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Dr. Hontschiks Diagnose Wunschdaten

Vom Sinn und Unsinn der elektronischen Gesundheitskarte.

Gesundheitskarte
Dr. Hontschik diagnostiziert, dass es gar nicht um die Gesundheit gehe, sondern um gewaltige Investitionen und Gewinne für die Hard- und Softwareindustrie. Foto: Imago

Es könnte so einfach sein, wenn es bloß um gute Medizin ginge. Aber das Projekt will und will nicht in Gang kommen. Einige Milliarden Euro sind schon versenkt worden, und immer noch klappt rein gar nichts. Sie sollte 2006 eingeführt werden, ein zweistelliger Millionenbetrag war dafür geplant. Elf Jahre später, drei bis vier Milliarden Euro sind inzwischen ausgegeben, verkündet das Bundesgesundheitsministerium schon wieder, dass der erste Schritt zur Einführung der elektronischen Gesundheitskarte, das sogenannte „Versichertenstammdatenmanagement“, erneut verschoben werden muss. Es stünden die technischen Geräte noch nicht in ausreichender Zahl zur Verfügung.

Die Elbphilharmonie hat nicht 70, sondern um die 700 Millionen Euro gekostet, die Bauzeit wurde gewaltig überschritten, aber jetzt kann man dort wenigstens grandiose Konzerte hören. Dafür ist sie ja gebaut worden. Am Berliner Flughafen wird schon seit elf Jahren gebaut, er kostet eine Milliarde nach der anderen, aber eines Tages werden dort Flugzeuge starten und landen, das steht fest. Dafür wird er ja schließlich gebaut. Aber was ist mit der elektronischen Gesundheitskarte? Wofür wird die gebraucht?

Arztpraxis wird zur Außenstelle der Krankenkasse

Wenn man etwas verschleiern will, muss man unverständliche Worte benutzen. Ein solches Wort ist „Versichertenstammdatenmanagement“. Gemeint ist eine Online-Verbindung zwischen Arztpraxis und Krankenkasse. Bei jedem Arzttermin wird in Zukunft überprüft, ob mit der Krankenversicherung alles in Ordnung ist. Dem Missbrauch soll vorgebeugt werden, heißt es. Jede Arztpraxis wird dadurch sozusagen zu einer Außenstelle der Krankenkasse. Die Krankenkasse weiß auf die Minute und Sekunde genau, wann wer wo in welcher Arztpraxis war.

Wie gesagt: Es könnte so einfach sein, wenn es nur um gute Medizin ginge. Dann hätten wir alle längst zusammen mit unserem Hausarzt alle gesundheitsrelevanten Daten auf unserer Chipkarte gespeichert. Darauf könnte man im Notfall zugreifen, man könnte schädliche Medikamenten-Interaktionen erkennen und Ärzte und Krankenhäuser könnten untereinander auf kurzem Weg digital kommunizieren. Das nennt man ein Netzwerk, innerhalb dessen mit strengsten Zugangsregelungen point-to-point-Kommunikation ermöglicht wird.

Speicherung aller Gesundheitsdaten geplant

Da es aber gar nicht wirklich um Ihre Gesundheit geht, sondern um gewaltige Investitionen und Gewinne für die Hard- und Softwareindustrie, wird statt eines Netzwerkes und seit mehr als elf Jahren die Speicherung unser aller Gesundheitsdaten in zentralen Riesenservern geplant. Damit werden nicht nur alle tiefgreifenden Veränderungen und Fortschritte der digitalen Kommunikation in den letzten elf Jahren ignoriert, auch die Gefahren, die zentrale Server in ihrer Anfälligkeit für Hacker und andere Kriminelle bieten, werden ausgeblendet.

Gerade sind 200.000 komplette Adressdaten der Post frei lesbar im Netz gelandet, gerade ist das Buchungsnetz der Deutschen Bahn außer Funktion gehackt worden, und gerade ist das britische Gesundheitswesen nur knapp dem totalen Zusammenbruch entgangen, nachdem Kriminelle mit einer sogenannten Ransomware, auch Erpressungstrojaner genannt, in die zentralen Computer der Krankenhäuser eingebrochen waren.

Es geht nicht abstrakt um irgendeinen Datenschutz, sondern es geht um den Schutz von Menschen, es geht um deren gesundheitliche Daten. Die derzeitigen Planungen der elektronischen Gesundheitskarte, die gar nichts mit Gesundheit zu tun hat, müssen endlich zu Grabe getragen werden.

Es könnte ja so einfach sein, wenn es wirklich nur um gute Medizin ginge. Dann gäbe es keine zentralen Datenspeicher, dann würde jede Patientin und jeder Patient immer und überall uneingeschränkt selbst über alle Daten auf der individuellen Chipkarte bestimmen. Kein Hacker, kein Erpresser hätte auch nur den Hauch einer Zugriffschance. Warum nur machen wir das nicht so? Ist die Zugriffsmöglichkeit auf die zentral gespeicherten Daten vielleicht heimlich erwünscht?

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