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Burn-out Hetze

Deutliche Zahlen: Zu viel Arbeit, Überlastung und vorhersehbarer Burn-out.

Arbeitsbelastung für Pflegekräfte in Thüringen gestiegen
Die Gegenwart unserer Krankenhäuser gibt Anlass zur Sorge. Foto: Oliver Berg (dpa)

Einem Krankenpflegeschüler war es durch seinen aufrüttelnden Beitrag in einer Fernsehdiskussion gelungen, dass es ganz kurz vor der Bundestagswahl plötzlich doch noch um Soziales ging. Alle Parteien äußerten sich schließlich rasch zum Pflegenotstand, als sei er gerade eben vom Himmel gefallen. Man überbot sich mit Schreckensszenarien. Während es in Deutschland zur Zeit etwa 2,5 Millionen Pflegebedürftige gibt, wird deren Zahl für das Jahr 2030 auf 3,3 Millionen und für 2050 auf 5,3 Millionen geschätzt. Für diesen Bedarf wird es viel zu wenig Pflegekräfte geben, das steht fest. Die Zahl der dann fehlenden Pflegekräfte wird auf mindestens 200.000 geschätzt.

Man muss aber gar nicht so weit in die Zukunft schauen. Die Gegenwart unserer Krankenhäuser gibt Anlass genug, um zu erschrecken. Noch vor 25 Jahren versorgten 420.000 Pflegekräfte etwa 14 Millionen „Fälle“, also Kranke. Heute sind es nur noch 320.000 Pflegekräfte, die 19 Millionen Kranke versorgen. Im gleichen Zeitraum hat sich die durchschnittliche Liegezeit von vierzehn auf sieben Tage halbiert. Damit hat sich die Fallzahl pro Pflegeperson mehr als verdoppelt. Deutlicher kann man Arbeitshetze, Überlastung und vorhersehbaren Burnout nicht in Zahlen fassen. Es fällt allerdings auf, dass die Zahl der Ärztinnen und Ärzte im Krankenhaus gleichzeitig von 126 000 auf 154 000, also um über zwanzig Prozent zugenommen hat. Schon melden sich erste Stimmen, dass die Bevorzugung des ärztlichen gegenüber dem pflegerischen Personal ein Ende haben müsse. Aber wer so spricht, hat entweder keine Ahnung oder schlechte Absichten. Die Wahrheit ist nämlich ein wenig komplizierter.

Als ich vor fast 40 Jahren meine erste Stelle im Krankenhaus antrat, waren für uns Chirurgen acht bis zehn Nachtdienste im Monat die Regel. Ein Tag Arbeit, eine Nacht Arbeit, noch ein Tag Arbeit, 36 Stunden am Stück, das war normal. Am Wochenende war es besonders krass, da begann der Bereitschaftsdienst am Samstag morgen um acht Uhr und endete am Montag mit etwas Glück schon zu Mittag, oft aber auch erst abends: über 50 Stunden am Stück. Eine durchschnittliche Wochenarbeitszeit von 80 Stunden war normal. Wir Assistenzärztinnen und -ärzte probten immer wieder den Aufstand gegen diese Arbeitsbedingungen, aber Chefärzte und Krankenhausleitung ließen uns genauso oft auflaufen. Erst als wir uns einen Anwalt nahmen und diese unhaltbaren Zustände in den Medien und vor dem Arbeitsgericht anprangerten, änderten sich die Arbeitszeitregelungen. Es wurde Freizeitausgleich nach dem Bereitschaftsdienst gewährt, vielerorts wurde gleich Schichtdienst eingeführt.

Es ist selbstverständlich, dass man bei einer Wochenarbeitszeit von 40 Stunden im Vergleich zu den früheren 80 Stunden eigentlich genau doppelt so viele Ärztinnen und Ärzte einstellen müsste. Die um lediglich zwanzig statt hundert Prozent erhöhte Zahl ärztlichen Personals ist auf den zweiten Blick also genauso eine in Zahlen geronnene Beschreibung von Arbeitshetze, Überlastung und programmierten Burnout wie sie beim Pflegepersonal auf den ersten Blick leicht zu erkennen ist.

Ärztliches und Pflegepersonal sind von den Rationalisierungen im Krankenhaus gleichermaßen betroffen. Es gibt dort einen Pflegenotstand genauso wie es dort einen ärztlichen Notstand gibt. Für alle hat die Arbeitshetze und die chronische Überlastung in einem unerträglichen Ausmaß zugenommen. Wenn Pflegepersonal und ärztliches Personal gegeneinander aufgehetzt werden, dann kann das nur den einen Grund haben: Vom eigentlichen Skandal soll abgelenkt werden.

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