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Knochenmarkspende Volltreffer für zwei

Nur etwa ein Prozent der registrierten Knochenmarkspender kommt überhaupt als Spender infrage. Und dann ist der Erfolg der Therapie noch lange nicht garantiert. Gerhard Schowengerd hat mit seiner Spende die 20-jährige Tabatha Hindman aus den USA gerettet. Am 4. Januar haben beide Geburtstag.

Knochenmark- und Stammzellenspenden
Für neun von zehn Patienten wird nach Angaben des Zentralen Knochenmarkspender-Registers (ZKRD) ein passender Spender gefunden. Foto: Deniz Calagan/dpa

Tränen sind geflossen an diesem Tag. Viele Tränen. Gerhard Schowengerd drückt auf die Fernbedienung. Ein Neffe hat ihm die Videos vom „World Blood Cancer Day 2014“, vom Aktionstag gegen Blutkrebs heruntergeladen. Schowengerd im blauen Anzug, die Wangen hochrot vor Aufregung. Neben ihm eine junge Frau in einem weißen Kleid, das Gesicht ein einziges Strahlen: Sie heißt Tabatha Hindman und kommt aus Edmonds im US-Staat Washington. Vor sechs Jahren hat Gerhard Schowengerd aus Lienen in Westfalen der jungen Frau durch eine Knochenmarkspende das Leben gerettet. Seitdem, sagt er, „ist sie mein genetischer Zwilling.“ 

Vor ihm liegt eine gelbe Aktenmappe. Sie enthält alles, was dem 59-Jährigen in dieser Angelegenheit wichtig ist. Die Schreiben von der „Deutschen Knochenmarkspenderdatei“ (DKMS). Eine Urkunde für seinen „außergewöhnlichen Einsatz“. Handgeschriebene Notizen, in denen er seine und Tabathas Geschichte festgehalten hat. Infobroschüren. Und natürlich Fotos von seiner heute 20-jährigen „Twinsister“ aus Amerika. 

Die Fotos zeigen Tabatha mit kahlem Schädel nach einer dreiwöchigen Chemotherapie. Mit 14 ist die US-Amerikanerin an Leukämie erkrankt. Dann: Tabatha mit drei Plastikbeuteln, in denen Schowengerds Knochenmark steckt. Tabatha mit hochgereckten Daumen und einem Schlauch unterhalb der Halsbeuge. Und schließlich: Tabatha gesund und mit langen Haaren unter dem Weihnachtsbaum. „Ich würde das jederzeit wieder machen“, sagt Schowengerd, als wollte er die Botschaft der Fotos noch einmal unterstreichen. Er würde sich wieder unters Messer legen, um ein Leben zu retten. „Man hat schließlich eine Verpflichtung als Mensch.“ 

Schowengerds Eltern waren Landwirte. Als einziger Sohn hat er den Hof in Lienen und das ringsum liegende Land geerbt. Bewirtschaftet wird es nun von anderen. Schowengerd, unverheiratet und kinderlos, arbeitet seit mehr als 40 Jahren als Maschinenschlosser in einem Zementwerk in Lengerich – was ein wichtiger Punkt in dieser Geschichte ist. Denn vor 25 Jahren erkrankt in einem Betrieb, der mit seiner Firma zusammenarbeitet, die Tochter einer Mitarbeiterin. Leukämie. Blutkrebs. Nur eine Stammzellenspende kann ihr Leben retten. Der Arbeitgeber startet einen Aufruf an die Mitarbeiter aller Betriebe im Umkreis und bittet sie, sich typisieren zu lassen. Auch Schowengerd lässt sein Blut untersuchen. Doch trotz aller Bemühungen findet sich auf die Schnelle kein passender Spender. Die 17-Jährige stirbt. Aber Schowengerds Daten verbleiben in der Kartei der DKMS. 

Anfang des Jahrtausends erwischt es einen Arbeitskollegen: Thomas, 44 Jahre alt, Vater von zwei kleinen Söhnen. Ein weiterer Mosaikstein in dieser Geschichte. Auch für ihn, den Freund und langjährigen Kumpel, findet sich auf der ganzen Welt kein geeigneter Spender. Ein halbes Jahr nach der Diagnose ist Thomas tot. „Er wurde immer weniger. Es tat richtig weh, wenn man ihn sah. Irgendwann wusste man gar nicht mehr, was man zu ihm sagen sollte.“ 

Einen Tag nach dessen 45. Geburtstag wird der Freund zu Grabe getragen. Schowengerd ist einer der Sargträger. Seine Daten sind nach wie vor bei der DKMS registriert. „Mir war bewusst, dass es irgendwo auf der Welt einen Menschen gibt, der vielleicht einmal auf meine Hilfe angewiesen ist.“ 

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