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Medizin Evidenz und Eminenz

Über die schrittweise Demontage unseres Gesundheitswesens.

Contergan
Contergan gab es in den USA nicht. Dort hieß es Thalidomid, doch die US-amerikanische Arzneimittelbehörde FDA verweigerte die Zulassung - ein Musterbeispiel ihrer damaligen Unabhängigkeit. Aber das war einmal. Foto: Imago

Haben Sie schon mal von der Cochrane Collaboration gehört? Sie ist erst 25 Jahre alt und nach Archibald Cochrane (1909– 1988) benannt. Dieser schottische Arzt war es leid, dass in der Medizin jeder machen konnte, was er für richtig hielt. Während seines Studiums und bei seiner ärztlichen Tätigkeit verlangte er immer wieder Beweise für die Wirksamkeit von Therapien und prangerte die mangelnde Wissenschaftlichkeit der Medizin an.

Er entwickelte die randomisierten kontrollierten Studien (RCT), bei denen Behandlungskonzepte mit anderen Methoden und mit Placebo-Gaben verglichen wurden. Durch Cochranes Hartnäckigkeit entstand eine Bewegung in der Medizin, die für jede Behandlungsmethode einen Nachweis ihrer Wirksamkeit, ihrer Evidenz verlangte. Die bis dahin immer noch vorherrschende Dominanz der Eminenz, der professoralen Reputation statt der redlichen Wissenschaft, konnte damit beendet werden. 

Die evidenzbasierte Medizin (EBM) wurde zu einer weltweiten Bewegung, und 1993 wurde in London die Cochrane Collaboration gegründet. In vielen Ländern bildeten sich Cochrane-Zentren, und es gibt heute kaum noch eine Behandlungsmethode in der Medizin, die noch nicht nach den Beweisverfahren von Cochrane überprüft worden ist. Die Cochrane Collaboration galt bislang als eine der weltweit angesehensten wissenschaftlichen Organisationen. Unbedingte Voraussetzung für die Arbeit der Cochrane-Zentren ist deren absolute finanzielle und personelle Unabhängigkeit.

Damit scheint es nun vorbei zu sein. In der vergangenen Woche hat der Vorstand der Cochrane Collaboration mit einer knappen Mehrheitsentscheidung einen ihrer Gründerväter ausgeschlossen, Peter Gøtzsche aus Kopenhagen. Gøtzsche war weltweit bekanntgeworden durch seine Kritik am zügellosen Gebrauch von Antidepressiva und seine Zweifel am Nutzen von Brustkrebs-Reihenuntersuchungen. Aber jetzt genügte ein lächerlicher Streit über die Bewertung der HPV-Impfung als Vorwand, um Gøtzsche aus der Cochrane Collaboration auszuschließen. Fast die Hälfte der verbliebenen Vorstandsmitglieder hat daraufhin aus Protest ihr Amt niedergelegt.

So fällt eine Bastion nach der anderen. Einst war die Weltgesundheitsorganisation WHO ein Leuchtturm der sozialen Medizin für alle, besonders für die Ärmsten der Armen der Welt. Heute ist sie ohne soziales und medizinisches Konzept für die Weltgesundheit. Sie ist inzwischen fast ganz von Spenden amerikanischer Multimilliardäre abhängig. 

Ein anderer Fall ist die US-amerikanische Arzneimittelbehörde FDA. Als Musterbeispiel ihrer Unabhängigkeit gilt bis heute die Verweigerung der Zulassung für Thalidomid. In unserem Land hat Thalidomid unter dem Namen Contergan tausendfaches Leid verursacht, in den USA hingegen gab es keinen einzigen Fall. Aber das war einmal. Heute fließen Millionensummen der Pharmaindustrie an die wissenschaftlichen Experten der FDA, vor und auch nach einer Entscheidung über eine Arzneimittelzulassung. 

Wenigstens Cochrane war bislang noch ein Synonym für die unbestechliche Suche nach wissenschaftlicher Evidenz. Damit ist es also nun auch vorbei. 

Das Schlimme an der schrittweisen Demontage des Gesundheitswesens ist, dass niemand so richtig merkt, dass das tatsächlich geschieht – erst wenn es zu spät ist. 

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