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Dr. Hontschiks Diagnose Tabubruch

Ein schnöder Euphemismus im Gesundheitswesen lautet „Upcoding“. Was aber bedeutet das? Dr. med. Bernd Hontschik, Chirurg und Publizist, erklärt es in seiner Kolumne.

Steckt hinter dem chronischen Husten nicht vielleicht doch eine Lungenentzündung? Das sollte man lieber röntgen... Foto: imago/Science Photo Library

Vor einer Woche hat Doktor Jens Baas, der Chef der TKK, der mit fast zehn Millionen Mitgliedern größten deutschen Krankenkasse, einen Sturm im Blätterwald ausgelöst, sogar Staatsanwaltschaften hat er geweckt. Seine skandalträchtige Äußerung in einem Interview mit der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ lautete, dass Krankenkassen ständig „schummeln“ würden. Man könnte auch sagen: Kassen halten Ärzte zu ständigem Betrug an. Der zugehörige Euphemismus heißt „Upcoding“. Was bedeutet das?

Vor acht Jahren wurde der Gesundheitsfonds erfunden. Der Krankenkassenbeitrag wird seitdem nicht mehr an die eigene Krankenkasse abgeführt, sondern an diesen Gesundheitsfonds. Der wiederum verteilt nun diese Einnahmen auf die über 200 Krankenkassen der Republik, und zwar nach Anzahl, Alter, Geschlecht und Gesundheitszustand ihrer Mitglieder.

Einfach gesagt: Je kränker die Mitglieder einer Krankenkasse, desto mehr Geld erhält diese. Das nennt man morbiditätsorientierten Risikostrukturausgleich („Morbi-RSA“). Für diesen Morbi-RSA gibt es nun eine Liste von 80 schweren Krankheiten, die zu einer signifikant erhöhten Geldzuweisung an die Kassen führen.

Während die Krankenkassen bis dato auf den jungen, gesunden Versicherten erpicht waren, der einen Überschuss von 350 Euro im Jahr garantierte, verursachten Kranke, also die sogenannten „schlechten Risiken“, einen Verlust von etwa 700 Euro.

Nun war es aber genau umgekehrt: „gute Risiken“ bringen nichts, „schlechte Risiken“ sind gefragt, weil lukrativ! Was lag da für die Kassen näher, als Kontakt zu Ärzten aufzunehmen, welche ja die Codierung der Krankheiten täglich abertausendfach vornehmen?

Es soll niedergelassenen Ärzten sogar eine Geldsumme pro Patient geboten worden sein, wenn sie sich bei der Codierung von geschulten Kassenangestellten „beraten“ lassen. Ist ein chronischer Husten nicht vielleicht doch eine Lungenentzündung? Hinter ständigen Bauchschmerzen steckt doch sicher eine chronisch-fistelnde Darmentzündung? Und wer kann schon den Unterschied zwischen einem Verdacht auf Diabetes und einem manifesten Diabetes kontrollieren? Diese „Diagnoseoptimierung“ also ist es, die man „Upcoding“ nennt. Ist das nicht irre?

Auf meinem Schreibtisch ist eine Ablage, in die werfe ich Nachrichten, E-Mails und Zeitungsartikel, die mit dem Gesundheitswesen zu tun haben, oder mit der Medizin, oder mit beidem.

Diese Woche lag das Interview mit Jens Baas ganz obenauf, auch wenn doch der Gesundheitsfonds schon acht Jahre alt ist. Was Jens Baas sagt, ist Eingeweihten ja längst bekannt. Aber dass er das als Chef der größten Krankenkasse offen zugibt, das ist das Besondere.

In dieser Woche ist mir das Schreiben schwerer gefallen als sonst. Ich weiß, dass wir in einem wohlhabenden Land leben, und ich weiß auch, dass es den meisten Menschen auf dieser Welt schlechter geht als uns. Auch ich sehe jeden Abend die Bilder von Terror, Schrecken und Krieg im Fernsehen. Aber zurzeit wird in Syrien eine Grenze überschritten. Ein Tabu wird gebrochen: Krankenhäuser werden bombardiert. Selbst Ärzte ohne Grenzen mussten dieser Zerstörungsorgie weichen. Niemand kann mehr helfen.

Da kommt mir eine erneute Kolumne über das Upcoding in unserem ansonsten gut funktionierenden Gesundheitswesen, wie ich sie an genau dieser Stelle in dieser Zeitung vor acht Jahren im Übrigen auch schon geschrieben hatte, irgendwie unwichtig vor.

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