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Karl Lauterbach „Das unermessliche Leid zwingt uns zum Handeln“

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach über die Krise des Transplantationssystems und den Ausweg per Widerspruchslösung.

Schon 2013 warb die Stiftung Fürs Leben bei einer Aktion am Bahnhof Gesundbrunnen in Berlin um mehr Organspender. Und heute? Werden Organspender dringender gesucht als je zuvor. Foto: Imago

Herr Lauterbach, die Zahl der Organspender hat ein historisches Tief erreicht. Alle Reformen nach dem Skandal um manipulierte Wartelisten haben offensichtlich nichts gebracht. Welche Erklärung haben Sie dafür? 
Das war zu erwarten. Ein einmal gestörtes Vertrauen lässt sich nur sehr schwer wieder herstellen. Da helfen auch die gut gemeinten Werbekampagnen für die Organspende nichts. Wenn Organe nur Menschen entnommen werden dürfen, die ihre Bereitschaft dazu zuvor auf einem Spendeausweis dokumentiert haben, dann ist das eine zu hohe Hürde und ein viel zu großer Aufwand. Wir brauchen einen Paradigmenwechsel bei den rechtlichen Bedingungen für eine Organspende. Ansonsten werden wir nie wieder die Spenderzahlen von früher erreichen. 
 
Wofür treten Sie ein? 
Jeder, der einer Organspende nicht ausdrücklich widerspricht und diese Entscheidung in einem Register eintragen lässt, kommt grundsätzlich als Spender in Frage. Damit wird der größte Teil der Bevölkerung zu Spendern. Nur mit dieser Widerspruchslösung ist der Quantensprung möglich, den wir bei den Spenderzahlen brauchen. Länder wie Spanien haben damit sehr gute Erfahrungen gemacht. Auch der Ärztetag hat sich gerade dafür ausgesprochen. Das begrüße ich sehr.

Wie begründen Sie einen derart massiven Eingriff in die Persönlichkeitsrechte?
Die hohe Zahl von Todesfällen unter Menschen, die auf der Warteliste stehen und nicht mehr rechtzeitig ein Organ bekommen, ist nicht hinnehmbar. Das unermessliche Leid, das diese Menschen durchmachen müssen, ist vermeidbar und zwingt uns zum Handeln. Einen massiven Eingriff in die Persönlichkeitsrechte kann ich dabei nicht erkennen. Die Gesellschaft darf verlangen, dass sich ein Bürger sehr bewusst mit der Frage auseinandersetzt, wie er zur Organspende steht. Die allermeisten Bürger, die sich bisher noch nie mit dem Thema beschäftigt haben, erwarten schließlich, im Fall der Fälle selbst ein Organ zu bekommen. Die Widerspruchslösung wird dieser Anspruchshaltung gerecht.
 
Kritiker wenden ein, die Widerspruchslösung sei kein Allheilmittel. Dass es in Spanien mehr Spender gibt, liege unter anderem an einer besseren Organisation des Transplantationswesens und an der Tatsache, dass dort auch Patienten mit Herztod Organe entnommen werden können. Bei uns gilt das schärfere Kriterium des Hirntodes.
Natürlich muss es weitere begleitende Verbesserungen geben, etwa eine höhere Vergütung der Kliniken für Organentnahme und –transplantation. Ich bestreite aber ausdrücklich, dass die Definition der Spendevoraussetzung einen Einfluss auf die Spenderzahlen hat. Und ich warne vor eine Debatte darüber. Der Hirntod muss das entscheidende Kriterium bleiben. 

Gegen eine Widerspruchslösung wird auch vorgebracht, allein die Debatte darüber werde die Bevölkerung weiter verunsichern. 
Das kann man tatsächlich nicht ausschließen. Aber langfristig werden wir deutlich höhere Spenderzahlen haben. Das ist entscheidend.

Eine Reihe von Staatsrechtlern und Ethikern fordert, das deutsche Organspendesystem komplett neu aufzustellen, um die Vertrauenskrise zu überwinden. Sie kritisieren zum Beispiel, dass Ärztefunktionäre und nicht die Bundestagsabgeordneten über die Kriterien für eine Organvergabe entscheiden. Wie ist Ihre Haltung dazu?
Die Strukturen haben sich bewährt. Die 2012 nach den Skandalen eingeleiteten Reformen haben das System deutlich sicherer gegenüber Manipulationen gemacht. Es wird jetzt gut und sauber gearbeitet. Richtig ist aber auch, dass der Ruf der Einrichtungen schlechter ist als ihre tatsächliche Arbeit. Es gibt in der Bevölkerung grundsätzlich ein ausgeprägtes Misstrauen gegenüber staatlichen Behörden und den Institutionen der ärztlichen Selbstverwaltung. Das würde sich durch neue Strukturen nicht ändern. Im Gegenteil.
 
Eine gegenüber der Widerspruchslösung entschärfte Variante wäre, jeden Bürger dazu zu verpflichten, sich einmal im Leben auf ein Ja oder Nein festzulegen. Könnten Sie damit leben?
Das ist nichts Halbes und nichts Ganzes. Wenn wir das Thema anpacken, sollte am Ende die Widerspruchslösung stehen. Ich bleibe dabei: Nur damit ist der nötige Quantensprung bei den Spenderzahlen erreichbar. 
 
Wie geht es weiter?
Ich glaube, dass in der Bevölkerung die Bereitschaft für die Widerspruchslösung  steigt. Die neue Haltung der Ärzteschaft wird das weiter unterstützen. Zusammen mit denjenigen, die an diesem Thema dran sind, werden wir in den kommenden Monaten im Bundestag sondieren, ob eine Bereitschaft für eine neue Diskussion besteht. Da das Parlament neu zusammengesetzt ist, kann ich die Lage aber derzeit überhaupt nicht einschätzen. 

Interview: Timot Szent-Ivanyi

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