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Dr. Hontschik Teuflisch

Wer kam als Erster auf die absurde Idee, dass Krankenhäuser schwarze Zahlen schreiben müssen?

Es ist in den letzten Wochen wieder viel Stoff für neue Kolumnen zusammengekommen, die Auswahl fällt schwer.

So war am 6. November beim Nachrichtensender ntv zu lesen, dass in deutschen Krankenhäusern nicht das Patientenwohl, sondern der Umsatz das Wichtigste sei, weswegen viele grundlose Behandlungen durchgeführt würden. Wissenschaftler der Universität Bremen haben sechzig Ärzte für ihren 250-seitigen Bericht befragt. Das hätten sie allerdings auch einfacher haben können. Ein paar Stunden Hospitation in einem beliebigen Krankenhaus hätten genügt, um die fatalen Folgen der Privatisierungen und der diagnosebezogenen Bezahlsysteme in unserem Gesundheitssystem zu erleben.

Und Warnungen vor diesen fatalen Folgen gab und gibt es genug. Zuletzt hat der Berufsverband Deutscher Internisten die „Ökonomisierung“ als die größte Gefahr für die Qualität der ärztlichen Arbeit bezeichnet, wie der Ärztenachrichtendienst am 16. November berichtet. Das Wort Ökonomisierung finde ich allerdings eine Verschleierung. Es ist die Privatisierung und es ist die Orientierung am Gewinn, die das Gesundheitswesen zerstört. Wenn man doch bloß in Erfahrung bringen könnte, wer als Erster auf die absurde Idee kam, dass Krankenhäuser schwarze Zahlen schreiben müssen.

Der gleiche Ärztenachrichtendienst berichtet ebenfalls am 16. November, dass auf Anordnung der Staatsanwaltschaft Hamburg in den Büros der AOK Rheinland/Hamburg eine Razzia durchgeführt wurde. Es bestehe der Verdacht auf Betrug durch Diagnosemanipulationen, wodurch die AOK sich höhere Zuwendungen aus dem Gesundheitsfonds erschlichen habe. Man darf gespannt sein, ob sich das beweisen lässt. Aber dass das so ist, wissen alle: dass Diagnosen systematisch aufgebauscht werden (sogenanntes Upcoding), damit mehr Geld in die eigene Richtung fließt.

Auf der Online-Plattform medscape findet sich am 20. November die Horrormeldung des Monats, hier zum Thema „Zukunft ist heute “: Die US-amerikanische Arzneimittelbehörde FDA hat ein Schizophrenie-Medikament namens Aripiprazol mit einem integrierten Sender zugelassen. Ein in jede einzelne Tablette eingelassener Sandkorngroßer, verdaulicher Minichip sendet bei Kontakt mit Wasser elektrische Signale aus. Der Sender funkt an ein an der Schulter angebrachtes Pflaster, das die Meldung an eine mobile App weiterleitet. Das Smartphone zeichnet dann Datum, Uhrzeit und Dosis der Tabletteneinnahme auf, dazu alle möglichen sonstigen Daten über körperliche Aktivitäten. Die App kann diese Daten überall hin weitergeben. Die App kann alarmieren, wenn das Medikament nicht eingenommen wurde. Mit diesen „Smartchips“ kann man die Medikamenteneinnahme von Kranken lückenlos überwachen.

Das System scheint mir ausbaufähig: Weitere kleine Batterien im Pflaster könnten Stromschläge auslösen, wenn die Medikamenteneinnahme unterlassen wurde. Kleine Sensoren in Türgriffen könnten Auskunft darüber geben, wie viele Patienten mit Schizophrenie sich gerade im Raum aufhalten. Welcher Teufel ist bloß auf die Idee gekommen, ausgerechnet Schizophrenie-PatientInnen solche Sensoren zu verabreichen? Was macht das wohl mit einem Menschen, der sowieso schon unter Verfolgungswahn leidet? Aber warum es bei der Schizophrenie bewenden lassen? Schon seit 2008 testet der Schweizer Pharmakonzern Novartis gemeinsam mit Google Kontaktlinsen, die den Blutzuckerwert kontrollieren können. Und ebenfalls Novartis testet gemeinsam mit dem weltweit führenden kalifornischen Unternehmen Proteus Medical solche Smartchips mit dem Blutdruckmedikament Valsartan.

Jede Tablette könnte doch in Zukunft vor sich hin funken, jede Krankheit könnte eine eigene Frequenz bekommen, und über die Pflaster, die App, die Smartphones und die elektronische Gesundheitskarte könnte man das alles auf zentralen Server sammeln.
Langsam kann man ahnen, wohin das alles führen wird.

Weiterlesen: Juli Zeh: Corpus delicti. btb Taschenbuch 2010; 9,99 Euro.

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