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Eid des Hippokrates Ethisch unmöglich

Der hippokratische Eid ist nur noch von historischer Bedeutung und müsste erneuert werden. Eine ethisch korrekte Formulierung ist aber kaum möglich.

Hippokrates
Die Statue des Hippokrates vor der Staatsbibilothek in München. Foto: imago

Sie glauben bestimmt, dass Ihr Arzt, dass Ihre Ärztin nach dem Medizinstudium den Eid des Hippokrates geschworen hat. Sie glauben sicher auch, das sei eine Voraussetzung, um den Beruf einer Ärztin und eines Arztes ausüben zu dürfen. Weit gefehlt. Die meisten Ärztinnen und Ärzte wissen nicht einmal, was im Eid des Hippokrates eigentlich steht. Und die Approbationsurkunde kommt per Post, wenn die Gebühr eingezahlt ist.

Hippokrates von Kos lebte etwa 400 Jahre vor unserer Zeitrechnung und gilt als einer der berühmtesten Ärzte des Altertums. Das „Corpus hippocraticum“, ein 61 Schriften umfassendes Werk, wird heute als Begründung der modernen Medizin bezeichnet. In ihm wird die genaue Beobachtung, die sorgfältige Untersuchung und das gezielte Befragen als Grundlage jeder ärztlichen Tätigkeit gefordert. Außerdem wird persönliche Integrität, körperliche und geistige Klarheit und das Einfühlen in die Situation der Kranken verlangt. Die Schriften stammen aber wohl gar nicht nur von Hippokrates. Auch den „Eid des Hippokrates“ als Teil des Corpus hippocraticum hat er wahrscheinlich nicht selbst verfasst.

Der Wortlaut des hippokratischen Eides enthält zu Beginn eine Art von berufsinterner Lebens- und Krankenversicherung: „Der mich diese Kunst lehrte“ soll geachtet und versorgt werden wie die eigenen Eltern, ebenso sind seine Nachkommen den eigenen Geschwistern gleichzustellen, wenn sie Not leiden. Auch Sterbehilfe und Schwangerschaftsabbruch waren vor mehr als 2000 Jahren schon ein Thema, beides im hippokratischen Eid strikt verboten. Aber die Gebote, Kranken niemals Schaden zuzufügen, niemals „Werke der Wollust an den Leibern von Frauen und Männern“ zu verüben und niemals das Schweigen zu brechen darüber, „was ich bei der Behandlung sehe oder höre“, könnte man so auch in einer modernen Formulierung ärztlicher Ethik wiederfinden.

Insgesamt ist der hippokratische Eid also nur noch von historischer Bedeutung. Er müsste erneuert werden. Eine Kommission der Bundesärztekammer beschäftigt sich damit schon seit Jahren. Als Vorbild gäbe es beispielsweise das Genfer Gelöbnis, eine modernisierte Form des hippokratischen Textes, die der Weltärztebund 1948 beschlossen hat, oder die Charta zur ärztlichen Berufsethik von 2002, in der medizinische Fachgesellschaften Prinzipien formuliert haben wie das Primat des Wohlergehens des Kranken, das Prinzip der Autonomie des Patienten und die Bedeutung der sozialen Gerechtigkeit. Alle Versuche der Erneuerung scheitern aber daran, was ärztliche Arbeit heute wirklich zerstört. Wie soll man sich in einem Umfeld ethisch korrekt verhalten, in dem Investoren eine Rendite anstreben, bis hin zu obszönen zehn Prozent? Wie soll man das ethisch korrekt formulieren?

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