würde in jedem Fall mehr Freiheit bedeuten – und damit mehr Sex. (rer)

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