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Dr. Hontschiks Diagnose Operativer Furor

Bei Krankheiten und Operationen gibt es gravierende regionale Unterschiede. Um das zu verstehen, muss man der Spur des Geldes folgen.

08.07.2017 09:23
Operation
In Fulda werden ungewöhnlich viele Rückenoperationen durchgeführt. Foto: dpa

Deutschland ist das Land der Herzkrankheiten, in Großbritannien erkrankt man eher am Gedärm und in Frankreich an der Leber. Was in einem Land als Krankheit gilt, wird woanders gar nicht zur Kenntnis genommen: So wird der niedrige Blutdruck, die Hypotonie, in internationalen Veröffentlichungen immer wieder als „german disease“ belächelt. Vielleicht spielen medizinische Traditionen eine Rolle, vielleicht auch die unterschiedlichen Vergütungssysteme, aber eine wirklich schlüssige Erklärung für diese nationalen Unterschiede gibt es nicht.

Auch innerhalb einer Nation kann es sehr unterschiedlich zugehen. Künstliche Kniegelenke werden nirgends so häufig implantiert wie in Bayern. In Ravensburg wird doppelt so oft an der Prostata operiert wie im Allgäu. Leistenbruchoperationen sind an der Mosel viel häufiger als in Regensburg. Sogar innerhalb der gleichen Region gibt es große Ausschläge: In Aurich wird die Gebärmutter nur halb so oft entfernt wie im benachbarten Emsland. Hier kann man wohl kaum unterschiedliche medizinische Traditionen annehmen, auch das Vergütungssystem ist überall gleich. Auch hier gilt also wieder: Eine wirklich schlüssige Erklärung für diese regionalen Unterschiede gibt es nicht.

Außerdem gibt es noch lokale Unterschiede. Man könnte meinen, zwischen 2007 und 2015 sei in Deutschland eine Rückenschmerz-Epidemie ausgebrochen. Die Zahl der Krankenhausaufenthalte wegen Rückenschmerzen stieg um mehr als 70 Prozent, und die Zahl der Rückenoperationen stieg von 452 000 auf 772 000, auch um mehr als 70 Prozent.

Das ist natürlich nicht die Folge einer Epidemie, sondern die Folge einer Veränderung des Vergütungssystems. 2004 wurde die Krankenhausfinanzierung von einem zeitbezogenen System („Tagessatz“) auf ein diagnosebezogenes System („Fallpauschale“) umgestellt. Rückenoperationen werden in diesem Fallpauschalen-System sehr gut bezahlt. Wenn man die „Epidemie“ verstehen will, muss man der Spur des Geldes folgen. Für diese lokalen Unterschiede finden sich also schlüssige Erklärungen.

Es sind Hochburgen für Rückenoperationen entstanden, sozusagen Leuchttürme des operativen Furors. Mit unglaublichen Operationszahlen ragt besonders das Gebiet rund um Fulda in Nord- und Osthessen und dem benachbarten Westthüringen aus dem bundesdeutschen Durchschnitt hervor. In der ARD-Sendung „Operieren und kassieren“, die noch bis Juni 2018 in der ARD-Mediathek abrufbar ist, wurde jüngst für die Operation der Wirbelsäulenversteifung festgestellt, dass in Fulda dreizehn Mal so viele Eingriffe vorgenommen werden wie in Frankfurt an der Oder. Im bundesdeutschen Durchschnitt werden im Jahr 199 Bandscheibenoperationen bei 100 000 Einwohnern durchgeführt. In Dresden sind es nur 99, in Fulda 514 und in Hersfeld-Rothenburg 567. Es entscheidet der Wohnort darüber, ob operiert wird oder nicht. Das gilt natürlich für alle Operationen, nicht nur am Rücken.

An solchen Wohnorten brauchen Patientinnen und Patienten besondere Unterstützung. Am wichtigsten ist die Transparenz. Ob es am eigenen Wohnort mit rechten Dingen zugeht, kann man im Faktencheck Gesundheit der Bertelsmann Stiftung nachlesen – oder man kann seinen Hausarzt darum bitten. In und um Fulda beispielsweise bräuchte es außerdem Hausärzte, die über Alternativen zu Rückenoperationen informieren können. Es bräuchte Krankenkassen, die ihren Medizinischen Dienst mit qualifizierten Sprechstunden für Beratungen öffnen. Und es bräuchte Chirurgen, Orthopäden und Neurochirurgen, die für eine zweite Meinung ohne eigenes monetäres Interesse, die für eine Überprüfung von Operationsindikationen zur Verfügung stehen.

Unter solchen Voraussetzungen könnte Fulda hoffentlich rasch und unauffällig wieder im bundesrepublikanischen Durchschnitt verschwinden.

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