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Kolumne: Dr. Hontschiks Diagnose Ehre, wem Ehre gebührt

Auszeichnungen für die Falschen, Auszeichnungen für die Richtigen.

In letzter Zeit bin ich mit diversen Preisverleihungen in und um Frankfurt herum ganz schön ins Schleudern gekommen. Aber seit vergangenem Dienstag bin ich mit allem wieder versöhnt. Und das kam so:

Es hat mich geradezu verstört, dass vor kurzem einem ehemaligen hessischen Ministerpräsidenten von seinem alten Kumpel, dem jetzigen hessischen Ministerpräsidenten, die Wilhelm-Leuschner-Medaille verliehen wurde. Das ist die höchste Auszeichnung des Landes Hessen. Wilhelm Leuschner war Sozialdemokrat, Gewerkschafter, Widerstandskämpfer gegen Hitler und die Nationalsozialisten. Er hat das mit seinem Leben bezahlt. Er wurde vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt und im September 1944 in Berlin-Plötzensee hingerichtet.

Ausgerechnet die Wilhelm-Leuschner-Medaille für einen ehemaligen Ministerpräsidenten, der während seiner Amtszeit die Rechte der Gewerkschaften beschnitten hat, wo er nur konnte, darüber bin ich noch immer fassungslos. Und mit Gesundheitspolitik und Medizin hat das auch eine Menge zu tun.

Dieser ehemalige Ministerpräsident verantwortet nämlich den Verkauf der Universitätskliniken Marburg und Gießen an einen privaten, börsennotierten Klinikkonzern. Eine Universitätsklinik unter dem Diktat des Profits und der Dividende für Aktionäre, eine gesundheitspolitische Zäsur in der deutschen Nachkriegsgeschichte – auf eine derart zerstörerische Idee war vor ihm noch niemand gekommen.

Jetzt aber kommt die Versöhnung: Am vergangenen Dienstag hat sich Ulrich Gottstein ins Goldene Buch der Stadt Frankfurt eingetragen. Schon mal was von Ulrich Gottstein gehört? Er ist Professor für Innere Medizin und 91 Jahre alt. Er war von 1971 bis 1991 Chefarzt am Bürgerhospital in Frankfurt. Da habe ich ihn als Medizinstudent als einen Lehrer und vorbildlichen Arzt selbst erleben können.

Er hat 1982 die deutsche Sektion der Internationalen Ärztevereinigung zur Verhinderung eines Atomkrieges (IPPNW) mit gegründet und war bis 1995 Mitglied des Vorstandes. In dieser Eigenschaft hat er 1985 den Friedensnobelpreis für die IPPNW mit entgegennehmen können und die Dankesrede in Oslo gehalten. Die IPPNW wiederum war 2007 an der Gründung von ICAN maßgeblich beteiligt, der Internationalen Kampagne zur Abschaffung der Atomwaffen. Die ICAN wurde in diesem Jahr mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. So ist Ulrich Gottstein jetzt zum zweiten Mal nach Oslo gefahren. Dass die Stadt Frankfurt seit über 30 Jahren Mitglied der Mayors for Peace ist, einem Friedensnetzwerk von über 7000 Städten in 160 Ländern, das ebenfalls zur ICAN gehört, ist auch Ulrich Gottsteins unermüdlicher Arbeit für den Frieden zu verdanken.

Und außer seiner Arbeit als Arzt und Leiter einer großen internistischen Klinik, außer der Mitgründung der Deutschen Gesellschaft für Angiologie und der Internationalen Gesellschaft für Hirnkreislaufforschung 1972, außer seiner Friedensarbeit in der IPPNW und in der ICAN, außer seinen Medikamenten-Hilfstransporten für Kinder in den Irak von 1991 bis 2003, außer all dem hat er 1996 unter dem Dach der evangelischen Kirche in Frankfurt auch noch das erste Palliativhospital in Hessen mit gegründet. 2011 erhielt er die höchste Auszeichnung der Bundesärztekammer, die Paracelsus-Medaille. Und nun hat er sich in dieser Woche in das Goldene Buch, das ewige Gedächtnis der Stadt Frankfurt am Main, eintragen können.

Das hat mich mit sonstigen, Aufsehen erregenden Ehrungen dieses Jahres wieder versöhnt: Weil diese eine wirklich verdient ist, für einen Arzt unserer Stadt, auf den wir alle, ohne wenn und aber, stolz sein können.

Dr. med. Bernd Hontschik ist Chirurg und Publizist.

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