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Hontschiks Kolumne Patienten-Bashing ist in Mode

Die „Flatrate-Mentalität“ der Patienten sei das Problem, sagen Experten - und ignorieren, dass es nicht gelingt, Kranke zielführend zur Behandlung zu lenken.

Arzt
Achtzehn bis zwanzig Mal geht man in Deutschland im Jahr zum Arzt. Foto: Imago

In Deutschland machen die Patienten, was sie wollen. Kaum zwickt es irgendwo, schon rennen sie zum Arzt. Und so kommt es, dass die Deutschen Weltmeister sind, zwar nicht im Fußball, aber bei der Anzahl der Arztbesuche. Skandinavier gehen drei bis vier Mal, Belgier sechs Mal, Franzosen, Österreicher oder Polen sieben bis acht Mal, Japaner dreizehn Mal im Jahr zum Arzt. Achtzehn bis zwanzig Mal geht man in Deutschland im Jahr zum Arzt. Das kann nicht so weitergehen. Dem muss ein Riegel vorgeschoben werden. Wie kann man Patienten davon abhalten, so oft zum Arzt zu gehen? Am besten baut man vor den Arztbesuch eine ausreichend hohe Hürde auf.

2004 hatte man das mit der Idee der Praxisgebühr von zehn Euro versucht. Es hat acht Jahre gedauert, bis auch dem Letzten klar war, dass die Praxisgebühr nicht nur nichts nutzt, sondern auch schädlich ist – für die Gesundheit armer Menschen. Sie wurde 2012 wieder abgeschafft. Schon vor zehn Jahren hat die London School of Economics die Konzepte von Zuzahlungen im Gesundheitswesen in fünfzehn Nationen ausgewertet. Die Folgekosten durch weniger Arztbesuche, durch verzögerte Notfallbehandlungen und durch verschleppte Krankheiten erwiesen sich als höher als alle Einsparungen und Einnahmen durch Zuzahlungen zusammengenommen. Durch die Praxisgebühr und durch das Gewirr der Zuzahlungen hält man ausschließlich einkommensschwache Patienten vom Arztbesuch ab.

Aber wenn eine Behauptung erst einmal im Raum steht, kann man sie kaum wieder loswerden. Man kann Gesundheitssysteme nicht miteinander vergleichen wie beim Erbsenzählen.
In den Niederlanden muss man für eine Krankmeldung nicht zum Arzt, das wird in einem Sozialzentrum geregelt. Bevor man in Schweden einen Arzt überhaupt zu Gesicht bekommt, wird man von hochqualifizierten Pflegekräften beraten und behandelt. In England gibt es keine Vorsorge- und keine Früherkennungsuntersuchungen. Ein Wiederholungsrezept für chronisch Kranke bekommt man in Portugal, Frankreich oder Italien ohne Arzt-Kontakt. Aber vor Fake News schützt auch gute Ausbildung nicht.

So forderte jüngst der Vorsitzende des „Sachverständigenrates zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen“, der Frankfurter Allgemeinarzt Professor Ferdinand Gerlach, eine „Patientensteuerung“ durch „Selbstbeteiligung“, am besten intelligent und bargeldlos. Was soll das denn heißen? Die „Flatrate-Mentalität“ sei ein großes Problem, wie man an der hohen Zahl der Arztbesuche sehen könne. Immer wieder machen abwechselnd Arbeitgeberverbände, Ärztefunktionäre, die CSU oder die CDU-Mittelstandsvereinigung den Vorschlag, eine Praxisgebühr bei jedem Arztbesuch zu verlangen, am besten nicht nur fünf oder zehn, sondern gleich fünfundzwanzig Euro. Aber ausgerechnet den langjährigen Vorsitzenden der deutschen Allgemeinmediziner hätte ich als Vorsänger in diesem Patienten-Bashing-Chor nicht erwartet.

Die neueste Rakete am Firmament des Patienten-Bashings hat jüngst ein Jörg Hermann gezündet, Vorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung in Bremen: Das Problem sei das massiv gestiegene Anspruchsdenken der Patienten! „Dass jeder jederzeit und überall zum Flatrate-Tarif der gesetzlichen Krankenversicherung eine exzellente medizinische Versorgung“ bekomme, drohe das System zu sprengen. Auch er will mit „Selbstbeteiligung“ steuern. Wie man allerdings auf die Idee kommen kann, den Beitrag zur gesetzlichen Krankenkasse als „Flatrate-Tarif“ zu bezeichnen, muss das Geheimnis des Demagogen bleiben. Und warum man immer wieder die längst widerlegte Behauptung der Steuerung durch Selbstbeteiligung hervorzaubert, ist mir ein Rätsel.

Ich sehe diese immer wiederkehrende Diffamierung von Kranken durch Ärzte und ihre Funktionäre als einen Ausdruck der Hilflosigkeit, weil es bisher nichts und niemandem gelungen ist, in diesem undurchdringlichen Gestrüpp des Lobbyismus und der Partikularinteressen Patienten sinnvoll und zielführend zu einer angemessenen Behandlung zu lenken. Patienten-Bashing ist das Begleitkonzert zu dem sozialpolitischen Umschwung, der die Krankheitskosten Schritt für Schritt von der Solidargemeinschaft auf den einzelnen Kranken abwälzt.

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