Lade Inhalte...

Diagnose Gewinne privatisiert - Investitionen sozialisiert

So viele Themen rund um Skandale und Ärgernissen wären eine Kolumne wert - doch wieder einmal drängt sich der hessische Ministerpräsident in den Vordergrund.

Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier. (Archivbild) Foto: dpa

Im vergangenen Jahr habe ich 24 Kolumnen verfasst. Was ich aber alles nicht geschrieben habe: Ich hätte noch viel mehr über die elektronische Gesundheitskarte schreiben müssen, denn selbst unter meinen Freunden gibt es immer noch welche, die sie für einen Fortschritt halten. Ich hätte über den Pflegereport 2012 schreiben müssen, der feststellte, dass Frauen im Alter doppelt so hohe Pflegekosten verursachen wie Männer – angeblich, weil sie so viel älter werden. Unter den Tisch fällt die gewaltige, für unsere Gesellschaft ganz und gar kostenlose Pflegeleistung von Frauen in Familien, für Eltern, Schwiegereltern, Männer und Geschwister.

Ich hätte von Deutschlands skandalösester Operation berichten können, bei der von den Chirurgen sechzehn Fremdkörper in dem Patienten vergessen wurden. Mehr als eine Kolumne verdient hätte auch die katholische Kirche, die in Kölner Krankenhäusern medizinische Hilfe verweigert und Nächstenliebe mit Füßen tritt, wenn Hilfesuchende nicht in ihr religiöses Konzept passen.

Auch die sechs von Taliban erschossenen Polio-Impfhelfer in Pakistan wären einen Text wert gewesen. Denn dass die CIA solche Impfhelfer ausbildet und benutzt, um kriegswichtige Informationen auszuspionieren, wurde in den Schreckensmeldungen nicht erwähnt.

Und die überführten Spione der IT-Industrie im Berliner Gesundheitsministerium, die geheime Gesetzespläne an Pharma- und Apothekenlobbyisten verkauft haben, hätten ebenfalls eine Kolumne verdient.

Es gäbe noch so viele Themen. Aber nein. Schon wieder drängelt sich die hessische Landesregierung in den Vordergrund, schon wieder Volker Bouffier: Wollte sich das Land Hessen durch die Privatisierung eigentlich von den Schulden der Universitätskliniken Marburg und Gießen befreien, so erhält der gescheiterte Rhön-Konzern ab sofort jedes Jahr 13 Millionen Euro „Investitionsförderung“. Ihm werden längst fällige Strafzahlungen von 107 Millionen Euro erlassen, dafür wird eine lächerliche Vertragsstrafe von 3,7 Millionen Euro akzeptiert.

Und nach einem siebenjährigen Denkprozess hat die hessische Landesregierung nun tatsächlich erkannt, dass Gießen und Marburg 28,3 Kilometer oder vierundzwanzig Autominuten voneinander entfernt liegen – allein das wird dem Rhön-Konzern ab sofort mit jährlich drei Millionen Euro „vergütet“. Ist das Benzingeld oder was?

Was für eine Regierung, die Vertragsbrüche duldet, Steuergelder verschwendet, Gewinne privatisiert und Investitionen sozialisiert! Es lebe der König.

Kontakt: www.medizinHuman.de

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen