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Brustkrebs Kontrolle um jeden Preis

Der richtige Umgang mit Zahlen und Risiken fällt vielen Menschen schwer. Dr. Hontschik über Sinn und Unsinn von Brustkrebs-Screenings.

Am 14. Mai 2013 erschien in der „New York Times“ ein Artikel, in dem die Schauspielerin Angelina Jolie der verblüfften Öffentlichkeit und ihren entsetzten Fans eröffnete, dass sie sich beide Brüste hatte abnehmen lassen. Man hatte bei ihr das Gen BRCA1 gefunden, das ein hohes Brustkrebs-Risiko verursacht. Und da ihre eigene Mutter, auch Trägerin dieser Mutation, mit 56 Jahren an Brustkrebs gestorben war, wollte sie ihren Kindern sagen, „dass sie keine Angst mehr haben müssten, ihre Mutter an Brustkrebs zu verlieren“, denn Jolies statistisches Erkrankungsrisiko war durch diese beidseitige Brust-Entfernung von 87 auf fünf Prozent gesunken.

Aber was ist ein statistisches Risiko? Was heißt das für die Einzelne? Die Propaganda für die Screening-Untersuchungen auf Brustkrebs mit Hilfe der Mammographie hat jahrelang behauptet, die Todesfälle durch Brustkrebs würden durch das Screening um zwanzig Prozent sinken. Zwanzig Prozent! Da kann man doch nichts dagegen sagen, oder? Doch, man kann. Die pure Zahl stimmt, ist aber irreführend. Es scheint zwar richtig, dass ohne Screening fünf von tausend Frauen an Brustkrebs sterben, mit Screening hingegen nur vier. Eine weniger von fünf, da sind sie, die zwanzig Prozent. Aber eine weniger von tausend, das ist ein Promille. Und dieses eine Promille hat seinen Preis: 838 Frauen zwischen 50 und 70 Jahren müssen sich für diesen Effekt einmal im Jahr mammographieren lassen und den erheblichen Schaden durch die Strahlenbelastung tausender von Röntgenaufnahmen, durch Hunderte von Gewebeproben, durch etwa hundert Fehldiagnosen und durch einige unnötige Krebsoperationen hinnehmen.

Der Schaden ist aber noch größer. Zwischen 1982 und 1988 wurde in den USA das Mammographie-Screening installiert. Es kam schlagartig zu einem Anstieg der diagnostizierten Brustkrebs-Fälle um etwa ein Drittel. Das liegt an der übermäßig häufigen Entdeckung von kleinen und kleinsten Veränderungen, die wahrscheinlich nie zu einem gefährlichen Brustkrebs herangewachsen wären. Es hat sich nämlich trotz und mit Brustkrebs-Screening absolut nichts an der Häufigkeit der gefährlichen metastasierenden Form des Brustkrebses geändert. Sie ist seit 1975 und bis heute konstant im ganzen Land.

Die Auffassung, mit der Teilnahme am Brustkrebs-Screening könne man das eigene Leben retten, ist dennoch nicht auszurotten. Als man 5000 Frauen in Deutschland nach ihrer Einschätzung des Nutzens der Mammographie-Früherkennung fragte, hatten nur zwei Prozent eine realistische Einschätzung. 98 Prozent überschätzten den Nutzen um das 10- bis 200-fache oder konnten gar keine Angaben machen. Der Begriff „Vorsorge“ für das Screening wird hartnäckig weiter benutzt, obwohl es sich in Wirklichkeit nur um Früherkennung handelt.

Die Häufigkeit von Brustkrebs ist durch Früherkennung nicht zurückgegangen. Der ökonomische Schaden durch die großangelegten Screening-Programme, mit denen überall im Land Röntgen-Maschinen am Laufen gehalten werden, ist hingegen groß. Der Artikel von Angelina Jolie führte zu einem Run auf die etwa 3000 Dollar teure Gen-Untersuchung, sodass allein in den ersten zwei Wochen nach Erscheinen des Artikel in den USA Kosten von 14 Millionen Dollar entstanden.

Frau Jolie schrieb abschließend in Ihrem Artikel: „Das Leben stellt uns vor immer neue Herausforderungen. Solche, die wir beseitigen und kontrollieren können, sollten uns nicht länger ängstigen.“

Im März 2015 teilte sie in einem weiteren Gastbeitrag für die „New York Times“ mit, dass sie sich nunmehr auch beide Eierstöcke und beide Eileiter habe entfernen lassen. Was kommt wohl als nächstes?

Weiterlesen: Gerd Gigerenzer: Das Einmaleins der Skepsis – Über den richtigen Umgang mit Zahlen und Risiken. Piper, München 2015; 12 Euro

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