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Kolumne Kopierschutz

Das US-amerikanische Gesundheitswesen ist mit weitem Abstand das teuerste der Welt. Obamacare sollte endlich eine bezahlbare Grundversorgung für alle garantieren.

Demo für "Obamacare" in Newark. Foto: REUTERS

Nie zuvor hatte ich der Rede eines amerikanischen Präsidenten bei seiner Amtseinführung zugehört. Vor acht Jahren, zum ersten Mal, da war alles anders. Voller Zustimmung, mit wachsender Hoffnung auf eine bessere Welt, freute ich mich, dass Obama auch das marode amerikanische Gesundheitswesen auf eine soziale Basis stellen wollte.

Sein Gesetz namens „Patient Protection and Affordable Care Act“, kurz Obamacare genannt, sollte durch die Einführung einer allgemeinen Krankenversicherungspflicht eine bezahlbare medizinische Grundversorgung für alle garantieren. Aber schon 2010 verlor Obama während der Beratungen über dieses Gesetz seine Mehrheit im Senat. Dennoch gelang ihm die Durchsetzung des Gesetzes noch in großen Teilen, und die Zahl der Unversicherten in den USA begann deutlich zu sinken.

Während in Deutschland seit Jahrzehnten konstant zwischen zehn und zwölf Prozent des Bruttoinlandprodukts für das Gesundheitswesen aufgewandt werden, ist das US-amerikanische Gesundheitswesen mit weitem Abstand das teuerste der Welt. Es verschlingt jetzt bereits mehr als 17 Prozent des BIP, mit deutlich steigender Tendenz. Gleichzeitig sind Behandlungen extrem teuer, den Patienten werden enorm hohe Rechnungen gestellt. Und so arbeiten in manchen Notaufnahmen von Krankenhäusern inzwischen sogar schon Schuldenmanager, um Honorare bereits vor Beginn der Behandlung einzutreiben.

Sie geben sich vor Patienten als Krankenhausmitarbeiter aus und nehmen Einblick in deren Unterlagen. Wer einmal eine Rechnung nicht bezahlt hat, wird in „stop lists“ geführt, womit der Zugang in das Krankenhaus blockiert ist. Dies muss man als Verzweiflungstat der Krankenhäuser sehen, die auf unbezahlten Rechnungen in Höhe von vielen Milliarden Dollar sitzen; kein Wunder bei 30 Millionen US-Bürgern ohne Krankenversicherung. Krankenhausrechnungen sind in den USA die mit Abstand häufigste Ursache für privaten Bankrott.

Das US-amerikanische Gesundheitssystem ist aber nicht nur teuer, sondern auch marode und ineffektiv. Die Säuglingssterblichkeit im indischen Kerala ist niedriger als in den schwarzen Ghettos Washingtons, bei der Lebenserwartung finden sich die USA nicht einmal unter den ersten zehn Ländern und bei der Kindersterblichkeit landen die USA auf Platz 54 in der Welt. Das hätten Sie nicht gedacht, oder?

In unserem Solidarsystem soll die Gesundheitsversorgung unabhängig von Reichtum und sozialem Status für alle gleich sein, auch wenn sie Lücken und Fehler hat. Es ist das über 130 Jahre alte und bis heute weitgehend bewahrte Resultat sozialer Kämpfe aus der Zeit der Industrialisierung Ende des 19. Jahrhunderts. In den USA hat es ein solches System nie gegeben. Die Gesundheitsversorgung war dort schon immer organisiert wie jeder andere Wirtschaftszweig: gewinnorientiert. Gesundheit ist eine Ware, und wer immer das ändern wollte, war Sozialist oder Kommunist, natürlich auch Obama. Die Republikaner sahen durch die Pflicht zur Krankenversicherung die Freiheit bedroht: „Liberty is under Attack“ stand auf ihren Plakaten.

Gestern habe ich nicht vor dem Fernseher gesessen. Ich bin voller Ablehnung, Sorge und schwindender Hoffnung auf eine bessere Welt. Noch während Obama im Amt war, hat der amerikanische Kongress schon vor 14 Tagen die erforderlichen Mittelzuweisungen für Obamacare gestrichen.

Noch leben wir in Deutschland in einem Sozialstaat, wenn auch in einem bedrohten: Gerade eben hat die Große Koalition in Mecklenburg-Vorpommern das Gesundheitswesen aus dem SPD-Sozialministerium ausgegliedert und im CDU-Wirtschaftsministerium aufgehen lassen!

Was ist so attraktiv am amerikanischen Gesundheitssystem, dass wir es kopieren müssten?

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