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Impfungen „Viele erkennen den Nutzen nicht“

Infektiologe Timo Wolf spricht im Interview mit der FR über Impfskeptiker, regionale Unterschiede und neue Herausforderungen.

Impfschutz
Timo Wolf hofft, dass es eine hohe Impfquote ohne Impfpflicht gibt. Foto: Imago

Herr Wolf, es gibt Stimmen, die in Deutschland eine Impfpflicht gegen bestimmte Krankheiten wie zum Beispiel die Masern fordern. Für viele andere ist das ein Reizthema. Was halten Sie davon?
Grundsätzlich wäre es gut, wenn man eine gute Impfquote auch ohne eine solche Verpflichtung erreichen könnte. Es liegt allerdings auf der Hand, welche Probleme drohen, wenn die Bevölkerung nicht in ausreichendem Maße gegen einige gefährliche Erkrankungen geimpft ist. Leider ist das heutzutage oft schwer zu vermitteln. Ich bin aber kein großer Freund der Impfpflicht, ich habe immer noch die Hoffnung, dass man mit viel Aufklärung und sinnvollen Kampagnen auf anderen Wegen eine gute Durchimpfung erreichen kann.

Welche Impfungen sollte Ihrer Ansicht nach jeder haben?
Ich wäre schon zufrieden, wenn die üblichen, im Kindesalter empfohlenen Impfungen möglichst konsequent durchgeführt würden – also Masern, Mumps und Röteln, wo in Deutschland schon große Impflücken bestehen. Außerdem sind Diphterie, Polio und Tetanus wichtig. Das würde bereits die häufigsten gefährlichsten Erreger in Deutschland abdecken. Immer wieder sehen wir im Klinikalltag auch Ausbrüche von Keuchhusten – was bei konsequenter Impfung der Risikogruppen vermeidbar wäre. Dann gibt es noch verschiedene Impfungen, die für einen bestimmten Personenkreis, etwa Menschen mit eingeschränkter Immunabwehr, sinnvoll sind. Das wären Impfungen gegen Pneumokokken, die unter anderem Lungenentzündungen auslösen können, oder gegen Meningitis sowie Influenza-Viren.

Als wie gut schätzen Sie den Impfschutz in Deutschland insgesamt ein, auch bei der erwachsenen Bevölkerung?
Da gibt es sehr große regionale Unterschiede. Während man in den östlichen Bundesländern oft noch eine sehr gute Impfquote hat, weil es in der DDR eine Impfpflicht gab, ist sie in den westlichen Bundesländern deutlich schlechter, vor allem in den Ballungsräumen. Man sieht das zum Teil auch deutlich in den Großstädten, etwa in Berlin oder Frankfurt.

Warum verhält sich das Ihrer Ansicht nach so?
Warum gerade in den westlichen Ballungsräumen weniger Menschen ihre Kinder impfen lassen, darüber kann ich nur spekulieren. Wir befinden uns in der Zeit, wo die klassischen Kinderkrankheiten, die in den 1960er und 70er Jahren noch ein großes Problem waren, unter Kontrolle sind und eigentlich gar nicht mehr da zu sein scheinen. Dadurch erkennen viele Menschen die Sinnhaftigkeit einer Impfung speziell für ihr Kind nicht so, wie wir sie als Mediziner für die Gesellschaft sehen.

Impfgegner argumentieren häufig mit Impfschäden, die schwerwiegender seien als die Krankheiten, vor denen die Impfung schützen soll. Ist diese Angst berechtigt? Und: Ist die Gefahr gravierender Nebenwirkungen für alle Impfungen gleich hoch?
Das variiert deutlich. Es gibt harmlose Impfstoffe wie Polysaccharid-Impfstoffe, die unter anderem zum Schutz vor Pneumokokken-Infektionen eingesetzt werden, bei denen das Risiko extrem gering ist. Grundsätzlich ist das Risiko von schweren Nebenwirkungen bei Lebendimpfstoffen höher, weil hier der Geimpfte eine echte Infektion durchlebt, wenn auch mit einem geschwächten Erreger. Davon gibt es heute aber nahezu keine mehr. Generell gilt jedoch in der Abwägung, dass die Rate an Impfschäden weit geringer ist als die der Komplikationen der entsprechenden Erkrankungen. Das überwacht das Paul-Ehrlich-Institut als Zulassungsbehörde, wie eine Art Impfstoff-TÜV.

Impfskeptiker warnen nicht nur vor den Wirkstoffen, sondern halten insbesondere auch zugesetzte Substanzen wie Aluminiumverbindungen für gefährlich.
Dabei handelt es sich um sogenannte Adjuvantien, sie werden zugesetzt, um die Wirksamkeit eines Impfstoffes zu erhöhen. Ihnen werden häufig Langzeitnebenwirkungen zugeschrieben, die schwierig zu beurteilen sind, aber nicht wirklich nachgewiesen sind. Die anderen Alternative wäre es, Wirkstoffe herzustellen, in denen eine viel höhere Antigendosis enthalten ist und die im Zweifelsfall trotzdem nicht so effektiv sind. Durch Langzeitbeobachtungen müsste man dieses Thema noch weitere aufklären. Prinzipiell sind, was die akute Verträglichkeit betrifft, aber noch keine besonderen Probleme mit Adjuvantien bewiesen.

Besteht das Risiko, dass durch die zunehmende weltweite Mobilität und Migration oder viele Flüchtlinge bei uns bestimmte Krankheiten wieder häufiger auftreten oder neu aufkommen?
Wir sehen bei Menschen, die geflüchtet sind, häufiger schwere Erkrankungen. Das hat aber weniger mit dem Herkunftsland zu tun, als mit der entbehrungsreichen Fluchtroute, die sie hinter sich haben. Die Gefahr einer Ausbreitung dieser Krankheiten sehe ich nicht. Das Ziel muss es sein, diesen Menschen eine ordentliche medizinische Versorgung anzubieten. Die Flucht ist aber nur ein Teil der weltweiten Migrationsbewegungen, auf die wir reagieren müssen. So beobachten wir in vielen deutschen Großstädten, auch bei uns in Frankfurt, wieder einen Anstieg der Tuberkulose.

Tuberkulose-Keime reagieren wie andere bakterielle Erreger vielfach nicht mehr gut auf Antibiotika. Wäre es da nicht sinnvoll, eine effektive Impfung zu entwickeln, auch um diesen zunehmenden Resistenzen entgegen zu wirken?
Es gibt Überlegungen, Impfstoffe gezielt einzusetzen, um die Antibiotikawirkung bei multiresistenten Erregern zu verbessern. Aus meiner Sicht ist das aber nicht die Lösung, um Resistenzen in den Griff zu kriegen. Die Entwicklung neuer und besserer Antibiotika muss Priorität haben, das wäre sicherlich sehr viel hilfreicher.

Warum ist es eigentlich so schwierig, gegen eine lange bekannte Infektionskrankheit wie die Tuberkulose einen Impfstoff zu entwickeln, es bei anderen Erregern dagegen ganz schnell geht?
Es ist grundsätzlich schwieriger, gegen bakterielle Erreger eine Impfung zu finden, häufig sind sie dann auch schlechter wirksam. Das hat damit zu tun, dass die Antigene von Erregerstamm zu Erregerstamm sehr unterschiedlich sein können und es eine Impfung nie schafft, alle Stämme gleich gut abzudecken. Häufig sind Bakterien auch zu komplex. Bei viralen Erregern ist das anders, da hat man häufig eine klare Vorstellung, auf welche Antigene man zielen muss. Eine Ausnahme ist das HI-Virus.

Wie intensiv wird heute an neuen Impfstoffen geforscht? Wird dieser Forschungsbereich noch genauso stark beackert wie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts?
Mein Eindruck ist, dass nach wie vor ordentlich Forschung betrieben wird. Allerdings gibt es Erkrankungen, die Bevölkerungsgruppen betreffen, die keinen ökonomischen Einfluss haben oder die insgesamt so selten sind, dass kein großer Markt da ist. Wir müssen deshalb ein bisschen aufpassen, dass wir die Forschung und Entwicklung neuer Impfstoffe und Medikamente nicht zu sehr dem privaten Sektor überlassen. Öffentliche Forschungsförderung ist meiner Ansicht nach da dringend notwendig.

Interview: Pamela Dörhöfer

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