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Dr. Hontschiks Diagnose Etappensieg

Der Pharmakonzern Pfizer macht eine vermeintlich großzügige Spende – die keiner will.

Die schützende Pneumokokken-Impfung ist seht teuer. Foto: rtr

Eine Meldung über Großzügigkeit, Mitmenschlichkeit und Nächstenliebe eines Großkonzerns der Pharmaindustrie kommt mir vor wie eine weihnachtliche Sensation: Der US-amerikanische Konzern Pfizer stellte der Hilfsorganisation ‚Ärzte ohne Grenzen‘ vor kurzem eine Million Impfdosen gegen die von Pneumokokken verursachte Lungenentzündung kostenlos zur Verfügung.

Die Pneumokokken-Pneumonie verursacht eine Million Todesfälle bei Kindern unter fünf Jahren weltweit, mehr als jede andere Infektionskrankheit. Aber nur 37 Prozent aller Kinder weltweit sind geimpft, denn der Impfstoff, den außer Pfizer auch Glaxo Smith Kline herstellt, ist sehr teuer. Nur ein Drittel aller Länder dieser Welt können ihn sich leisten.

Nun ist der Konzern Pfizer bislang nicht gerade bekannt gewesen für große Gesten gegenüber Kindern in Entwicklungsländern. Pfizer musste sich vor sechs Jahren vor einem US-Gericht wegen Medikamententests verantworten, die zuvor an 200 Kindern in der Provinz Kano in Nigeria durchgeführt worden waren. Der Konzern hatte sein Zelt dort direkt neben dem von ‚Ärzte ohne Grenzen‘ aufgebaut. Die Eltern konnten den humanitären Einsatz nicht von dem Medikamententest mit dem bis dato unerprobten Antibiotikum Trovan unterscheiden. Elf Kinder seien daran gestorben, viele lebenslang behindert. Und gerade ist Pfizer wegen Wettbewerbsverstößen zur Zahlung von knapp 100 Millionen Euro verurteilt worden, weil man in Großbritannien „überhöhte und ungerechte“ Preise verlangt hatte.

Zurück zu dem Geschenk von einer Million Pneumokokken-Impfungen: Auf diese großartige Spende folgte eine ebenso großartige Reaktion von ‚Ärzte ohne Grenzen‘, über die man überall zunächst sprachlos war. Die Hilfsorganisation wies die Spende nämlich zurück und erklärte, dass der Pneumokokken-Impfstoff Prevenar völlig überteuert verkauft würde, so dass eine Impfung bei Kindern in Entwicklungsländern unmöglich sei. ‚Ärzte ohne Grenzen‘ forderte Pfizer auf, statt solch willkürlicher Barmherzigkeitsanfälle endlich den Preis des Impfstoffes auf höchstens fünf Euro für die vier erforderlichen Impfdosen zu senken. Der New Yorker Konzern war empört über diese Zurückweisung! Doch bei der Hilfsorganisation blieb man unbeirrt: Man werde keine noch so hohe, aber eben doch begrenzte Zahl von gespendeten Impfungen annehmen, um mit diesem kurzfristigen Nutzen die notwendige Verbesserung für alle zu verhindern. Pfizer hatte 2015 mit diesem Impfstoff immerhin einen Umsatz von über sechs Milliarden US-Dollar erwirtschaftet, was etwa einem Siebtel des Gesamtumsatzes entsprach. 2001 hatte die vollständige Impfung eines Kindes in den Entwicklungsländern laut ‚Ärzte ohne Grenzen‘ noch weniger als einen Dollar gekostet, 2014 dagegen über 45 Dollar, und die Hälfte davon wird allein für die Pneumokokken-Impfung verbraucht. Pfizer hat diesen Impfstoff mit einem Schutzwall von Patenten umgeben und damit alle Prozesse gegen preiswertere Nachahmerpräparate gewonnen.

Mit einer nur scheinbar guten Nachricht hat diese Kolumne begonnen, mit einer wirklich guten Nachricht endet sie jetzt: Nachdem 2015 in Genf bei der UN-Weltgesundheitsversammlung 193 Länder eine Resolution für transparente und bezahlbare Impfstoffpreise verabschiedet hatten, nachdem ‚Ärzte ohne Grenzen‘ bis April 2016 über 400 000 Unterschriften in der Kampagne „A Fair Shot – Bezahlbarer Impfstoff für jedes Kind“ gesammelt und an Glaxo und Pfizer übergeben hatte, nachdem Glaxo Smith Kline dann eine deutliche Impfstoff-Preissenkung ankündigte, hat Pfizer vor einem Monat endlich nachgezogen und ebenfalls eine massive Preissenkung für humanitäre Organisationen vorgenommen. Ein kleiner Schritt in die richtige Richtung, ein großer Schritt für Kinder in Entwicklungsländern!

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