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Lebenserwartung Kannibalische Weltordnung

Der Zusammenhang zwischen Armut und Krankheit ist unbestritten. Das hat auch Auswirkungen auf unsere Lebenserwartung.

Hungerkrise in Somalia
Mehr als eine Milliarde Menschen auf der Welt ist chronisch unterernährt. Betroffen sind zum Beispiel die Menschen in Somalia. Joe Giddens/dpa Foto: dpa

Alle Jahre wieder kommt die freudige Nachricht: Die Lebenserwartung in Deutschland steigt und steigt. Vor hundert Jahren betrug die Lebenserwartung um die fünfzig Jahre. Wer heute geboren wird, hat eine durchschnittliche Lebenserwartung von etwa neunzig Jahren. Wir werden immer älter! Alle? Wer ist über, wer ist unter dem Durchschnitt?

Der Schweizer Soziologe und ehemalige Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen für das Recht auf Nahrung, Jean Ziegler, ist ein Mann der klaren Worte. Und seine Worte werden immer drastischer. Er schäme sich seiner Ohnmacht, spricht von einer „kannibalischen Weltordnung“. Von den über sieben Milliarden Menschen auf der Erde ist mehr als eine Milliarde chronisch unterernährt. Jeden Tag verhungern etwa 40 000 Kinder.

Das wissen wir alles. Täglich sehen wir das permanente „Massaker des Hungers“ im Jemen, in Somalia oder im Sudan in den Nachrichtensendungen, und wir fühlen uns genauso ohnmächtig wie Jean Ziegler. Im Angesicht dieses Massensterbens kann man nicht mehr von Lebenserwartung sprechen. Können wir das ändern oder können wir es nur verdrängen?

Es gibt dieses Problem nicht nur in fernen Ländern. In unseren Breiten kommt es nur in einem anderen Gewand daher. Wer bei uns arm ist, muss nicht verhungern. Das stimmt. Wer arm ist, muss auch nicht gleich sterben. Könnte man meinen. Stimmt aber nicht ganz. Das Problem ist nur nicht ganz so gut sichtbar und lässt sich nicht so erschütternd fotografieren.

Unbestritten ist der Zusammenhang zwischen Armut und Krankheit: Je schlechter die soziale Lage, desto kränker die Menschen. Das beginnt schon bei der Geburt. Sind die Eltern arm, wiegt ein Neugeborenes im Schnitt 50 Gramm weniger als eines von wohlhabenden Eltern. Arme Kinder haben häufiger Unfälle und Verletzungen, haben häufiger Infektionskrankheiten, erhalten weniger Medikamente, sind häufiger übergewichtig und haben einen schlechteren Zahnstatus. Und arme Erwachsene leiden häufiger unter Bluthochdruck und sind häufiger zuckerkrank, um nur zwei schwerwiegende Diagnosen zu nennen.

Und die Umkehrung gilt auch: Je kränker ein Mensch wird, umso höher ist das Risiko des finanziellen und sozialen Absturzes. So verlieren beispielsweise Krebspatienten, die diese schwere Krankheit und die invasive Therapie überlebt haben, bei höherem Lebensalter und schlechter Schulbildung immer häufiger ihren Arbeitsplatz – mit allen negativen finanziellen und sozialen Konsequenzen.

Und weil es diesen Zusammenhang zwischen Armut und Krankheit gibt, gibt es auch den Zusammenhang zwischen Armut und Lebenserwartung. In Seattle wurde jüngst eine Untersuchung veröffentlicht, nach der arme US-Amerikaner etwa 20 Jahre früher sterben als wohlhabende Bewohner der reichen Küstenmetropolen.

In Deutschland sterben arme Männer etwa elf Jahre früher, arme Frauen etwa acht Jahre früher als wohlhabende, und die Schere geht stetig weiter auseinander. Dieser krasse Unterschied der Lebenserwartung ist mit einer weiteren Umverteilung von unten nach oben verknüpft: Die Armen haben nur wenig und nur kurz etwas von ihrer lebenslangen Beitragszahlung in die Rentenversicherung, die Wohlhabenden hingegen leben zehn Jahre länger und profitieren auf diese Weise vom frühen Ableben der Armen.

Daher lautet die einfache Faustregel: ärmer-kränker-kürzer.

 

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