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Bluthochdruck Kann sein, dass Sie morgen krank aufwachen

Bald kann niemand mehr von sich sagen, er sei gesund. Zum Beispiel wegen neuen Richtwerten. 30 Millionen Amerikaner sind über Nacht plötzlich krank geworden.

Bluthochdruck
Blutdruck-Messung. Foto: dpa

Wenn Sie heute Abend einschlafen, könnte damit die letzte einigermaßen gesunde Nacht Ihres Lebens angebrochen sein. Die Wahrscheinlichkeit, dass Sie morgen früh krank aufwachen, ist zur Zeit so hoch wie selten zuvor.

In den USA ist das gerade eben etwa dreißig Millionen Amerikanerinnen und Amerikanern passiert, über Nacht. Und nun zieht das Unheil unaufhaltsam Richtung Europa. Eine genaue Voraussage, wann genau es auch bei uns angekommen sein wird, ist zur Zeit nicht möglich, denn das entscheiden Fachleute. Die brauchen noch etwas Zeit. Was sind das für Fachleute?

Internistische und kardiologische ExpertInnen in den USA haben vor kurzem den Richtwert für die Beurteilung des hohen Blutdrucks neu festgelegt. Als erhöhten Blutdruck bezeichnen sie ab sofort Werte über 120 Millimeter Hg (bislang 130), als hohen Blutdruck bezeichnen sie Werte über 130 Millimeter Hg (bislang 140). Waren bisher etwa 32 Prozent der Menschen in den USA an Bluthochdruck erkrankt, so sind es ab sofort mehr als 45 Prozent.

Und was aus den USA kommt, wird von den europäischen, besonders von den deutschen Fachgesellschaften, rasch und willig als eigene Weisheit übernommen. Da knallen die Sektkorken in den Vorstandsetagen der Pharmaindustrie. Die Bonuszahlungen am Jahresende werden in die Höhe schnellen! Akademische Gremien und medizinische Koryphäen sind als Entscheidungsträger Zielobjekte von Einflussnahmen. Pharma-Unternehmen bauen eine Truppe von hoch angesehenen Universitäts-ExpertInnen auf, finanzieren Stiftungen, Forschungsprogramme und Lehrstühle und bezahlen medizinische Zentren zur Durchführung klinischer Studien. Veröffentlicht wird nur, was diesen Auftraggebern gefällt.

Auf diese Weise hat eine Gruppe von ExpertInnen im Mai 2003 in den USA schon einmal die Leitlinien zur Behandlung des Bluthochdrucks neu definiert. Neun der elf Mitglieder dieser Gruppe hatten finanzielle Beziehungen zu Pharmafirmen, die von der neuen Leitlinie direkt profitierten. Es lässt sich leicht berechnen, wie viele Millionen Menschen man zusätzlich zu Hochdruck-Kranken erklären kann, wenn man den systolischen Grenzwert nur um fünf oder gar um zehn Millimeter Hg absenkt.

Im Juli 2004 wurde von einer ähnlichen ExpertInnengruppe außerdem auch die Leitlinie zur Hypercholesterinämie revidiert. Danach waren mit einem Schlag weitere acht Millionen Menschen in den USA zu Kranken geworden, ganz zu schweigen davon, dass genau diese Leitlinie schon einige Zeit zuvor „überarbeitet“ worden war, wodurch etwa 23 Millionen zu Kranken gemacht worden waren.

Der Tag ist nicht mehr weit, an dem eigentlich überhaupt niemand mehr von sich sagen kann, sie oder er sei gesund. Umzingelt von hunderten von Leitlinien, von gekauften ExpertInnen und von fragwürdigen Studien, bedrängt von Ernährungs- und Bewegungsvorschriften, die im Armband dokumentiert und online an die Krankenversicherung übertragen werden, welche bei Wohlverhalten eine als Beitragsrückerstattung verbrämte Belohnung auszahlt, werden wir alle immer kränker und kränker und haben es doch gar nicht gemerkt.

Dr. med. Bernd Hontschik ist Chirurg und Publizist.

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