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Dr. Hontschiks Diagnose Oslo, Aachen, Cochem an der Mosel

Nobelpreis, Friedenspreis, Strafbefehl: Was ist schon Hausfriedensbruch gegen die drohende Zerstörung unserer Welt?

Ican-Transparent
Protest gegen Atomwaffen: Ein Transparent der mit dem Friedensnobelpreis ausgenezeichneten Organisation Ican (International Campaign to Abolish Nuclear Weapons) am Fliegerhorst Büchel, in dem Atomwaffen stationiert sind. Foto: imago

Als eine weltweite Ärzteorganisation mit dem ungelenken Namen IPPNW im Jahr 1985 den Friedensnobelpreis erhielt, waren die Reaktionen außerordentlich heftig. IPPNW steht für International Physicians for the Prevention of Nuclear War.

Besonders lautstark kritisierten der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl, der damalige CSU-Vorsitzende Franz-Josef Strauß und der damalige CDU-Generalsekretär Heiner Geißler die Preisverleihung in Oslo. Sie bezeichneten diese weltweit gegen die atomare Kriegsgefahr tätige Vereinigung von über hunderttausend Ärztinnen und Ärzten in West und Ost als „Weltverschwörer gegen das christliche Abendland“, die „im Vorfeld kommunistischer Frontorganisationen tätig“ seien.

Über allem wehte damals noch der Wind des kalten Krieges. Das Nobelpreis-Komitee aber antwortete Helmut Kohl damals lapidar, dass vor ihm erst einmal ein deutscher Kanzler gegen eine Friedenspreisverleihung protestiert habe, nämlich Adolf Hitler gegen die Auszeichnung des KZ-Insassen Carl von Ossietzky im Jahr 1935.

32 Jahre nach der IPPNW erhielt nun vor 14 Tagen eine Organisation mit dem Namen Ican den Friedensnobelpreis. Ican steht für International Campaign to Abolish Nuclear Weapons. Die Ican wurde vor zehn Jahren von zwei australischen Ärzten der IPPNW, Tilman Ruff und Bill Williams, gegründet. Zu Ican gehören heute 468 Organisationen in über 100 Ländern der Welt.

Im Juli 2017 wurde unter dem Dach der Vereinten Nationen ein Vertrag zum Verbot von Atomwaffen von 122 Nationen unterzeichnet, was vor allem ein Erfolg der unermüdlichen Arbeit von Ican war. Diesmal machte sich die Bundesregierung nicht mit Protesten lächerlich, sondern mit einer halbherzigen Gratulation: Im gleichen Atemzug wurde die Unterzeichnung des Atomwaffen-Verbotsvertrages abgelehnt. Atomwaffen seien für Deutschland unverzichtbar zur Aufrechterhaltung eines „nuklearen Gleichgewichts“. 

Deutschland ist zwar keine Atommacht wie Frankreich oder Großbritannien, trotzdem sind in Deutschland aber Atomwaffen der USA beziehungsweise der Nato stationiert. Sie befinden sich im Fliegerhorst Büchel, unweit des schönen Städtchens Cochem an der Mosel.

Deswegen ist Büchel mit einem Protestcamp am Tor, mit Mahnwachen, mit kulturellen Veranstaltungen und Aktionen des zivilen Ungehorsams erneut zu einem politischen Brennpunkt der Friedensbewegung, also auch von Ican und der IPPNW geworden.

Vor mehr als 30 Jahren war ein solcher Protest in Mutlangen schon einmal erfolgreich, da waren aber auch Heinrich Böll, Walter Jens, Volker Schlöndorff, Günther Grass und Rolf Hochhuth mit dabei. Die Aufmerksamkeit war groß.

Der bislang weitgehend unbeachtete Protest von heute hat die gleichen Ziele wie damals, nämlich den Beitritt Deutschlands zum Atomwaffen-Ächtungsvertrag, den Stopp weiterer nuklearer Modernisierung und Aufrüstung und den Abzug aller Atomwaffen aus Deutschland. Vor einem Jahr gelang es den Demonstranten sogar, mit Luftballons und Transparenten auf das militärische Sperrgebiet der Start- und Landebahn des Luftwaffenstützpunktes Büchel vorzudringen.

Zu den Protestierern gehört auch die Junepa, das Jugendnetzwerk für politische Aktion, das gerade mit dem diesjährigen Aachener Friedenspreis ausgezeichnet worden ist. Mit dabei war da auch der IPPNW-Arzt Ernst-Ludwig Iskenius, zu Hause in Villingen-Schwenningen Koordinator des Vereins Refugio, der traumatisierte Flüchtlinge betreut. Vom Amtsgericht Cochem ist Ernst-Ludwig Iskenius deswegen jetzt wegen Hausfriedensbruch zu einer Geldstrafe von 30 Tagessätzen verurteilt worden.

Aus Oslo kommt der Nobelpreis, aus Aachen kommt ein Friedenspreis, und vom Amtsrichter in Cochem kommt ein Strafbefehl. Aber was ist schon Hausfriedensbruch gegen die drohende Zerstörung unserer Welt? Bei einem Atomkrieg wird es keine ärztliche Hilfe mehr geben. Es gibt keine Behandlung. Es ist keine Rettung möglich. Deswegen sagt es die IPPNW immer wieder: Wir werden Euch nicht helfen können!

Weiterlesen: www.ippnw.de

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