Lade Inhalte...

Kolumne Der beste Arzt aller Zeiten

Dieselmotoren stoßen weitaus am meisten der gesundheitsschädlichen Stickoxide aus, zusätzlich zu den krebserregenden polyzyklischen Kohlenwasserstoffen. Dieser Kraftstoff muss sofort verboten werden.

Im März 1813 kam in York, einer Stadt etwa 330 km nördlich von London, John Snow zur Welt. Als ältestes von neun Kindern einer Bergarbeiterfamilie gelang es ihm, sich aus den einfachen Verhältnissen herauszuarbeiten. Mit vierzehn Jahren begann er eine Ausbildung bei einem Apotheker, danach assistierte er verschiedenen Ärzten und wanderte über Liverpool und Wales nach London, um dort Medizin zu studieren. 1838 bestand er das medizinische und das Apothekerexamen, 1844 das Doktorexamen der Medizin.

Hundertsechzig Jahre später wurde John Snow im März 2003 in einer Leserumfrage der Zeitschrift ‚Hospital Doctor‘ zum besten Arzt aller Zeiten gewählt, noch vor Hippokrates. John Snow hatte nämlich kommaförmige Mikroorganismen, sogenannte Vibrionen, im Trinkwasser entdeckt, die Cholera-Erkrankungen verursachten und tödliche Epidemien auslösten. Als John Snow im Alter von 45 Jahren früh verstarb, war seine Theorie jedoch in der damaligen medizinischen Wissenschaft nicht akzeptiert. Erst Jahre nach seinem Tod wurde sie anerkannt. Doch davon später.

Szenenwechsel. Eine Frau kommt zum Arzt. Seit etwa sechs Monaten müsse sie mehr und mehr husten. Es würde immer schlimmer, manchmal habe sie sogar Atemnot. Geraucht habe sie nie. Sie wohne seit ihrer Kindheit in Rödelheim. Dieser Frankfurter Stadtteil liegt eingekeilt zwischen drei Autobahnen. Die Röntgenuntersuchung ergab Lungenkrebs.

Die Weltgesundheitsorganisation hat schon 2012 Dieselabgase zum Karzinogen der gefährlichsten Gruppe 1 hochgestuft, denn es ist bewiesen, dass Dieselabgase Lungenkrebs verursachen, wahrscheinlich auch Blasenkrebs. Passiert ist seitdem nichts. Die Patientin wurde operiert, bestrahlt, erhielt Chemotherapie. Das Gesundheitswesen funktioniert. Die Dieselautos fahren weiter.

Zurück zu John Snow. 1854 brach in London eine Cholera-Epidemie aus. Zwar hatte John Snow bereits die Cholera-Vibrionen entdeckt, wurde dafür aber heftig angefeindet. Eine wirksame Behandlung gab es damals noch nicht, erst hundert Jahre später wurden die Antibiotika entdeckt. Da hatte er eine geniale Idee. Er markierte auf dem Stadtplan von London jeden Fall einer Cholera-Erkrankung: die Geburtsstunde der Sozialmedizin.

Er erkannte, dass die meisten Cholera-Fälle sich rund um eine zentrale Wasserpumpe in der Broad Street im Londoner Stadtteil Soho häuften. Die Londoner Gesundheitsbehörden wiesen seine Erkenntnisse jedoch als unwissenschaftlich zurück und sahen keinen Handlungsbedarf. Da schritt John Snow zur Tat: Er zerstörte die zentrale Wasserpumpe in der Broad Street, indem er deren großen Pumpenschwengel abbrach. Die Epidemie, die bis dahin schon mehr als 14.000 Tote gefordert hatte, kam zum Stillstand.

Spielt sich heute in unserem Straßenverkehr mit 43 Millionen Autos, davon 13 Millionen Dieselfahrzeugen, etwas Vergleichbares ab wie 1854 in der Londoner Broad Street? Stickstoffmonoxid und -dioxid kommen in der Natur kaum vor. Dieselmotoren stoßen weitaus am meisten dieser gesundheitsschädlichen Stickoxide aus, zusätzlich zu den ebenfalls krebserregenden polyzyklischen Kohlenwasserstoffen. Dieser Kraftstoff muss sofort verboten werden. Schon längst dürften Dieselautos nicht mehr produziert werden, schon gar nicht mehr auf unseren Straßen fahren.

Es ist ein Skandal, dass man es den Automobilkonzernen erlaubt, unser aller Gesundheit in einem solchen Ausmaß immer weiter zu beschädigen, ja zu zerstören.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen