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Kindesmissbrauch Nicht nur Spuren auf der Seele

Missbrauch in der Kindheit hinterlässt auch einen biochemischen Fingerabdruck.

Symbolbild Kindesmissbrauch
Wer als Kind Missbrauch erfährt, hat als erwachsener Mensch ein höheres Krankheitsrisiko. Symbolbild. Foto: dpa

Wenn Kinder missbraucht, geschlagen, gequält oder von ihren Eltern vernachlässigt werden, so beeinflussen diese schlimmen Erfahrungen das gesamte Leben. Traumatische, verstörende Erlebnisse in jungen Jahren hinterlassen dauerhafte Spuren auf der Seele – und nicht nur dort.

Das haben Wissenschaftler der Universität Ulm zusammen mit australischen Krebsforschern und Biotechnologen herausgefunden. Sie entdeckten spezifische Stoffwechselprodukte im Blut, die wie ein „biochemischer Fingerabdruck“ auf belastende Kindheitserfahrungen hinweisen. Ihre Studie wurde in der Fachzeitschrift „Scientific Reports“ veröffentlicht.

„Wenn Kinder sexuell missbraucht oder emotional misshandelt, wenn sie geschlagen oder vernachlässigt werden, führt dies zu chronischen Stressbelastungen“, erklärt Alexander Karabatsiakis, wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung für Klinische und Biologische Psychologie an der Universität Ulm. Dass das in späteren Jahren zu psychischen Erkrankungen führen kann, liegt auf der Hand.

Doch der auf diese Weise produzierte chronische Stress wirkt auch auf den Körper sehr belastend, So erhöhe sich auch das Risiko für weitere Krankheiten wie Herzkreislauferkrankungen und Diabetes, sagt der Klinische Psychologe – „insbesondere wenn nicht versucht wird, durch einen besonders gesunden Lebensstil entgegenzuwirken“.

Eine Schlüsselrolle dabei spielten molekulare Stress-Signale und deren biologische Auswirkungen. Bereits bekannt ist, dass sich bei dauerhaftem oder extremem, durch kritische und belastende Lebenssituationen ausgelöstem Stress im Körper vermehrt freie Radikalverbindungen bilden. Diese wiederum schädigen in Form von oxidativem Stress die Zelle. Außerdem, so Karabatsiakis, gebe es Hinweise, dass sich der Energie- und der Phospholipid-Stoffwechsel verändere und dass auch „chronische niederschwellige Entzündungsprozesse“ häufiger auftreten würden. (Phospholipide sind eine bestimmte Gruppe der Lipide, die besonders häufig im Gehirn und in den Markscheiden der Nervenzellen vorkommen.)

Die Wissenschaftler haben nun untersucht, ob sich bestimmte Stoffwechselprodukte identifizieren lassen, die als biochemischer Fingerabdruck einen Hinweis auf solche schweren Kindheitserfahrungen geben könnten – und das nicht erst, wenn es bereits zu einer Krankheit gekommen ist, sondern bei Erwachsenen, die bislang körperlich gesund sind.

Dafür analysierten sie das Blutserum von 105 jungen Müttern. 56 von ihnen hatte schlimme Erfahrungen in der Kindheit hinter sich, 46 nicht. Die Forscher wurden tatsächlich fündig: Sie stießen auf acht Stoffwechselprodukte (Metabolite), deren Spiegel sich bei den beiden Gruppen deutlich unterschieden. Diese Metabolite stehen in Verbindung mit dem zellulären Energiestoffwechsel sowie mit entzündlichen Prozessen und oxidativem Stress. Darunter waren Phospholipide sowie Substanzen aus der Endocannabinoidfamilie (das sind Cannabis-ähnliche Substanzen, die der Körper selbst produziert) oder auch Abbauprodukte des Hämoglobins, des roten Blutfarbstoffs, einem sehr potenten körpereigenen Antioxidans.

„Wir fanden eine ganz spezielle Biomarker-Signatur, die es ermöglicht, mit fast 90-prozentiger Genauigkeit in unserer Stichprobe festzustellen, ob diese Frauen als Kind misshandelt, missbraucht oder vernachlässigt wurden“, sagt Iris-Tatjana Kolassa, Leiterin der Abteilung für Klinische und Biologische Psychologie an der Universität Ulm.

„Mit Hilfe des biomolekularen Fingerabdruckes, den wir gefunden haben, lassen sich in Zukunft möglicherweise weitere pathophysiologische Prozesse aufdecken, die für die langfristige Entstehung stressbedingter Erkrankungen verantwortlich sind“, hofft Alexandra König, diDoktorandin in der Abteilung.

Für die betroffenen Frauen bedeute das, dass sie ein erhöhtes Risiko hätten, irgendwann einmal im Leben psychisch zu erkranken oder eine Erkrankung zu entwickeln, die meist im etwas höheren Alter auftritt – auch wenn sie zur Zeit noch gesund sind. „Insbesondere bei chronischem oder exzessivem Stress sowie bei einem ungünstigen Lebensstil kann dies gravierende Folgen für die Gesundheit haben“, sagt Alexander Karabatsiakis. Umso wichtiger sei es, „rechtzeitig gegenzusteuern“.

So könne eine Psychotherapie – selbst wenn sie erst im Erwachsenenalter begonnen werde – helfen, die gesundheitlichen Langzeitfolgen von belastenden Kindheitserfahrungen zu vermindern, sagt Iris-Tatjana Kolassa. Auch ein gesunder Lebensstil mit viel Bewegung und ausgewogener Ernährung wirke sich – wie bei der Prävention so vieler Krankheiten – günstig aus. Außerdem würden regelmäßige Entspannung und ein stützender Freundeskreis helfen. In Zukunft wollen sich die Ulmer Forscher nun intensiv mit der Frage befassen, welche Lebensstil-Faktoren eine besonders schützende Wirkung haben können.

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