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Gesundheit Comeback in die Pflege

Dr. Hontschiks Diagnose: Zehntausende stünden bereit - aber die Bedingungen müssen stimmen.

Überall ist die Rede vom Pflegepersonalmangel. Es gibt zu wenige Schwestern und Pfleger in den Krankenhäusern, so dass immer wieder Betten gesperrt werden müssen. Mitunter sind ganze Stationen betroffen und stehen komplett leer. Auch in der ambulanten Krankenpflege spitzt sich die Situation zu. Pflegedienste müssen immer häufiger Aufträge ablehnen oder laufende Pflegeeinsätze verkürzen, um zusätzliche Patient*innen versorgen zu können. Sogar im Palliativbereich, bei der Betreuung unheilbar Kranker oder Sterbender, werden Pflegevereinbarungen gekündigt, weil Personal fehlt. Und auch im Bereich der Altenpflege sind nach Angaben der Bundesregierung zur Zeit etwa 15.000 Stellen nicht besetzt. Mangelverwaltung wohin man auch schaut.

Es hat ein gewaltiger Kahlschlag in der Krankenhauslandschaft stattgefunden. Die Hälfte von ehemals knapp 4000 Krankenhäusern wurde in den letzten 25 Jahren geschlossen. Die Liegezeit, also die durchschnittliche Aufenthaltsdauer aller Patient*innen im Krankenhaus, hat sich von etwa zwei Wochen auf eine Woche halbiert. Gleichzeitig wurde die Anzahl der Planstellen für Pflegekräfte um 50.000 Stellen reduziert. Die Fallzahlen aber stiegen von etwa 16 auf knapp 20 Millionen an. Mit anderen Worten: Immer weniger Pflegekräfte müssen in der Hälfte der Zeit immer mehr Patient*innen versorgen. Arbeitshetze, Überstunden, Fehleranfälligkeit und Burnout sind unvermeidlich. Als Folge dieses Teufelskreises sind über 300.000 voll ausgebildete Pflegekräfte aus ihrem Beruf ausgestiegen, oder besser gesagt: geflohen.

Eine erste, allerdings hilflose gesetzgeberische Maßnahme war es, die bislang getrennten Ausbildungsgänge für Krankenpflegekräfte, für Kinderkrankenpflegekräfte und für Altenpflegekräfte zusammenzulegen, um eine gegenseitige Austauschbarkeit zu erreichen, obwohl alle Fachleute und sämtliche Berufsverbände dagegen waren. Nun hat sich der Bundesgesundheitsminister zwei neue Maßnahmen ausgedacht. Zum einen sollen Pflegepersonal-Untergrenzen eingeführt werden. Das ist eigentlich eine gute Idee, denn dann sind nicht mehr zu wenige Pflegekräfte für die Versorgung zu vieler Patient*innen zuständig. Es werden dadurch allerdings noch mehr Betten geschlossen werden müssen, denn am Mangel ändert das gar nichts. Zum anderen sollen sofort 13.000 neue Pflegestellen geschaffen werden. Das ist eigentlich auch eine gute Idee. Aber was nutzt eine Stelle, wenn sie nicht besetzt werden kann? 

In dieser Situation kommen nun aber nicht etwa die Verantwortlichen, sondern es kommt der börsennotierte Medizinprodukte-Hersteller Hartmann auf die simple Idee, bei den Aussteiger*innen nachzufragen, ob und wie man sie zu einer Rückkehr in ihren Pflegeberuf bewegen könnte. Und siehe da, von den ehemaligen Pflegekräften würde tatsächlich etwa die Hälfte gerne in ihren angestammten Beruf zurückkehren. Wie so viele andere Berufe im Sozialbereich ist der Pflegeberuf nämlich eine Berufung. Einen solchen Beruf verlässt man nicht ohne Not. Und daher hat die Befragung also ergeben, dass knapp die Hälfte der Aussteiger*innen, das sind etwa 150.000 voll ausgebildete Pflegekräfte, liebend gerne und sofort wieder in ihren alten Beruf zurückkehren würden.

Sie würden zurückkommen, wenn Arbeitszeiten und Erholungsphasen geregelt wären. Wenn durch ausreichende Personaluntergrenzen die chronische Überforderung und Arbeitshetze beendet wäre. Wenn eine angemessene, tariflich festgelegte Bezahlung garantiert wäre. Wenn ihrem Beruf die Wertschätzung und der gebührende Respekt entgegengebracht würde.

Man stelle sich vor, es wäre mit einem Schlag Schluss mit dem Gezacker und dem Geschacher um eine Stelle hier und eine halbe Stelle dort. Es wäre Schluss mit der ständigen Mangelverwaltung und dem nervigen Gejammer über fehlende Fachkräfte. Es wäre kein Vorlauf in jahrelangen Ausbildungsgängen nötig. Nein, stattdessen kämen 150.000 hochmotivierte Pflegekräfte voller Freude zurück aus Büros und Geschäften wieder in den Beruf, für den sie sich ursprünglich einmal entschieden hatten. Sie kämen zurück in geregelte Arbeitsverhältnisse. Sie würden respektiert und gut bezahlt. Sie bräuchten keinen Sprachkurs, nur wenig Einarbeitung und brächten ihre ganze Berufserfahrung mit. Eine großartige Vorstellung. Sie wäre in kürzester Zeit realisierbar. 

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