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Dr. Hontschiks Diagnose Apokalyptische Irreführung

90 Prozent aller Antibiotika weltweit werden in Indien und China hergestellt. Das birgt einige Gefahren.

Medikamente
Arzneimittel werden zwar in Deutschland geprüft, aber nicht unbedingt hergestellt. Foto: Friso Gentsch (dpa)

Immer wieder wird von Lieferengpässen bei Arzneimitteln berichtet. Kinderärzte, die nicht mehr impfen können, Internisten, die gängige Hochdruckmedikamente nicht mehr verschreiben können, Onkologen, deren Krebsmedikamente plötzlich nicht mehr zu erhalten sind, Neurologen, denen ein wichtiges Parkinson-Medikament nicht mehr zur Verfügung steht: Der Notstand besteht weiterhin, nicht irgendwo in weiter Ferne, sondern hier, in Deutschland.

Bei meinen Recherchen bin ich im Zusammenhang mit Piperacillin, einem vorübergehend vom Markt verschwundenen Antibiotikum, auf die verblüffende Tatsache gestoßen, dass dieser Engpass durch die Explosion einer Arzneimittelfabrik in China entstanden war. Werden unsere Arzneimittel denn nicht in Deutschland produziert? Weder auf den Beipackzetteln noch auf den Internetseiten der Pharmafirmen findet sich ein Hinweis auf den Produktionsort. Das ist doch seltsam.

Es wird aber noch viel seltsamer. 2015 stellte die letzte Antibiotikafabrik in Deutschland, die Firma Sandoz in Frankfurt-Höchst, ihre Produktion ein. Sie war nicht mehr konkurrenzfähig auf dem globalen Markt. Neunzig Prozent aller Antibiotika, die in der Welt hergestellt werden, kommen aus China und Indien. Das ist weitgehend unbekannt, denn in der Packungsbeilage muss nur die Firma genannt werden, die den letzten Produktionsschritt vollzogen hat, im Fall von Arzneimitteln also die „Kontrolle“. Die findet tatsächlich in Deutschland statt. Aber die Grundsubstanzen werden in China produziert, in Indien werden sie weiterverarbeitet und überallhin exportiert, auch nach Deutschland. „Made in Germany“ ist also nur eine Irreführung.

Das ist aber immer noch nicht das Schlimmste. Hyderabad ist die Welt-Arzneimittel-Hauptstadt, eine Sieben-Millionen-Metropole im Zentrum Indiens. Hunderte von Arzneimittelfirmen haben sich in diesem Moloch aus Schwefelgestank und fauligen Abwasserkanälen angesiedelt, wo das Wasser in rostigen Tanklastern transportiert wird. In einer ARD-Dokumentation konnte man sehen, wie dazwischen Schafe und Rinder über die staubigen, holprigen Pisten der Stadt getrieben wurden. Kanäle, Gräben und Becken wurden gezeigt, in denen sich braune, grünliche und tiefschwarze Flüssigkeiten angesammelt hatten. Mit „minimaler Kontrolle und maximaler Förderung“ wirbt Hyderabad für weitere Industrieansiedlungen.

Im Zuge der ARD-Recherche wurden Wasserproben rund um diese Arzneimittelfabriken entnommen. Sie mussten zunächst stark verdünnt werden, um die Messinstrumente nicht zu zerstören. Es fanden sich bis zu tausendfach höhere Antibiotikakonzentrationen als in der freien Natur jemals zuvor gemessen worden waren. Das gleiche Ergebnis fand sich auch für Antimykotika, also Medikamente gegen Pilzerkrankungen. In den ungereinigten Abwässern rund um diese Fabriken in Indien wachsen also ungestört multiresistente Keime und Pilze heran, die über die Nahrungskette zum Menschen gelangen, von Reisenden mitgebracht werden und mit keinem Antibiotikum oder Antimykotikum der Welt mehr behandelbar sind. Wer sich das eingehandelt hat, für den gibt es keine Rettung mehr.

Laut WHO gehören die multiresistenten Keime zu den größten gesundheitlichen Bedrohungen der Menschheit. Aber diese Bedrohung ist selbst gemacht. In einer globalisierten Wirtschaftswelt sind niedrige Lohnkosten, minimale Sozialstandards, keinerlei Umweltvorschriften und fehlende Transparenz wichtiger als alles andere.

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