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Dr. Hontschiks Diagnose Schnittmuster

Her mit einem Ministerium für Armut und Einsamkeit!

Bund und Länder haben Gesundheitsministerien. Jedenfalls hatten sie bis vor kurzem noch alle eines. Seit November 2016 hat das Land Mecklenburg-Vorpommern keines mehr. Das dortige Gesundheitsministerium war bislang mit dem Sozialen unter einem Dach, wie überall sonst und schon immer. Jetzt ist es im ersten deutschen Bundesland zu einem Anhängsel der Wirtschaft geworden. Ein Tabubruch. Es heißt dort seitdem Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Gesundheit. Ist denn das Gesundheitswesen, ist denn die Gesundheitspolitik kein eigenes Ministerium mehr wert?

Der Zuschnitt von Ministerien spiegelt immer ihre Bedeutung in der Gesellschaft wider. Und natürlich ist das Gesundheitswesen noch immer ein eigenes Ministerium wert. Es hat seine Bedeutung keineswegs verloren, sondern nur völlig verändert. Ein Minister ist im ursprünglichen Wortsinn ein Diener, ein Helfer; das Wort ist entstanden aus dem Komparativ von ‚minus‘. Der Gesundheitsminister ist also ab sofort ein Diener der Wirtschaft. Er ist jetzt zuständig für den weiteren schrittweisen Rückzug des Staates aus der Daseinsvorsorge, für die weitere Freigabe des Krankenhaussektors für private Investoren und Aktiengesellschaften, kurz: für die weitere Umwandlung des Gesundheitswesens von einem Sozialsystem hin zu einem Wirtschaftszweig. Die Gesellschaft verändert sich, also auch die Zuschnitte der Ministerien.

Eine ganz andere, mindestens genauso aufregende Veränderung der Ministerien fand in diesen Tagen in Großbritannien statt. Seit Anfang Januar gibt es dort ein Ministerium für Einsamkeit. Die bisherige Staatssekretärin für Sport Tracey Crouch (43) soll mit der Kampagne „End Loneliness“ der zunehmenden Vereinsamung von immer größeren Teilen der Bevölkerung entgegenwirken. Regierungschefin Theresa May begründete den überraschenden Schritt mit der „traurigen Realität des modernen Lebens“ von mindestens neun der 66 Millionen Briten, die ständig einsam seien.

Erwiesen ist, dass Einsamkeit und soziale Isolation die Sterblichkeit genauso stark erhöhen wie starkes Rauchen. Der weltberühmte Kardiologe Bernard Lown (96) sagte schon vor vielen Jahren: „Ich habe mich mein ganzes Leben als Arzt mit den Krankheiten von Herz und Kreislauf beschäftigt, mit den Menschen, die herzkrank werden. Risikofaktoren, über die ständig geforscht und gesprochen wird, Cholesterin, Bluthochdruck und so weiter, sind vergleichsweise unwichtig. Für das Entstehen so vieler Herz-Kreislauf-Krankheiten sind traurige, tragische Lebensumstände verantwortlich: Einsamkeit, Verzweiflung und Aussichtslosigkeit.“

Solch ein Ministerium könnte doch auch für unser Land interessant sein. Ich würde es allerdings etwas anders zuschneiden und auch etwas anders benennen, nämlich Ministerium gegen Armut und Einsamkeit. Armut und Einsamkeit sind zwei Seiten der gleichen Medaille. Es hat sich nicht nur die Anzahl der Alleinerziehenden in den vergangenen 15 Jahren um 50 Prozent erhöht, sondern von ihnen sind inzwischen mehr als die Hälfte von Armut betroffen.

Dies führt unmittelbar zu Kinderarmut. Kinderarmut bedeutet frühe Abkoppelung vom gesellschaftlichen Leben. Schulausflüge, Bücher, Kinobesuche, Computer und Internet, Ausgehen mit Freunden kosten Geld. Arme Eltern – arme Kinder: Armut ist erblich. Kinder können sich selbst nicht aus dieser Zwangslage befreien. In allen Lebensabschnitten ist der Zusammenhang zwischen Armut und Gesundheit nachweisbar, bis hin zu der um etwa zehn Jahre geringeren mittleren Lebenserwartung in den sozial benachteiligten und armen Bevölkerungsgruppen.

Das Ministerium für Armut und Einsamkeit wäre also ein wahres Gesundheitsministerium.

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